Bruderschaft und Wahrhaftigkeit im Islam

 

Zweiundzwanzigster Brief

Im Namen dessen, vor dem es kein Ding gibt, das Ihn nicht in Dankbarkeit lobpreist.

Dieser Brief besteht aus zwei Kapiteln. Das erste Kapitel ist eine Einladung an die Leute des Glaubens zur Beüderlichkeit und Liebe.

Erstes Kapitel

“Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen.” “Fürwahr, die Gläubigen sind Brüder. Darum stifte Frieden zwischen deinen Brüdern!” (49,10) “Überwinde das Böse durch das Gute, so wird der, mitdem du bisher verfeindet warst, dir ein vertrauter Freund werden. (41,34) “Sie bezwingen ihren Groll und vergeben den Menschen; und Allah liebt die Rechtschaffenen.” (3,134)

Betrachtet man die Dinge vom Standpunkt der Wahrhaftigkeit und Weisheit aus, vom Gesichtspunkt des Islam, der höchste Menschlichkeit ist, prüft sie hinsichtlich des individuellen Lebens, hinsichtlich des sozialen Lebens, hinsichtlich des spirituellen Lebens, so ist es abscheulich und verwerflich, zerstörerisch und .verbrecherisch, sich auf verschiedene Seiten zu stellen und so einander verbissen zu bekämpfen und zu beneiden. Hierin liegt der Grund für Zwist und Zwietracht, Haß und Feindschaft unter den Gläubigen. Solche Dinge sind Gift für das Leben der Menschheit. Diese Tatsache kann man unter vielen verschiedenen Aspekten betrachten. Wir wollen hier sechs von ihnen verdeutlichen.

Erster Aspekt: Ein Verbrechen im Hinblick auf die Wahrhaftigkeit.Oh Mensch, der du unbillig und ungerecht Haß und Feindschaft gegen die Gläubigen nährst! Angenommen,du befändest dich auf einem Schiff oder in einem Haus und mit dir zusammen wären neun Unschuldige und einVerbrecher. Wenn nun ein Mann versuchen wollte, dieses Schiff zu versenken oder dieses Haus niederzubrennen, so weißt du, welch unverhältnismäßiges Unrecht das wäre. Du würdest über diesem Unrecht die Himmel anrufen, daß sie dich hören sollen. Und selbst wenn es nur einen einzigen Unschuldigen unter neun Verbrechern gäbe, wäre es dennoch gegen jedwedes Recht und Gesetz, dieses Schiff zu versenken. In gleicher Weise gilt: Vergleichen wir einen Gläubigen in seinem Wesen mit einem Haus des Herrn oder einem göttlichen Schiff, so finden sich darin nicht nur neun, nein, sogar zwanzig Attribute wie z.B. der Glaube, die Religion des Islam, eine gute nachbarschaftliche Gesinnung von erwiesener Unschuld vergleichbar. Hegtest du nun etwa den Gedanken oder nährtest in dir gar den Wunsch, einem Gläubigen wegen einer schlechten Eigenschaft, die dich verletzt und dir nicht gefällt, Haß und Feindschaft entgegenzubringen und dieses unsichtbare Haus seiner Persönlichkeit im übertragenen Sinne zu zerstören, zu verbrennen, zu versenken, so wäre das wie in dem angeführten Beispiel eine gnadenlose, eine abscheuliche Ungerechtigkeit.

Zweiter Aspekt: Ein weiteres Verbrechen; eines im Hinblick auf die Weisheit.Dies ist so, weil bekanntermaßen Liebe und Haß einander wie Licht und Finsternis entgegengesetzt sind. Beide können nicht miteinander gemeinsam in ihrem wahren Sinn und Wesen bestehen bleiben.Wenn die Liebe im Herzen eines Menschen hinsichtlich der Qualität ihrer Beweggründe wirkliche Liebe ist,dann wird Haß unwirklich und verwandelt sich in Mitgefühl. In der Tat liebt ein Gläubiger seinen Bruder und muß ihn auch lieben. Das Böse in seinem Bruder aber erregt in ihm nur Mitgefühl. Nicht mit Gewalt bemüht er sich darum, vielmehr in Güte ihn zu veredeln. Darum bringt ein Hadith ganz klar zum Ausdruck: “Ein Gläubiger soll einem anderen Gläubigen nicht länger als drei Tage zürnen, Gespräch und Beziehung zu ihm nicht abbrechen.”

Gewinnen aber die Gründe für eine Feindschaft die Oberhand und bewirkt diese Feindschaft im Herzen eines Menschen wirklichen Haß, dann wird die Liebe darin unwirklich und führt zu Liebedienerei und Kriechertum.

Oh du ungerechter Mensch, beträchte jetzt, was fürein Verbrechen es ist, seinem gläubigen Mitbruder Haß und Feindschaft entgegenzubringen. Denn wenn du ganz gewöhnliche kleine Steine für wertvoller hältst, als den schwarzen Stein in der Kaaba und behauptest, sie seien größer als der Felsen von Uhud, was für eine Geschmacklosigkeit und welch eine Dummheit ist das dann. Ebenso möge doch einmal jemand, der einem Gläubigen, der so viele islamische Eigenschaften besitzt wie den Glauben, der so verehrungswürdig ist, wie der schwarze Stein in der Kaaba und noch dazü eine Gotter gebenheit, die so gewaltig ist wie der Felsen von Uhud und die doch nach Liebe und Eintracht verlangen, wegen einiger kleiner Fehler, gewöhnlichen Steinen vergleichbar, Haß und Feindschaft entgegenbringt und diese vor dem Glauben und seiner Gottergebenheit bevorzugt, einsehen, was für eine große Ungerechtigkeit, wie unverständlich und zuhöchst grausam das ist; wenn er Verstand dazu hat!...

In der Tat verlangt die Einheit im Glauben sicherlich auch nach der Einheit der Herzen; und die Übereinstimmung in den grundsätzlichen Anschauungen erfordert auch die Übereinstimmung im Gemeinschaftsleben. Du kannst in der Tat nicht abstreiten, daß du gegenüber einem Mann, mit dem du zusammen in der selben Kompanie dienst, daß du dich diesem Mann gegenüber freundlich verbunden fühlst. Einem Soldaten gegenüber, der andeiner Seite dem selben Kommando unterstellt ist, erwächst in dir ein Gefühl der Kameradschaft. Einem Landsmann, der aus deiner Heimat stammt gegenüber, wirst du eine brüderliche Beziehung empfinden. Deshalb gibt es im Lichte und im Bewußtsein, daß der Glaube dir verleiht, entsprechend der Anzahl der göttlichen Namen, die ihn zeigen und erklären, ein Gefühl der Übereinstimmung, einträchtige Verbundenheit und eine brüderliche Beziehung. Zum Beispiel:

Eurer beider Schöpfer ist eins, euer Herr ist eins, euer Angebeteter ist eins, euer Versorger ist eins... eins, eins, eins und bis zu tausend Mal eins und noch einmal eins. Auch euer Prophet ist eins, euer Glaube ist eins, eure Gebetsrichtune ist eins... eins, eins, eins und bis zu hundert Mal eins und noch einmal eins. Danach aber ist auch euer Dorf eins, euer Land ist eins, eure Heimat ist eins... bis zu zehn Mal eins und noch einmal eins. So viele Male Eins-sein verlangt nach Einheit und Allgegenwart, Eintracht und Übereinstimmung, Liebe und Brüderlichkeit. Wenn aber jemand nun diesen geistigen Bindungen, mit denen man selbst das Welltall und die Planeten zu binden vermag, dennoch so unbeständige und bedeutungslose Dinge, einem Spinnennetz vergleichbar,vorzieht, die der Anlaß zu Zwist und Zwietracht, Haß und Feindschaft sind, einem Gläubigen gegenüber tatsächlich Haß und Feindschaft nährt, dann magst du verstehen, welch eine Unehrerbietigkeit gegenüber dem Band der Einheit, welch eine Geringschätzung gegenüber den Grundsätzen der Liebe und was für eine Ungerechtigkeit und Mißachtung gegenüber dieser brüderlichen Verbundenheit das ist, wenn dein Herz noch nicht tot (und zu Stein geworden) und (das Licht deiner) Vernunft noch nicht erloschen ist.

Dritter Aspekt: Entsprechend dem Geheimnis der Ayah (6,164):

“ Und nicht belastet wird die schon belodene (Seele) mit der Last einer anderen, “

welche Ausdruck absoluter Gerechtigkeit ist, stellt es ein großes Unrecht dar, wegen der schlechten Eigenschaft, die ein Gläubiger hat, alle seine übrigen guten Eigenschaften zu verurteilen, besonders aber, dem Gläubigen wegen einer solchen üblen Eigenschaft zu zürnen,gekränkt zu sein und seine Feindschaft auch noch auf die Angehörigen dieses Gläubigen zu übertragen, denn

“Der Mensch ist wahrlich ungerecht!” (14,34).

Mit diesem Elativ (Hervorhebung) im übertragenen Sinne gemahnen dich die Wahrheit, das Gesetz und die Weisheit des Islam daran, was für ein gewaltiges Unrecht das ist. Wie kannst du dir da noch selbst gerecht vorkommen und behaupten: “Ich habe recht!”?

Vom Standpunkt der Wahrhaftigkeit aus sind die Schlechtigkeiten, welche Feindschaft und Bosheit verursachen, böse und wie die Erde so dunkel und schwer. Sie dürfen nicht auf andere übergreifen und sich in ihnen spiegeln. Wenn ein anderer aus ihnen seine Lehre zieht und böses tut, so ist dies ein anderes Problem. Das Gute aber, welches Ursache der Liebe ist, ist Licht wie die Liebe. Es liegt in seiner Natur, sich auszubreiten und in anderen wiederzuspiegeln. Daher kommt es, daß das Wort:Der Freund des Freundes ist ein Freund”zum Sprichwort geworden ist. Darum sagt man auch: “Um eines Auges willen werden viele Augen geliebt”; auch dies ist ein Wort, das in unserer Sprache geläufig ist.

Wohlan denn, du ungerechter Mensch! Wenn du nun angesichts dieser Tatsachen eines ungeliebten Menschen unschuldigem und liebenswerten Bruder und seinen Angehörigen immer noch Feindschaft entgegenbringst, so wirst du, wenn du die Wahrheit zu erkennen vermagst, verstehen, wie sehr dies der Wahrheit entgegengesetzt ist...

Vierter Aspekt: Ein verbrechen im Hinblick auf das persönliche Leben. Höre hierzu einige Grundsätze, welche die Basis dieses vierten Aspektes bilden:

Erstens: Wenn du weißt, daß dein Weg und deine Ansichten richtig sind, so hast du das Recht zu sagen: “Mein Weg ist der richtige und er ist schön.” Doch:Nur mein Weg ist der allein richtige” zu sagen, hast du kein Recht.

“Das Auge der Zufriedenheit ist allen Fehlern gegenüber blind; doch das Auge des Ärgers deckt jeden Fehler auf. “

Diesem Geheimnis entsprechend kann dein ungerechter Blick und dein leidenschaftlicher Gedanke nicht Richter sein. Er kann nicht über Wert oder Unwert eines anderen Weges sein Urteil fällen.

Zweiter Grundsatz: Du hast das Recht zu sagen: “Alles, was du sagst, muß wahr sein. Aber du hast nicht das Recht, alles zu sagen, was wahr ist. Was immer du sagst,muß richtig sein. Aber es ist nicht richtig, alles zu sagen,was richtig ist.” Denn ein Mensch wie du, dessen Absichten nicht rein sind, geht anderen manchmal mit seinen Ratschlägen auf die Nerven und reizt sie zum Gegenteil.

Dritter Grundsatz: Wenn du hassen möchtest, dann hasse den Haß in deinem Herzen und bemühe dich, ihn auszumerzen. Und überdies richte deinen Haß gegen deine eigensinnige Seele, gegen deine leidenschaftlicheSeele, die dir den meisten Schaden verursacht, und bemühe dich, sie zu veredeln. Bringe nicht den Gläubigen aufgrund deiner eigenen Bosheit Feindschaft entgegen. Willst du hassen, so gibt es viele Ungläubige und Gottlose. Ihnen bringe deine Feindschaft entgegen! So wie in der Tat die Liebe als eine Eigenschaft der Liebe würdig ist, so ist auch der Haß ein Attribut, daß vor allen anderen Dingen selbst gehaßt zu werden verdient. Willst du deinen Gegner besiegen, so erwidere seine Schlechtigkeiten mit Gutem! Denn erwiderst du sie mit Bosheit, sovermehrt sich das Übel. Mag er auch äußerlich besiegt sein, so nährt er doch weiterhin Haß in seinem Herzen und seine Feindschaft setzt sich fort. Wenn du sie mit Gutem erwiderst, so tut es ihm leid und er wird dir zum Freund...

“Wenn du einen Vornehmen mit Vornehmheit behandelst, so wird er sich dir zur Verfügungstellen. Behandelst du aber einen Nichtswürdigen mit Vornehmheit, wird er sich dir entgegenstellen.”

Nach diesem Wahlspruch ist es die Eigenschaft des Gläubigen, vornehm zu sein. Deine Vornehmheit bewirkt, daß er sich dir zur Verfügung stellt. Auch wenn er äußerlich unwürdig erscheint, ist er doch vornehm mit Rücksicht auf seinen Glauben. Es kommt in der Tat oft genug vor, daß ein schlechter Mensch sich bessert, wenn du nur immer wieder zu ihm sagst: “Du bist gut, du bist gut”, während ein guter Mensch dadurch schlechter wird, daß du immer wieder zu ihm sagst: “Du bist schlecht, du bist schlecht “

Kommen sie dort vorbel, wo leeres Geschwätz ist, gehen sie in vornehmer Gesinnung vorüber.” (25,72) “Wenn ihr verzeiht, vergebt und Nachsicht übt, so ist auch Allah es, der euch vergibt und sich eurer erbarmt. “ (64,14)

Weil dies so ist, neige dein Ohr den geheiligten Grundsätzen des Quran; denn in ihnen liegt die Glückseligkeit und das Heil!

 

 

Vierter Grundsatz: Die Leute des Hasses und der Feindschaft tun Unrecht sowohl gegenüber sich selbst, als auch gegenüber ihrem gläubigen Bruder, als auch gegenüber der göttlichen Barmherzigkeit und versündigen sich gegen sie. Denn durch seinen Haß und durch seine Feindschaft überläßt er sein Herz einer schmerzhaften Strafe. Über den Gnadengaben, welche sein Gegner empfängt, zieht er sich selbst einen Schmerz zu, welcher aus seiner Strafe und aus seiner Angst kommt und versündigt sich gegen seine Seele. Entsteht Feindschaft aber aus Eifersucht, so ist dies Strafe über Strafe. Denn Eifersucht erdrückt zunächst den Eifersüchtigen selbst, stürzt ihn ins Unglück, vernichtet ihn. Dem, der da beneidet wird aber schadet das wenig oder überhaupt nicht.

Die Heilung der Eifersucht: Wenn ein Mensch eifersüchtig ist, so soll er einmal darüber nachdenken, was das Ende all dessen ist, worum er den anderen beneidet und worauf er eifersüchtig ist. Dann wird er begreifen, daß irdische Schönheit, Macht, Ansehen und Reichtum, die seinem Gegner zu eigen sind, vergängliche Gaben sind, die ihm nur vorübergehend gehören. Ihr Nutzen ist nur gering, die Mühen, die mit ihnen verbunden sind, aber zahlreich. Handelt es sich stattdessen um transzendente Werte, so gibt es hierbei ohnehin keinen Neid. Beneidet aber jemand einen anderen wegen dieser Dinge, so ist er entweder ein Heuchler, der die Güter des Jenseits hier im Diesseits zerstören möchte, oder er hält den, welchen er beneidet, für einen Heuchler und ist auf diese Weise ungerecht ihm gegenüber, versündigt sich an ihm.

Überdies freut er sich über ein Unglück, das ihn (seinen Gegner) getroffen hat, ärgert sich über die Gnadengaben, die dieser empfängt, grollt dem Schicksal und der göttlichen Barmherzigkeit wegen der guten Gaben, die jener empfängt. Es ist, als wollte er das Schicksal kritisieren und gegen die Barmherzigkeit protestieren. Wer aber immer das Schicksal kritisiert, der schlägt sich seinen Kopf gegen einen Amboß und zerbricht daran. Wergegen die Barmherzigkeit protestiert, schließt sich von der Barmherzigkeit aus. Ja, wie kann denn überhaupt ein billig und gerecht denkender Mensch zugestehen, daß jemand auf eine Sache, die es nicht wert ist, daß man deswegen auch nur für einen Tag Feindschaft hegt, mit einem Jahr Haß und Feindseligkeit antwortet? Welches noch unverdorbene Gewissen hat für so etwas Raum? Du kannst in der Tat nicht deinem Mitbruder ganz und gar all das Übel zuschreiben, das dich durch ihn getroffen hat und ihn deswegen verurteilen. Denn:

Erstens: Die göttliche Bestimmung hat daran ihren Anteil. Nach Abzug dessen sollte man sich wegen dieses Anteils, den die göttliche Bestimmung und Zuteilung daran hat, zufrieden geben und es so annehmen.

Zweitens: Sodann sollte man den Anteil davon abziehen, den der Teufel und die eigene Begierde daran hat, und diesen Mann, anstatt ihm Feindschaft entgegenzubringen, vielmehr bedauern, weil er seiner eigenen Leidenschaft unterlag und sollte darauf warten, daß es ihm leid tut.

Drittens: Betrachte auch den Fehler, den du im eigenen Herzen hast und nicht siehst, oder nicht sehen willst und gestehe ihm seinen Anteil zu. Wenn du dann auf den noch verbliebenen kleinen Anteil mit Verzeihung und Vergebung und Großherzigkeit antwortest, was die schnellste und sicherste Art ist, deinen Gegner zu besiegen, so wirst du vor Schaden bewahrt bleiben und vor Ungerechtigkeit gerettet sein. Wolltest du jedoch stattdessen, gleich einem verrückten und betrunkenen Juwelier,der Glasscherben und Eisstückchen ankauft, als wären es Diamanten, in der Weise reagieren, daß du um irdischer Dinge willen, die unwichtig, bedeutungslos und vergänglich sind, deren Wert nur ein vorläufiger und vorübergehender ist und keine fünf Pfennig beträgt, immer währenden Haß und beständige Feindschaft nährst, verbunden mit einer heftigen Wut, so als würdest du für immer in dieser Welt bleiben und ihr würdet ewig beieinander sein, so wäre das Trunkheit und Rausch und der hyperbolische Modus einer Ungerechtigkeit. Es wäre eine Art von Wahnsinn...

Wenn dir also dein Leben etwas wert ist, dann gib einer Feindschaft und dem Gedanken an Rache, der doch deinem persönlichen Leben dermaßen einen Schaden zufügt, in deinem Herzen keinen Raum. Sind aber (dieseGedanken) schon in dein Herz eingedrungen, so höre nicht auf sie. Hören wir stattdessen lieber, was Hafis Schirasi, der ein Auge für die Wahrheit hat, spricht:

“Nicht solch ein Ding ist die Welt, daß sie es wert wäre, sich um sie zu streiten. “

Denn das, was unbeständig und vergänglich ist, hat keinen Wert. Verhält es sich also schon mit dieser ganzen, großen Welt so, dann wirst du auch verstehen, wie bedeutungslos die kleinen Dinge in dieser Welt sind...

Und weiter sagt er:

“Frieden und Sicherheit beider Welten gewint man in der Auslegung zweier Worte:Mit seinen Freunden soll man in Freundlichkeit und Güte umgehen,seine Feinde aber mit ihnen Frieden zu schließen.”

Wenn du aber sagst: “ Ich habe gar keine andere Wahl.

Die Feindseligkeit liegt in meinem Wesen. Zudem ist der mir auf die Nerven gegangen und darüber kann ich nicht hinwegkommen.”

Antwort: Wenn ein schlechter Charakter und eine üble Gesinnungsart kein Spuren hinterläßt und solche Dinge, wie Zuträgerei und alles, was in Zusammenhang mit ihr steht, nicht praktiziert werden, weil man seinen Fehler einsieht, so schadet das nichts. Wenn du also schon keine andere Wahl hast und du (diese Dinge) nicht mehr los werden kannst, so tut es dir doch bereits innerlich leid, du bereust es im Stillen und bittest im geheimen um Vergebung. Dadurch ist dir dein Fehler bereits bewußt geworden und du hast verstanden, daß du durch diese deine Charaktereigenschaft ins Unrecht geraten bist. Das bewahrt dich vor ihren üblen Auswirkungen.Wir haben in der Tat diesen Abschnitt dieses Briefes geschrieben, um eine solche innere Bitte um Vergebung sicherzustellen, damit du nicht Unrecht für Recht erkennst und das Recht deines Gegners als Unrecht hinstellst.

Hier ein kleines bemerkenswertes Erlebnis dazu: Ich habe in der Folge einer einseitig subjektiven Stellungnahme einmal diese Erfahrung gemacht: Ein frommer Wissenschaftler hat einmal einen rechtschaffenen Gelehrten, dessen politische Gesinnung ihm zuwider war, in einer Art und Weise verächtlich gemacht, als habe er keinen Glauben. Und einen Heuchler, der seine Ansichten teilte, hat er voll Hochachtung herausgestellt. Ich bin über diese bösen Folgen der Politik so sehr erschrocken,daß ich gebetet habe:

“Ich nehme meine Zuflucht zu Allah vor dem Satan und vor der Politik.”

Seit dieser Zeit habe ich mich aus dem politischen Leben zurückgezogen.

Fünfter Aspekt; erklärt, daß es einen außerordentlichen Schaden verursacht, wenn man sich im öffentlichen Leben hartnäckig und einseitig auf seinen Standpunkt versteift.

Wenn man sagt:

“ Gegensätze in meiner Gemeinschaft sind eine Barmherzigkeit.”

lautet ein Hadith, und wo Gegensätze bestehen, ist es notwendig, Partei zu ergreifen. Zudem befreit die Krankheit der Parteilichkeit das einfache, unterdrückte Volk von dem Übel einer ungerechten herrschenden Klasse. Denn wenn die herrschende Klasse in einem Dorf oder in einer Stadt sich zusammenschließt, so kann sie das unterdrückte, einfache Volk ausbeuten. Wo es aber Parteien gibt, sucht der Unterdrückte Schutz bei einer von ihnen und rettet sich so. Außerdem bewirken die Gegensätze im Denken und die Widersprüche in den Anschauungen, daß sich die Wahrheit vollkommen klar herausstellt.

Antwort: Zur ersten Frage läßt sich sagen: Wenn in diesem Hadith von Gegensätzen die Rede ist, so ist damit ein fruchtbarer Gegensatz gemeint, d.h. jeder bemüht sich, den eigenen Weg zu verbessern und den eigenen Ideen zum Erfolg zu verhelfen. Er strebt nicht danach, den der anderen zu zerstören und zu vernichten, sondern ihn zu verbessern und zu vervollkommnen. Ein fruchtloser Gegensatz besteht aber darin, einander in egoistischer und feindseliger Absicht den Untergang zu bereiten. Das aber wird auch vom Standpunkt der Hadith verworfen. Denn die sich gegenseitig an die Kehle gehen, können nichts positives zustande bringen.

Zur zweiten Frage aber läßt sich sagen: Wäre eine Parteilichkeit im Namen der Gerechtigkeit, so könnte sie denen, die ihr Recht suchen, zum Schutzdach dienen.Doch unsere Parteigängerschaft heutigen Tages, wie sie nur selbstsüchtigen Seelen dient, ist ein Schutzdach für die Ungerechten und bildet einen Stützpunkt für sie. Denn käme ein Teufel, einen Mann in dessen einseitig subjektiver Stellungnahme zu unterstützen und ihm in seinen Gedanken behilflich zu sein und würde sich auf die Seite (dieses Mannes) stellen, so würde dieser für den Teufel um Barmherzigkeit beten. Käme aber stattdessen von gegnerischer Seite ein Mann gleich einem Engel, er würde ihm eine solche Ungerechtigkeit bezeigen, daß er ihn - Gott bewahre! - verfluchen würde.

Zur dritten Frage läßt sich nun sagen: Wenn ein Wider streit in den Anschauungen im Namen der Gerechtigkeit ausgefochten wird, um der Wahrhaftigkeit willen entsteht, die Einheit zum Anlaß und zum Ziel hat, dann besteht ein Gegensatz nur in den Mitteln. Dann wird in Wahrheit jede Ecke ausgeleuchtet. Das dient der Wahrhaftigkeit und der Gerechtigkeit. Ein Widerstreit in den Anschauungen aber, welcher in der Weise ausgetragen wird, daß er nur einseitig-subjektiver und tendenziöser Stellungnahme, der eigenen Selbstgefälligkeit und dem persönlichen Ehrgeiz dient, welcher auf Rechnung einer eigenwilligen, pharaonengleichen Seele geht, entzündet nicht den “ Funken der Wahrheit”, sondern entfacht vielmehr die Flamme der Zwietracht. Denn während es notwendig ist, sich im Ziel einig zu sein, findet sich in den Gedanken solcher Leute nirgendwo auf Erden ein konvergierender Punkt. Weil es nicht um der Wahrhaftigkeit willen geschieht, übertreiben sie bis ins Extrem. Somit sind sie die Ursache zu einer Spaltung, die sich dann nicht mehr heilen läßt. Die heutige Situation in dieser Welt gibt davon Zeugnis...

Zusammenfassung: Wenn die erhabenen Prinzipien:

Liebe um Gottes willen, Zorn um Gottes willen, Rechtsprechung um Gottes willen”

nicht zu Grundsätzen unseres Handelns werden, treten Unfrieden und Zwietracht an ihre Stelle. In der Tat ver sündigt sich, wer nicht:

“Zorn um Gottes willen, Rechtsprechung um Gottes willen”

sagt, diese Grundprinzipien nicht ins Auge faßt, während er gleichzeitig gerecht zu sein versucht.

Hierzu nun ein lehrreiches Beispiel: Einmal warf Imam AIi (möge Allahs Wohlgefallen auf ihm ruhen!) einen Ungläubigen zu Boden. Doch bevor er noch sein Schwert ziehen und ihn töten konnte, spuckte ihn dieser Ungläubige an. Da ließ er diesen Ungläubigen gehen und tötete ihn nicht. Der Ungläubige aber fragte ihn: “ Warum hast du mich nicht getötet?” Imam Ali antwortete ihm: “Ich hätte dich um Allahs willen getötet. Doch du hast mich angespuckt. So wurde ich zornig. Leidenschaft schlich sich in mein Herz und verdarb meine aufrechte Gesinnung. Darum habe ich dich nicht getötet.” Hierauf entgegnete der Ungläubige: “Damit du mich schnell töten solltest, habe ich dich in Zorn gebracht. Wenn aber euer Glaube nun solchermaßen rein und lauter ist, dann ist dieser Glaube wahr.”

Hier noch ein Ereignis, das der Aufmerksamkeit wert ist: Als einmal ein Richter, während er einem Dieb die Hand abschlug, dabei seine eigene Wut zu erkennen gab, enthob ihn der gerechte Emir, der ihn dabei beobachtet hatte, seines Amtes. Denn hätte er im Namen der Scheriah, um des göttlichen Gesetzes willen zugeschlagen, so hätte ihm dies zwar in der Seele weh getan, in seinem Herzen aber wäre weder Zorn noch Mitleid aufgestiegen. D.h. er konnte das Urteil nicht in Gerechtigkeit vollstrecken, weil auch seine Seele daran ihren Anteil genommen hatte.

Eine bedauernswerte soziale Lage und eine fürchterliche Krankheit des öffentlichen Lebens, die das Herz desIslam zum Weinen bringt:

“ Wo Feinde von außen her auftauchen und angreifen,hat dies zur Folge, daß die innerlichen Zwistigkeiten vergessen und fallen gelassen werden.”Dies ist eine Angelegenheit des allgemeinen Wohls, die auch noch von den wildesten Völkern beachtet und praktiziert wird. Was aber ist dann mit denen geschehen, die da behaupten,der islamischen Gemeinschaft einen Dienst zu erweisen,die aber ihre kleinlichen Zwistigkeiten nicht vergessen können, während es doch zahllose Feinde gibt, die einer hinter dem anderen zum Angriff bereit stehen und die so den feindlichen Angriffen den Boden bereiten. Dieser Zustand ist eine Verfallserscheinung, eine Barbarei, ein Verrat am islamischen Gemeinschaftsleben. Dazu hier eine Erzählung, die des Nachdenkens wert ist: Es gab einmal im Volke Hassenan, einem Beduinenvolk, zwei miteinander verfeindete Stämme. Obwohl sie einander bereits mehr als fünfzig Mann umgebracht hatten, vergaßen die beiden miteinander verfeindeten Sippen ihre alten Zwistigkeiten, wenn sie von einem Stamm wie aus dem Volke Hayderan oder Ssipkan angegriffen wurden, und warfen Seite an Seite den Stamm, der sie von außen angegriffen hatte, nieder. Ihre inneren Zwistigkeiten aber tauchten nicht mehr in ihrer Erinnerung auf.

Nun denn, ihr Gläubigen! Wißt ihr, wie viele Feinde, einem solchen Stamm gleich, bereit stehen, um den Stamm der Leute des Glaubens anzugreifen? Es gibt mehr als hundert von ihnen, die alle konzentrisch ineinander liegen. Während man doch nun einander gegen jeden von ihnen unterstützen sollte, man sich eigentlich die Hand reichen müßte, um in Verteidigungsstellung zu gehen, paßt es da für Leute des Glaubens in irgendeiner Weise einseitig und eigensüchtig Stellung zu beziehen und sich in einer Zwietracht zu versteifen, die dem Feind den Angriff erleichtert und ihm die Tore öffnet, so daß er in das geheiligte Innere des Islam einzudringen vermag? Von diesen feindlichen Kreisen gibt es, von den Leuten des Irrweges und den Abtrünnigen bis hin zu der Welt der Leute des Unglaubens und der Welt der Unglücke und Katastrophen, vielleicht siebzig verschiedene Arten von Feinden, die eine innerhalb der anderen, bereit stehen, euch zu schaden, und die eine hinter der anderen, euch mit gierigen und giftigen Blicken betrachten. Gegen sie alle ist die Bruderschaft des Islam wie eine starke Waffe, ein schützendes Dach und eine Burg. Wisset: Diese Festung des Islam durch kleinliche Zwistigkeiten untereinander und gegenseitige haltlose Anschuldigungen zu erschüttern, ist in hohem Maße gewissenlos und ganz und gar gegen die Interessen des Islam. Bedenkt dies also und kommt zur Besinnung!

Es gibt da eine ehrwürdige Überlieferung: Am Ende der Zeiten werden so grausame Unmenschen wie Ssüfyan und Deddschal kommen und sich an die Spitze aller Heuchler und aller Gottlosen setzen und sie werden viel Schaden anrichten. Sie werden aus den Leidenschaften und der Zerspaltenheit im Islam und in der gesamten Menschheit ihren Nutzen ziehen. Sie werden mit nur geringer Anstrengung ein Tohuwabohu unter den Menschen anrichten und die ganze gewaltige islamische Welt in ein Gefangenenlager verwandeln.

Oh ihr Leute des Glaubens! Wenn ihr nicht unter entwürdigenden Umständen in die Gefangenschaft gehen wollt, dann kommt zu Verstand! Um der Tyrannen willen, die aus euren Konflikten ihren Nutzen ziehen wollen, tretet ein in die heilige Burg dieser folgenden Ayah:

“Fürwahr, die Gläubigen sind Brüder!” (49,10)

und verschanzt euch darin. Wenn aber nicht, so könnt ihr weder euer Leben retten noch eure Rechte verteidigen. Es ist ja bekannt, daß selbst ein Kind zwei Helden erschlagen kann, wenn diese sich gegenseitig an die Kehle springen. Wenn sich zwei Berge in den Schalen einer Waage einander das Gleichgewicht hielten, könnte schon ein kleiner Stein dieses Gleichgewicht zerstören und sein Spiel mit ihnen treiben. Er könnte bewirken, daß (die eine Schale) nach oben steigt und sich die andere senkt.

Wohlan denn,ihr Leute des Glaubens! Durch eure Leidenschaften, eure Feindseligkeiten und durch euer Parteiengezänk habt ihr eure Kraft zunichte gemacht. Mit nur geringer Kraft könnt ihr erdrückt werden. Wenn euch an eurem Gemeinschaftsleben etwas liegt, dann macht aus dem erhabenen Grundsatz

“Der Gläubige ist dem Gläubigen gleich einem Bauwerk, in dem die einzelnen Steine bleiverfugt einander Halt und Stütze gewähren.”

einen Grundsatz fürs Leben. So werdet ihr vor demElend in dieser Welt bewahrt bleiben und vor der Strafe in jener Welt gerettet werden!...

Sechster Aspekt: Geistiges Leben, die natürliche Gottesverehrung und die Reinheit des Dienstes werden durch Feindschaft und Uneinsichtigkeit getrübt und erschüttert.

Denn die Reinheit der Absicht, welche das Fahrzeug des Heils ist und Voraussetzung der Erlösung, wird verdorben. Ein uneinsichtiger und einseitiger Mensch verlangt danach, daß seine eigenen Handlungen besser sein sollen als die seines Gegners. Ein Handeln rein um A1lahs willen kann für ihn nicht von Erfolg sein. Zudem bevorzugt er in seinem Urteil und in seinem Handeln den Parteigenossen. Gerecht handeln kann er nicht. So wird die Reinheit der Absicht und die Gerechtigkeit, welche die Grundlagen des Handelns und der guten Werke sind, durch Zwietracht und Feindschaft zerstört.

Dieser sechste Aspekt ist besonders umfangreich. Doch haben wir uns in diesem Zusammenhang kurz gefaßt.

 

 

Zweites Kapitel

 

 

“Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; fürwahr, Allah ist es, der der Versorger ist und der Herr unerschütterlicher Macht.” (51,58) “Wie viele Geschöpfe gibt es, die nicht selbst für ihren Unterhalt sorgen! Allah versorgt sie und euch und Er ist es, der alles hört und allesweiff.” (29,60)

Ihr Leute des Glaubens! Aufgrund dessen, was wir bisher ausgeführt haben, könnt ihr nun verstehen, was für einen Schaden die Feindschaft anrichtet. Nun versteht auch, daß Leidenschaft gleich wie die Feindschaft im Leben nach dem Islam eine ganz furchtbare Krankheit ist und sehr großes Unheil hervorbringt. Leidenschaft ist die Ursache zu Enttäuschung, Kummer und Erniedrigung und bringt Entbehrung und Elend mit sich. In der Tat zeigt Leidenschaft und Habgier in der Welt alles Lebendigen im weitesten und ganz allgemeinen Rahmen gesehen bis hin zu den kleinsten Einzelheiten seine üblen Auswirkungen. Stattdessen aber ist die vertrauensvolle Bitte um Versorgung eine Quelle der Ruhe und des Friedens und bringt überall ihre guten Wirkungen hervor. So verharren die fruchttragenden Bäume und alle übrigen Pflanzen, die ja auch etwas Lebendiges sind und ihre Nahrung benötigen, fest an ihrem Platz und zeigen weder Gier noch Leidenschaft. So kommt die Nahrung (mit dem Wind, dem Wasser und dem Sonnenlicht) zu ihnen gelaufen. Sie bringen (in ihren Früchten) viel mehr Kinder hervor als die Tiere und ernähren sie. Die Tiere aber, weil sie gierig hinter ihrer Nahrung herlaufen, können nur mit sehr großer Mühe und stets nur unvollkommen ihrer Nahrung habhaft werden. Im Reich der Tiere jedoch wird den Jungen, welche in ihrer Armseligkeit und Schwäche unausgesprochen ihre Schwäche zum Ausdruck bringen, aus der Schatzkammer der göttlichen Barmherzigkeit ihre gesetzmäßige, vollkommene und zufriedenstellende Nahrung gereicht. Raubtiere aber, die sich gierig auf ihre Beute stürzen und ihre unappetitliche Nahrung auf ungesetzliche Weise und nur mit sehr großer Mühe erbeuten können, zeigen, daß Gier eine Ursache der Entbehrung, Gottvertrauen und Genügsamkeit aber Anlaß zur Barmherzigkeit ist. Gier ist eine Quelle der Erniedrigung und des Schadens. Es gibt so viele Geschehnisse, wo ein habgieriger Mensch allzeit Schaden genommen hat, daß der Satz:

“Der Habgierige hat das Elend und den Schaden.”

schon zum Sprichwort geworden ist und in den Augen der Allgemeinheit eine Wahrheit darstellt, die auch allgemein akzeptiert wird. Da dies aber nun einmal so ist, strebe nach den Gütern nicht mit Leidenschaft und Habgier, sondern in Bescheidenheit, damit die Güter, die du so liebst, in Fülle zü dir kommen.

Die Leute der Anspruchslosigkeit und die Leute der Gier sind zwei Personen vergleichbar, die in das Gästehaus einer bedeutenden Persönlichkeit eintreten. Der erste spricht in seinem Herzen: “Wenn er mich nur aufnimmt und ich der Kälte da draußen entrinnen kann, sogenügt mir das. Selbst wenn man mir nur den geringsten Platz anbietet, so ist es doch noch eine Freundlichkeit.”

Der zweite Mann aber sagt sich in seinem Stolz, so alshabe er ein Recht erhalten und als ob jedermann dazu verpflichtet sei, ihm Ehre zu erweisen: “Mir muß er den obersten Platz einräumen.” Mit diesem Anspruch tritt er ein, heftet seine Augen auf den obersten Platz und strebt auf ihn zu. Doch der Herr des Hauses holt ihn zurück und weist ihm einen Platz weiter unten an. Wo er doch hätte dankbar sein sollen, ist er ihm nun von Herzen gram. Statt ihm zu danken, beschwert er sich im Gegenteil noch über den Hausherrn. So fällt er bei dem Herrn des Hauses in Ungnade.

Der erste Mann tritt mit Bescheidenheit ein. Er möchte an unterster Stelle sitzen. Diese seine Bescheidenheit ist dem Herrn des Hauses wohlgefällig. “Nehmen Sie doch bitte weiter oben Platz! “ sagt er deshalb. So wächst seine Dankbarkeit ständig und seine Zufriedenheit vertieft sich noch.So ist auch diese Welt gleich einem Gasthaus des Allerbarmers. Das Antlitz der Erde gleicht einem Tisch der Barmherzigkeit. Die verschiedenen Grade in der Versorgung und die unterschiedlichen Stufen in den Gnadengaben gleichen den Plätzen an der Tafel. Zudem kann jeder selbst in den kleinsten Dingen die üblen Auswirkungen der Habgier verspüren.So wird z.B. jeder den einen von zwei Bettlern, der etwas begehrt, frostig stehen lassen und nichts geben, wenn dieser unverschämt und aufdringlich wird,dem anderen aber, der still und bescheiden bittet, von Herzen geben und ihm Barmherzigkeit erweisen.

Oder, wenn dich z.B. nachts der Schlaf flieht, wo du doch so gerne schlafen möchtest, kann es sein, daß der Schlaf zu dir zurückkehrt, wenn du ihn mit Gelassenheit erwartest. Wenn du aber in dem leidenschaftlichen Verlangen nach Schlaf: “Ich muß jetzt unbedingt schlafen, ich muß jetzt endlich schlafen” sagst, wird der Schlummer dir schließlich ganz und gar fern bleiben.

Oder um noch ein anderes Beispiel zu bringen: Wenn du wegen einer wichtigen Sache voll Ungeduld auf jemanden wartest und dabei ständig wiederholst: “Er ist noch nicht gekommen. Er ist immer noch nicht gekommen.” so wird deine leidenschaftliche Erwartung schließlich deine Geduld aufzehren. Aufstehen wirst du und hinausgehen. Dieser Mann wird eine Minute später kommen. Doch diese wichtige Gelegenheit, deretwegen du so gewartet hast, hast du nun verpaßt.

Der tiefere Sinn all dieser Geschichten aber ist der folgende: Das Zustandekommen eines Brotes erfordert die Reihenfolge: Acker, Tenne, Mühle, Ofen. So gibt es auch in der Ordnung der Dinge eine weisheitsgemäße Stufenfolge. Wer in seiner Ungeduld diese Stufenfolge nicht einhält, in einer so wohlgeordneten Angelegenheit die unsichtbaren Stufen nicht einhält, sie entweder überspringt und dabei zu Fall kommt, oder aber eine dieser Stufen dabei verfehlt und ausläßt, der kann nicht an sein Ziel gelangen.

Wohlan denn ihr Brüder, die ihr in eurer Sorge um das tägliche Brot ganz benommen und in eurer Leidenschaft für diese Welt trunken geworden seid! Wenn doch Leidenschaft und Habgier Dinge sind, die so viel Schaden und ein solches Unglück mit sich bringen, wie könnt ihr da noch auf den Wegen eurer Leidenschaft und Habgier euch in jeder Weise entwürdigen, ein jegliches Gut annehmen, ohne nach Verbotenem und Erlaubtem zu fragen und so viele für das Leben in der künftigen Welt notwendigen Dinge opfern, ja es sogar um eurer Habgier willen unterlassen Almosen zu geben, was doch einer der bedeutenden Grundpfeiler unter den Säulen des Islam ist?. . Dabei ist doch Almosen für jeden Menschen ein Segen und ein Mittel, Unglück von sich fern zu halten. Dem, das Almosen nicht gibt, wird in jedem Fall so viel Gut zwischen den Fingern zerrinnen, wie er Almosen hätte geben sollen. Er wird (sein Geld) entweder für nutzlose Dinge ausgeben oder bei irgendeinem (Zufall?) verlieren.

 

Ein Traumgesicht

 

In einem Traumgesicht, das mir im fünften Jahre des ersten Weltkrieges geoffenbart wurde, und es war dies ein seltsamer Traum, wurde mir die folgende Frage gestellt:

“ Welches ist der Grund für den Hunger, für all das verlorene Gut und für die körperliche Schwäche, welche über die Moslime gekommen ist?”

In diesem Traum hatte ich darauf die Antwort gegeben: “Gott der Gerechte verlangt von dem Gut, das Er uns gegeben hat, den zehnten Teil dieses Gutes* oder den vierzigsten Teil dieses Gutes**. So mögen wir durch die Gebete der Armen Gewinn erwerben und vor ihrem Haß und Neid bewahrt bleiben. Doch in unserer Habgier und in unserem Geiz haben wir nichts gegeben. Gott der Gerechte hat unser aufgelaufenes Almosen von uns genommen, dreißig Vierzigstel, acht Zehntel.

Zudem verlangte Er von uns jedes Jahr nur einen Monat Hunger, verbunden mit siebzig dahinter verborgenen Geheimnissen. Aber wir haben uns selbst bedauert. Wir haben uns diesem vorübergehenden Fasten, welches die Freude in uns erweckt, nicht unterzogen. Gott der Gerechte hat uns zur Strafe dafür dazu gezwungen, fünf Jahre lang eine Art von Fasten zu üben, das mit siebzig verschiedenen Arten Unglück belastet war. Außerdem verlangte Er von uns eine von vierundzwanzig Stunden als eine Art von erhabener, erleuchtender, heilsamer Übung für den Herrn. Wir aber waren faul und haben uns diesem Ruf zu Gebet und Gottesdienst entzogen. Diese eine Stunde haben wir unter die übrigen gemengt und verloren. Zur Strafe dafür hat uns Gott der Gerechte fünf Jahre lang im Laufschritt Pflichten und Übungen wie eine Art von Gottesdienst auferlegt. “

* Anmerkung 1: z. B. ein Zehntel von der Weizenernte, die Er uns gerade geschenkt hat.

** Anmerkung 2: nämlich ein Vierzigstel dessen, was Er uns schon früher einmal geschenkt hat, in jedem Fall mindestens ein Vierzigstel dessen, was das Geschäft jährlich wieder neu an Gewinn abwirft und was die Herde an Jungtieren hervorgebracht hat.

Danach wachte ich auf, dachte nach und verstand, daß dieses Traumgesicht eine höchst bedeutsame Wahrheit enthielt. Es wurde im fünfundzwanzigsten Wort bereits ein Vergleich zwischen (einem Leben nach den Maßstäben der europäischen) Zivilisation und (einem Leben) nach dem Gesetz des Quran abgehandelt und somit erklärt und bewiesen, daß jegliche Sittenlosigkeit und aller Aufstand unter den Menschen und in ihrem sozialen Leben seine Ursache in zwei Worten hat:

Das erste: “ Wenn ich satt geworden bin und ein anderer stürbe vor Hunger, was geht mich das dann an?”

Das zweite: “Arbeite du, ich werde essen.”

Was diesen zwei Worten ihre Dauer verleiht, ist der immerwährende Strom der Zinsen und die Aufgabe der A1mosenspende. Der einzige Weg, diese beiden fürchterlichen Krankheiten des gesellschaftlichen Lebens zu heilen, besteht darin, Almosen als ein allgemein gültiges Prinzip einzuführen, also die absolute Notwendigkeit des Almosengebens und das Verbot des Zinsnehmens. Zudem ist Almosen nicht nur für bestimmte Einzelindividuen oder besondere Gesellschaftsformen, sondern für das Lebensglück der gesamten Menschheit ein bedeutender Stützpfeiler, ja für den Fortbestand der Menschheit die wichtigste Säule überhaupt. Denn in der Menschheit gibt es als die beiden Klassen eine Ober schicht und eine Unterschicht. Was die Oberschicht dazu veranlaßt, sich der Unterschicht in Güte und Barmherzigkeit zuzuwenden, der Unterschicht aber, der Oberschicht Ehrerbietung und Gehorsam entgegenzubringen, das ist Almosen. Anderenfalls ergießt sich von oben auf die Unterschicht herab Ungerechtigkeit und Unterdrückung; aus der Unterschicht reckt sich den Reichen Haß und Aufruhr entgegen. Diese beiden Schichten der Menschheit liegen in einem ständigen unsichtbaren Zwist miteinander, einem Zustand ratloser Verwirrung.Das führt schließlich dazu, daß sich, wie dies in Rußland bereits geschehen ist, (die Menschen) infolge eines Kampfes zwischen Kapital und Arbeit an die Kehle gehen...

Oh ihr Leute des Edelmutes und des guten Gewissens!Und auch ihr Leute der Freigiebigkeit und Güte!Wenn Wohltaten nicht im Sinne eines Almosens gespendet werden, so entsteht ein dreifacher Schaden. Manchmal erweisen sie sich als nutzlos. Denn wer nicht um Allahs willen gibt, legt (den anderen) unausgesprochen eine Verpflichtung auf. Der bedauernswerte Arme gerät in die Fesseln der Dankbarkeit. So gehst du seiner hochgeschätzten Fürbitte verlustig. Wenn nun auch noch du, der du doch in Wahrheit die Stellung eines Beamten inne hast, der von Gott dem Gerechten dazu beauftragt worden ist Seine Güter an Seine Diener und Anbeter weiterzureichen, dich selbst als Herrn und Eigentümer betrachtest, so verleugnest du in Undankbarkeit Seine Gnadengaben. Wenn du aber im Sinne eines Almosens gibst, so wirst du eine Belohnung erhalten, weil du im Namen Gottes des Gerechten gibst und bringst so deine Dankbarkeit in Anerkennung der Gnadengaben Gottes zum Ausdruck. Wenn dieser bedürftige Mann nun also nicht dazu gezwungen ist, vor dir zu kriechen, so bleibt sein Selbstwertgefühl ungebrochen und seine Fürbitte um deinetwillen ist hochgeschätzt. Wenn du so viel wie du als Almosen hättest geben sollen oder vielleicht noch mehr als freie Gabe, Gabe aus Güte oder in irgendeiner anderen Form gäbest, würdest du dann etwa nicht als Dankesschuld Ruhm oder Heuchelei ernten oder aber Schaden erleiden, z. B. in Form einer Erniedrigung? Tust du aber all das Gute im Sinne eines Almosens, wirst du dann etwa nicht sowohl ein Gebot Gottes erfüllen, als auch ein verdienstvolles Werk verrichten, als auch in der Wahrhaftigkeit wachsen, als auch hochgeschätzter Gebete teilhaftig werden?...

“ Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wis.sen, außer dem, was Du uns gelehrt ha.st; denn Du bist der Allwissende und der Allweise. Oh Allah verleihe Deinen Segen und Deinen Frieden unserem Nerrn Mohammed,welcher gesagt hat: “ Der Gläubige ist dem Gläubigen wie ein Bauwerk,indem die einzelnen Steine bleiverfugt einander Halt und Stütze gewähren. “ und der auch gesagt hat.”Zufriedenheit ist ein Schatz, der nie verdirbt. “ Segne ihn und seine Familie und alle seine Gefährten. Amen. Lob und Preis und Dank sei Allah, dem Herrn der Welten!”

 

Nachwort

Ein Kapitel über Zuträgerei

“Im Namen dessen, vor dem es kein Ding gibt, das Ihn nicht in Dankbarkeit lobpreist.”

Im fünften Punkt des ersten Strahls der ersten Flamme des Fünfundzwanzigsten Wortes wurde mit einer einzigen Ayah, welche als ein Beispiel dafür angeführt wurde,wie der Quranmit den Themen Verbot und Herabset-zung umgeht, bereitserschöpfend dargestellt, wie wun-derbar in ihr auf sechsfache Weise Abscheu gegenüber aller Zuträgerei zum Ausdruek gebracht wird und was für eine verwerfliche Sache die Zuträgerei, vom Standpunkte des Quran aus betrachtet, ist. Für weitere Erklärungen besteht keine Veranlassung. In der Tat kann im Anschluß an diese Erklärung des Quran keine weitere Erklärung mehr abgegeben werden und eine Notwendigkeit dafür gibt es nicht.So wird auch in der Ayah (49,12):

“Würde etwa einer von euch gerne das Fleisch seines toten Bruders essen wollen?”

die Herabsetzung über sechs verschiedene Stufen hinab fortgesetzt. Wendet man diese Ayah in der Praxis gegen die Ohrenbläser an, so ergibt sich daraus folgende Bedeutung:Wie bekannt, hat das “Hemze”, das vor dieser Ayah steht, den Sinn einer Infragestellung. Dieser Charahter einer Infragestellung durchdringt alle Worte dieser Ayah wie Wasser. Er verleiht jedem Wort seinen hintergründigen Sinn.

So ist denn da zuerst das “Hemze”, welches fragt: Habt ihr denn keinen Verstand, darinnen Fragen zu stellen und Antworten zu finden, so daß ihr eine derart abscheuliche Sache nicht verstehen könnt'?

Das zweite Wort,

“er liebt”,

fragt: lst denn etwa euer Herz, jener Ort aller Zuneigung und jeglicher Abneigung, so verkommen, daß es etwas so Ekelhaftes zu lieben vermag?

Das dritte Wort,

“einer von euch”,

fragt: Was ist aus eurem gesellschaftlichen Leben undseiner Kultur geworden, die doch die Quelle (menschlichen) Zusammenlebens ist, daß ihr eine solche Handlungsweise, welche euer Leben vergiftet, akzeptieren könnt?

Das vierte Wort,

“Fleisch zu essen”,

fragt: Was ist aus eurer Menschlichkeit geworden, daß ihr euren Kolle.gen mit euren Zähnen wie ein Raubtier in Stücke reißen könnt?

Das fünfte Wort,

“seines Bruders”,

fragt: Ist euch denn jedes mitmenschliche Empfindenfremd geworden, habt ihr denn gar kein Gefühl für Verwandtschaftsbeziehungen mehr, daß ihr derart erbarmungslos die Persönlichkeit eures Nächsten zerreißt, welche auf vielfältige Weise euer Bruder ist? Und habt ihr denn keinen Verstand, daß ihr eure eigenen Glieder mit euren eigenen Zähnen beißt wie ein Wahnsinniger?

Das sechste Wort,

“ tot”

fragt: Wo ist euer Gewissen geblieben? Ist eure Natur so verdorben, daß ihr dem gegenüber, der doch als euer Bruder einen höchst ehrenwerten Status inne hat, eine so ekelerregende Handlung begehen könnt, sein Fleisch zu essen?

Dem Sinn dieser Ayah und dem einzelnen ihrer Worte entsprechend heißt das also, daß jede Art von Herabset zung und Zuträgerei mit Herz und Verstand, aus Gründen der Menschlichkeit und aus Gewissensgründen, um der Natur und um des Volkes willen abgeschafft und verworfen werden muß. So siehst du denn nun, wie diese Ayah eine solche Schandtat kurz und prägnant, sechs Stufen hinunter, herabsetzt und sie auf wunderbare Weise in sechs verschiedenen Stufen verbietet.

Zuträgerei ist in den Händen der Leute von Feindschaft, Neid und Uneinsichtigkeit eine primitive Waffe, wie sie (von diesen Leuten) meistens verwendet wird.Ein Mann von Selbstachtung wird sich niemals dazu herabwürdigen, eine solch schmutzige Waffe zu verwenden.

Darum sagte einmal ein berühmter Mann:

“Ich habe mich immer zu gut dafür gehalten, meinen Feind ins Gerede zu bringen. Ich habe mich niemals dazu erniedrigt, ihrt mit Ehrabschneidung zu bestrafen. Verleumdung ist die Waffe der Schwachen, der Würdelosen und (der Leute von) niedriger Gesinnung. “

Zuträgerei besteht darin, daß ein Mensch, wäre er anwesend und könnte hören, was anderen über ihn zugetragen wird,das Übel aufnehmen und sich gekränkt fühlen würde. Hat jemand die Wahrheit gesagt, so nennt man dies Zuträgerei. Hat er eine Lüge verbreitet, so ist diessowohl Zuträgerei als auch Verleumdung. Das ist dann eine doppelt häßliche Sünde. Zuträgerei kann in einigen Ausnahmefällen erlaubt sein:

Erstens: Wer vor einem dafür zuständigen Mann eine Klage vorzubringen hat, damit er Hilfe erfahre und der Beklagte von Schuld und Sünde ablassen solle und deshalb aussagt, um sein Recht von ihm in Anspruch zu nehmen.

Zweitens: (Ein Beispiel als Anmerkung der Übersetzer: Ali möchte mit Mehmet zusammenarbeiten.) Der eine möchte sich bei dir über den anderen einen Rat holen. Wenn du ihm nun rein zu seinem Vorteil und ohne einen bösen Unterton sagst: “Arbeite nicht mit ihm zusammen! Du wirst dabei zu Schaden kommen.”

Drittens: Wenn jemand, nicht etwa um einen anderenzu beschimpfen oder ihn bloßzustellen, sondern zu dem Zweck, ihn zu beschreiben und vorzustellen, sagt: “Dieser lahmende Trinker ist da und da hingegangen.

Viertens: Der Mann, der ins Gerede gekommen ist, ist ein öffentlicher Sünder. D.h. er schämt sich nicht, Schlechtes zu tun, sondern rühmt sich sogar noch seiner üblen Taten, findet Geschmack an seinem Unrecht, begeht seine Schandtaten in aller Öffentlichkeit ohne sich dessen zu schämen.

So kann Zuträgerei in bestimmten Ausnahmefällen erlaubt sein, wenn es ohne jeden bösen Unterton und nur um der Wahrheit und der guten Sache willen geschieht. Anderenfalls verzehrt Zuträgerei, so wie Feuer das Holz verzehrt, auch alle guten Werke.

Wer ein Ohrenbläser gewesen ist, oder einem solchen willig sein Ohr geliehen hat, der muß sagen:

“ Oh Allah verzeihe mir und dem, über den ich geklatscht habe!”

und danach, sobald er den Menschen sieht, über den er geklatscht hat, zu ihm sagen: “Bitte, trage mir nichts nach!*” * wörtlich: “Lösche deinen Rechtsanspruch!”

“ Der Beständige ist der, der bleibt und besteht.“

Said Nursi

Gerechtigkeit, Lohn und Strafe

Dieser Abschnitt ist von großer Bedeutung!

Gott der Gerechte in Seiner vollendeten Großherzigkeit, Seiner Allbarmherzigkeit und Seiner Gerechtigkeit hat in jedes gute Werk eine sofortige Belohnung und in alle Schlechtigkeit eine augenblickliche Strafe hineingelegt. Er hat in jede Wohltat einen geistigen Genuß hineingelegt, der an den Lohn des Paradieses erinnert, und in alle Schlechtigkeit geistige Strafen, welche die Qualen im Jenseits spüren läßt.

Die Liebe, welche die Gläubigen untereinander verbindet, ist Schönheit für die Leute des Glaubens und ihr Gutsein. In dieses Gutsein hineingelegt ist ein geistiger Genuß, ein Wohlgeschmack, eine Herzensfreude, welche an die leibhaftige Belohnung im Jenseits erinnert. Jeder, der seinem eigenen Herzen lauscht, wird darinnen dieses Wohlempfinden wahrnehmen.

So ist z.B. Haß und Feindschaft unter den Gläubigen ein übler Zustand. Dieser ungute Zustand bewirkt, daß Herz und Seele in Bedrängnissen ertrinken und alle hochherzig gesinnten in ihrem Gewissen Qualen verspüren. Ich habe selbst mehr als hundert Mal erlebt, daß ich immer dann, wenn ich einem Gläubigen gegenüber feind war, ich aus dieser Feindschaft Qualen empfing, wodurch in mir kein Zweifel mehr daran blieb, daß ich mir für meine Schlechtigkeit eine augenblickliche Strafe zu gezogen hatte.

Dagegen ist es z. B. eine gute und schöne Sache, einem Menschen Ehre zu erweisen, der diese Ehre auch verdient, ihm ßarmherzigkeit zu erweisen und ihm zu dienen, wenn er des Erbarmens würdig ist. Diese Güte enthält in sich einen solchen Wohlgeschmack, daß man darin die Belohnung einer jenseitigen Welt verspürt und seine Ehre in einem solchen Grade erweist, seine Barmherzigkeit soweit zeigt, daß man darin bis zur Hingabe des Lebens geht. Eine Mutter geht darin so weit, daß sie um des Wohlgeschmacks willen und für den Preis, den sie mit ihrer Liebe gewinnt, ihr Leben für ihr Kind auf dem Wege der Barmherzigkeit zum Opfer bringt. Im Tierreich ist die Henne, die einen Löwen anspringt, um ihr Junges zu retten, ein Beispiel für diese Wahrheit. Das heißt, das in der Barmherzigkeit und in der Ehrerbietung ein unmittelbarer Gewinn liegt. Edle und hochherzige Menschen haben dafür ein Gespür, was es ihnen ermöglicht, eine solche opferbereite Haltung einzunehmen.

So liegt z.ß. in der Habsucht und in der Verschwendung eine Strafe von der Art, daß sie den Menschen dazu führt, sich zu beklagen, sich zu beunruhigen; sie legt sich als eine Strafe' auf Herz und Gemüt und verwirrt den Menschen. Auch im Neid und in der Eifersucht liegt eine solche unmittelbare Strafe darin, daß der Neid denjenigen verbrennt, der neidisch ist. Dagegen liegt darin, auf Gott zu vertrauen und in allen Dingen bescheiden zu sein, eine solche Belohnung und ein Verdienst, der unmittelbar froh macht, und das Übel der Armut und Bedürftigkeit und den Kummer hinwegnimmt. So liegt auch im Stolz und in der Überheblichkeit eine solche schwere Bürde. Ein stolzer Mensch erwartet von jedermann Hochachtung. Und gerade weil er das erwar tet und sich jedermann von ihm dadurch eingeengt fühlt, zieht er sich seine Strafe zu. In der Tat wird Hochachtung stets nur erwiesen; man darf sie nicht verlangen. Entsprechend liegt in der Bescheidenheit gegenüber allen Menschen und in dem Verlassen seiner Ich-Verhaftung ein Lohn, der froh macht, der von einer schweren Last befreit und davor bewahrt, sich bei den anderen ein schmeicheln zu wollen. So bringen z.B. auch falsche Vermutungen und Fehl deutungen schon in dieser Welt unmittelbar ihre Strafe mit sich. Nach dem Grundsatz: “Wer schlägt, wird geschlagen”, wird derjenige, welcher andere verdächtigt, selbst zur Zielscheibe von Verdächtigungen. Wer das Verhalten seines gläubigen Bruders falsch deutet, dessen Verhalten gerät in kurzer Zeit selbst in den Mahlstrom von Fehldeutungen und zieht so seine Strafe auf sich. usw .. Alle guten Sitten und auch alle Unsitten müssen an diesem Maßstab gemessen werden.

Ich erhoffe von der Barmherzigkeit Gottes, daß dieje nigen, deren Sinne durch die Risale-i Nur für das Wunder geschärft worden sind, welches sich in dieser unserer Zeit hinter der Bedeutung des Quran offenbart, ein Gespür für diese Freuden des Geistes, diesen Wohlge schmack, entwickeln mögen und nicht den schlechtenSitten und üblen Gewohnheiten verfallen, inscha-a'llah!

 

Einseitigkeiten

Eine Einflüsterung des Teufels, die das menschliche Gemeinschaftsleben zerstört, zielt darauf ab, aufgrund einer schlechten Seite alle die guten Seiten eines Gläubigen zu übersehen. Wenn dann ein Mensch in seiner Ungerechtigkeit auf die Einflüsterungen des Teufels hört,so haßt er den Gläubigen. Wenn aber dann am Tage der Wiederauferstehung der allmächtige Gott in Seiner vollkommenen Gerechtigkeit die Taten dessen, der für sie verantwortlich ist, auf Seiner großen Waage wiegt, wird Er danach richten, ob die guten Taten die schlechten überwiegen oder von ihnen überwogen werden. Denn es gibt viele Ursachen für die Schlechtigkeiten und ihre Entstehung ist einfach, weshalb manchmal eine einzige gute Tat viele schlechten zudeckt. D.h. daß man in dieser Welt von diesem Standpunkt der göttlichen Gerechtigkeit aus handeln sollte. Wenn die guten Taten eines Menschen sein schlechten quantitativ oder qualitativ überwiegen, verdient er es, daß man ihm mit Liebe und Hochachtung begegnet. Tatsächlich muß man auch wegen einer einzigen wirklich guten Tat viele schlechten Taten mit den Augen der Verzeihung betrachten. Denn der Mensch, der von Natur aus dem Bösen zugeneigt ist, vergißt unter der Einflüsterung des Teufels angesichts einer einzigen Schlechtigkeit hundert gute Taten, haßt seinen Glaubensbruder und verfällt der Sünde. Denn so wie ein Mückenflügel im Auge einen ganzen Berg bedecken kann, so daß man ihn nicht mehr sieht, ebenso kann die Bosheit und Uneinsichtigkeit eines Menschen wegen einer Schlechtigkeit gleich einem Mückenflügel einen ganzen Berg von guten Werken zu decken, in Vergessenheit geraten lassen, Haß gegen einen Glaubensbruder wekken und zu einem Werkzeug werden, das das Gemeinschaftsleben der Menschen zerstört.

Freundschaft und Feindschaft

Was ich in meinem ganzen Leben über die sozialen Verhältnisse mit Sicherheit erfahren habe und was ich aufgrund meiner Studien als Ergebnis erhalten habe, ist folgendes:

Was einer Freundschaft am höchsten gebührt ist Freundschaft und was Feindschaft am meisten gebührt ist Feindschaft. Das heißt: Liebe und Freundschaft sind Fähigkeiten, die das menschliche Gemeinschaftsleben sichern und zum Glück führen, im höchsten Maße würdig, geliebt und geschätzt zu werden. Haß und Feindschaft aber, die das menschliche Gemeinschaftsleben vollständig zerstören, verdienen über alles Maß gehaßt, bekämpft und gemieden zu werden, sind scheußliche und zerstörerische Mächte. Weil diese Tatsache schon im 22. Brief lang und breit erklärt worden ist, können wir uns hier mit der folgenden kurzen Darstellung begnügen:

Die Zeit für Haß und Feindschaft ist bereits vorüber. Zwei Weltkriege haben gezeigt, was für ein schlimmes, verheerendes, entsetzliches Unrecht die Feindschaft ist. Sie haben es offensichtlich gemacht, daß in ihnen kein Gewinn liegt. Weil dies aber so ist, sollten die schlechten Seiten eurer Gegner, Aggressivität ausgenommen, keine Feindschaft mit ihnen hervorrufen. Die Hölle und die Strafe Gottes ist genug für sie...

Manchmal haßt der Mensch in seinem Stolz und in seiner Selbstgefälligkeit die Leute des Glaubens ohne sich dessen bewußt zu sein und ohne ein Recht dazu zu haben und denkt dabei, daß er im Recht sei. Deshalb schätzen sie in ihrem Haß und in ihrer Feindschaft so starke Grundlagen wie den Glauben, den Islam und die Menschlichkeit, welche der Anlaß, die Leute des Glaubens zu lieben, ist, gering und werten sie dadurch ab. Die unbedeutenden Gründe einer Feindschaft den bergesgleichen Gründen für die Liebe vorzuziehen, ist eine Art von Wahnsinn. Da aber nun einmal Liebe und Feindschaft Gegensätze sind, können sie sich wie Licht und Finsternis nicht in Wahrheit miteinander vereinigen.Welche von beiden Ursachen die Oberhand gewinnt, das wird man in Wahrheit auch im Herzen finden. Dessen Gegensatz kann in Wahrheit dort nicht sein. Wo sich z.B. in Wahrheit Liebe findet, dort wandelt sich Feindschaft in Mitleid und selbstlose Liebe um. So ist das Verhalten gegenüber den Leuten des Glaubens. Wenn sich dagegen Feindschaft tatsächlich im Herzen findet, so verwandelt sie die Liebe in Gleichgültigkeit, Interesselosigkeit und zur Schau getragene Freundschaft. Dies aber kann nur gegenüber solchen Leuten des Irrwegs sein, die nicht aggressiv sind. Es sind die Gründe für die Liebe wie der Glaube, der Islam, Menschlichkeit und menschliches Mitempfinden, in der Tat leuchtende starke Ketten und Burgen des Geistes. Die Ursachen der Feindschaft gegenüber den Leuten des Glaubens gehören in den Bereich der persönlichen Gründe und sind wie kleine Steine. Weil dies aber so ist, deswegen begeht auch derjenige, der einem Moslim gegenüber wahrhaftige Feindschaft hegt, einen großen Fehler, gleich wie er die bergesgleichen Gründe für die Liebe geringschätzt. Zusammenfassung: Freundschaft, Brüderlichkeit und Liebe sind Charaktereigenschaften des Islam, seine Verbindungsglieder. Die Leute der Feindschaft gleichen einem Kind, dessen Charakter verdorben ist und das weinen möchte und nun nach etwas sucht, worüber es weinen kann. Eine so unbedeutende Sache wie ein Mückenflügel wird für es zum Anlaß, um darüber zu weinen.Sein Charakter gleicht überdies dem eines Mannes, der in seiner Ungerechtigkeit und in seinem Pessimismus nichts Gutes erwartet, solange es noch die Möglichkeit gibt, schlecht zu denken und der mit einer einzigen Schlechtigkeit zehn gute Seiten überdeckt. Ein solches Verhalten wird von einem gerechten und auf das Positive hin ausgerichteten Denken, welches charakteristisch für den Islam ist, verworfen...

 

Meine lieben Brüder und Freunde!

Ich möchte hier eine Sache klarstellen, die mir Sorge macht und die mir plötzlich in mein Herz gegeben wurde:

Die Leute des Irrweges vermögen dem diamantenen Schwerte der Risale-i Nur nichts entgegenzusetzen. Darum versuchen sie aus der Sorge der Schüler um deren Lebensunterhalt und aus deren Unbesonnenheit jetzt im Frühling ihren Nutzen zu ziehen. Sie haben entdeckt, daß die Nerven der Schüler aufgrund deren oft recht unterschiedlicher Gemütsverfassung schwach geworden sind und möchten gerne deren Gemeinschaftssinn erschüttern. Dies habe ich so empfunden und verstanden. Nehmt euch in acht! Paßt gut auf! Laßt keine Uneinigkeit unter euch aufkommen! Der Mensch kann nicht frei sein von Fehlern. Doch das Tor zur Vergebung ist offen. Wenn der Satan und euer eigenes Verlangen euch in eurem Herzen dazu verleiten will, eurem Bruder zu wider sprechen und ihn zu Recht zu kritisieren, so sollt ihr sagen:

“Wir sind nicht nur dazu verpflichtet, diese kleinlichen Rechthabereien, sondern unser ganzes Leben, unsere Ehre und unser irdisches Glück für die Gemeinschaft zu opfern, deren stärkstes Band die Risale-i Nur ist. Es ist unsere Aufgabe, für das Ziel, das zu erreichen sie uns in Aussicht gestellt hat, alle Dinge dieser Welt und alles, was unserem Ego zugerechnet werden könnte, zu opfern.”

Indem ihr so sprecht, sollt ihr das Verlangen in euch zum Verstummen bringen. Wenn es ein Problem gibt, das zum Streitpunkt unter euch geworden ist, so sollt ihr euch darüber beraten und die Dinge nicht so eng sehen.Es können nun einmal nicht alle den gleichen Charakter haben. Einander mit Nachsicht zu betrachten, ist heute das Notwendigste. Wir grüßen jeden einzelnen unserer Brüder. Selam!

Said Nursi

 

Der Wert der Gemeinschaft

Ich werde jetzt einen Grundsatz erklären, der sich auf die Brüderlichkeit bezieht, einen Grundsatz, den ihr ernsthaft ins Auge fassen sollt:

Das Leben ist eins und das Ergebnis einer Vereinigung. Zerfällt die harmonische Einheit, geht auch das innerliche Leben zugrunde.

“Streitet euch nicht und trennt euch nicht, so daJ3 eure Kraft von euch geht.” (8,46)

Diesem Hinweis entsprechend verliert eine Gemeinschaft ihre Würze, wenn die gegenseitige Unterstützung nachläßt und der Zusammenhalt sich auflöst.

Ihr müßt wissen, daß die Ziffer eins drei Mal für sich getrennt geschrieben und zusammengezählt den Wert drei ergeben. Wie aber ihr Wert, die Zahlen hintereinander gesetzt, den Wert 111 ergibt, so entspricht auch der Wert von drei, vier Dienern der Wahrheit und Gerechtigkeit, wenn jeder für sich allein seine Arbeit verrichtet,dem von drei, vier Männern. Wenn in einer echten Bruderschaft einer die Vorzüge des anderen hervorhebt und sich die Brüder so gegenseitig unterstützen, bis sie einander gleich werden und sich so verhalten, daß sie ineinander aufgehen und dieses Geheimnis ihrer Selbstaufgabe unter ihnen sichtbar wird, dann erhalten diese vier Männer den Wert der vereinigten Kräfte von vierhundert Mann. Ihr gleicht den Maschinisten, welche die Generatoren in Betrieb halten, die nicht nur das große Isparta, sondern ein ganzes, großes Land mit Lichtstrom versorgen... Die Zahnräder der Maschinen müssen einander unterstützen. Sie sind nicht aufeinander eifersüchtig, sondern freuen sich im Gegenteil, wenn das eine stärker als das andere ist. Angenommen ein Zahnrad wäre mit Bewußtsein begabt, dann würde es sich freuen, ein noch stärkeres Zahnrad zu finden, weil es ihm die Arbeit erleichtern würde. Wenn Persönlichkeiten im Dienst an der Wahrheit und Gerechtigkeit, Quran und Glauben, auf deren Schultern die schwere Last eines großen Schatzes drückt, durch kräftige Schultern Hilfe erfahren, so erkennen sie diese Hilfe in Dankbarkeit an und sind stolz darauf. Öffnet einander niemals die Tore zur Kritik! Es gibt außerhalb unserer brüderlichen Gemeinschaft genügend, die man kritisieren könnte. Ich bin stolz auf eure Vorzüge. Sollte ich selbst dieser Vorzüge beraubt bleiben, so würde ich mich doch über diejenigen freuen, die ich bei euch vorfinde. Ich betrachte sie als meine eigenen. So sollt auch ihr einander mit den Augen eures Meisters betrachten... es sei so, daß ein jeder von euch die Vorzüge des anderen hervorhebt und herausstellt.

Hafis Ali Efendi aus Islamköy, einer unserer Brüder, hat einem anderen Mitbruder gegenüber, der sein Gegner hätte werden können, sein Gefühl brüderlicher Anteilnahme bezeigt. Ich halte das für sehr wertvoll und möchte euch deshalb folgendes erklären:

Dieser Mann ist zu mir gekommen. Ich habe ihm gesagt, daß die Handschrift des anderen besser als seine eigene ist. Ich habe ihm mitgeteilt, daß (dieser andere) einen noch besseren Dienst zu leisten vermag. Da sah ich, daß Hafis Ali mit vollkommener Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit stolz war auf dessen Erfolg und sich darüber freute. Auch war er darüber glücklich, daß der Meister einen liebevollen Blick auf ihn geworfen hatte. Ich habe auf sein Herz geachtet und beobachtet, daß er mir nichts vorspielen wollte; ich habe vielmehr gespürt, daß er es ehrlich meinte. Ich habe Gott dem Gerechten dafür gedankt, daß es unter meinen Brüdern solche gibt, die der artige erhabene Empfindungen in sich tragen. Diese Empfindung wird inscha-a'llah noch der Anlaß zu großem Dienst sein. Elhamdu-li'llah, Allah sei Lobpreis und Dank dafür, daß eine solche Empfindung in unserer Umgebung langsam und allmählich überall unter den Brüdern wachsen wird.

“Im Namen dessen, der gepriesen sei. “

Meine lieben Brüder und Freunde!

In dieser Welt, besonders aber in unserer Zeit und besonders für diejenigen, die von einem Unglück betroffen wurden, vor allem aber die Nur Schüler ist das wirksamste Mittel, aus aller Bedrängnis und Hoffnungslosigkeit herauszufinden, das folgende: einander zu trösten, sich gegenseitig eine Freude zu machen, einander moralisch zu unterstützen, sich gegenseitig wie wahrhaftige, zu Opfern bereite Brüder lindernden Balsam auf die Wunden zu streichen, die Kummer, Gram und Sorge ihnen gerissen haben und die Trauer des Herzens mit vollkommener, selbstloser Liebe zu mildern. Eine wahrhaftige und auf das Jenseits ausgerichtete Brüderlichkeit, so wie sie unter uns gepflegt wird, verträgt es nicht, daß man einander Gram ist und einseitig seinen Standpunkt vertritt.Da ich also nun einmal ganz und gar auf euch vertraue und so eine Seilschaft mit euch bilde, bin ich, wie ihr wißt und vielleicht auch sehen könnt, entschlossen, nicht nur meine Ruhe, meine Ehre und meine Würde, sondern selbst mein Leben für euch zu opfern. Ja, ich schwöre und versichere euch, daß ich acht Tage lang mit Herz, Seele und Gemüt geweint und geklagt habe, weil zwei führende Persönlichkeiten der Nurdschuluk-Bewegung, anstatt sich bitten und versöhnen zu lassen, einander Schwierigkeiten machten; ein an und für sich unbedeutendes Vorkommnis, das jedoch in diesen Tagen mein Herz gequält hat.

Ich schrie: “Weh mir! Oh weh! Gnade! Hilfe! Oh barmherziger Allerbarmer, steh mir bei! Beschütze uns! rette uns vor der Bosheit dieser Teufel in Dschinnen und Menschengestalt! Erfülle die Herzen meiner Brüder mit dem Gefühl der Freundschaft und Treue, wahrer Brüderlichkeit und echter Liebe!”

Oh ihr meine Brüder, die ihr so fest und unerschütter lich wie Eisen seid! Helft mir! Wir sind in unserer Aufgabe so anfällig, daß sie uns leicht zu einem Problem werden kann. Ich hatte so sehr auf euch vertraut, daß ich alle meine Aufgaben dem Geist eurer brüderlichen Gemeinschaft anvertraut habe. Jetzt müßt auch ihr mit eurer ganzen Kraft zu Hilfe eilen. Es war ja dieses Vorkommnis in der Tat nur ein ganz geringfügiger, unbedeutender und zeitlich begrenzter Zwischenfall, aber es hat doch gestört wie ein Sandkörnchen im Getriebe einer Uhr oder ein Härchen im Auge.

Said Nursi

 

“Im Namen dessen, dergepriesen sei.”

Meine lieben, treuen und wahrhaftigen ßrüder!Es ist für uns eine unabdingbare Notwendigkeit, mit all unserer Kraft und im Rahmen unserer Möglichkeiten die Grundsätze aus der Abhandlung über die Wahrhaftigkeit und das, was der tatsächliche Sinn dieser Wahrhaftigkeit ist unter uns und einer gegenüber dem anderen in die Praxis umzusetzen. Ich habe zuverlässige Nachricht erhalten, daß vor drei Monaten drei Männer geschickt wurden, um in die Atmosphäre hier unter unseren getreuen Brüdern aufgrund ihrer verschiedenen Art zu denken und zu empfinden, Kälte hineinzutragen.

Überdies ziehen sie unseren Prozeß ohne jede Veranlassung in die Länge, um die Nurdschus dadurch zu ermüden, sie schwankend werden zu lassen, in denen, die empfindsam sind und nicht genug Ausdauer haben einen Verdacht zu erregen und sie vom Dienst an der Nurdschuluk-Bewegung abzubringen. Hütet euch also und nehmt euch in Acht! Laßt euch in der Opferbereitschaft und Brüderlichkeit, die bisher unter euch herrschte und in der herzlichen Zuneigung untereinander nicht erschüttern! Und sollte es auch nur ein Sandkörnchen gewesen sein, so verursacht es uns dennoch einen großen Schaden. Obwohl es der Dienst am Quran und der Glaube erfordert, notfalls unser I.eben für einander zu opfern, sollten wir uns dennoch darum bemühen, daß diejenigen unter uns, die wirklich zu opfern bereit sind,nicht aufgrund einer Intoleranz, die vielleicht aus einer Zwangslage oder anderen Gründen erwächst, aufeinander böse werden, vielmehr ein jeder in vollkommener Selbstverleugnung, Bescheidenheit und Ergebung selbst die Schuld auf sich nimmt, um so die Freurcdschaft und Herzlichkeit untereinander zu stärken. Es entsteht sonst noch aus einem Maulwurfshügel ein Berg und somit ein Schaden, der sich nicht wieder gut machen läßt. Alles weitere überlasse ich eurem Scharfsinn und breche deshalb hier ab.

Said Nursi

Meine Brüder bitte ich um folgendes:

Wenn einem eurer Kollegen in seiner Notsituation oderseelischen Bedrängnis, aus Mangel an Toleranz, oder verleitet durch die Einflüsterungen des Teufels oder seiner Gier, oder in seiner Unwissenheit ein böses oder häßliches Wort entschlüpft ist, so sollt ihr nicht deswegen aufeinander böse sein und auch nicht sagen: “ Er hat meine Ehre angetastet.” Ich selbst nehme ein solches böses Wort auf mich. Es soll euch nicht auf die Nerven gehen. Und sollte ich selbst tausend Mal meine Ehre verlieren, so opfere ich sie dennoch tausend Mal für die Freundschaft und Herzlichkeit unter meinen Brüdern.

Said Nursi

 

Zwanzigster Blitz

Eine Abhandlung über die Wahrhaftigkeit

Diese Abhandlung ist der erste von fünf Punkten der zweiten Problemstellung in der siebzehnten Anmerkung, die aus sieben Problemstellungen besteht. Auf Grund ihrer Bedeutsamkeit wurde sie als eigene Abhandlung mit dem Titel “Zwanzigster Blitz” in das Gesamtwerk eingereiht.

“Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Siehe, hinabgesandt haben wir dir das Buch in Wahrheit, drum diene Allah lauteren Glaubens; gebührt nicht Allah lauterer Glaube?” (39, I-2)

“Alle Menschen werden zugrunde gehen außer den Wissenden und auch die Wissenden gehen zugrunde auJfer denen, die nach diesem Wissen handeln, und auch diese werden zugrunde gehen außer den Wahr haftigen, und diese sind in großer Gefahr.” - Ewkema qal (= oder wie der Prophet Md. wörtlich gesagt hat).

Diese Ayah und diese Heilige Hadith zeigen uns beide,welche große Wichtigkeit der Wahrhaftigkeit als Grundlage im Islam beizumessen ist. Hier wollen wir nur fünf unter unzähligen Gesichtspunkten dieses Themas über die Wahrhaftigkeit kurz und bündig erklären.

Erster Punkt

Eine Frage von außerordentlicher Bedeutung: Wie können sich die Leute der Welt, die Leute der Gottvergessenheit, die Leute des Irrweges und der Heuchelei so ohne jede Rivalität miteinander einigen? Und warum zerstreiten sich Glaubensbrüder, Angehörige der geistlichen Orden und Leute von Wissen*, obwohl sie doch Leute der Wahrheit und Eintracht sind? Wenn nun Einigkeit den Leuten der Eintracht zukommt und Zwietracht den Streitsüchtigen gut ansteht, weshalb ist dann dieses Recht zur anderen Seite hinüber gewechselt und dieses Unrecht hierher gekommen?

* Anmerkung: Es ist ein dankenswertes, glückliches Geschick dieses gesegneten Isparta; die Gottesfürchtigen, die Leute der geistigen Ordensgemeinschaflen und die Leute der Kenntnis sind im Vergleich mit anderen Orten nicht mit rivalisierenden Streitigkeiten beschäftigt.Wenn auch die erforderliche wahrhaftige Zuneigung und Harmonie nicht da ist, so sind doch zumindest nachteilige Auseinandersetzungen und Rivalität im Verhältniszu anderen Orten nicht vorhanden.

Antwort: Hier wollen wir sieben Gründe von sehr vielen Gründen dieses fürchterlichen Zustandes erläutern,welcher schmerzvoll und entsetzlich ist und engagierte Idealisten zum Weinen bringt.

Erster Grund: Auseinandersetzungen unter Leuten des Glaubens kommen nicht aus einer Unwahrhaftigkeit hervor. So hat auch die Einigüng der Gottvergessenen nicht die Wahrhaftigkeit zur Quelle... Es sind vielmehr solche Gruppen, Gemeinschaften und Gesellschaften wie die Leute der Welt und der politischen Organisationen, sowie Angehörige des Lehrkörpers. Sie sind durch eine bestimmte Aufgabe und ihren besonderen Dienst an das soziale Leben ihrer Gesellschaftsschicht gebunden. Ihr Aufgabenbereich ist für sie von vornherein festgelegt und eingeteilt. Entsprechend ihren Aufgaben erhalten sie eine tariflich festgelegte materielle Entlohnung zu ihrem Lebensunterhalt. Ihr ideeller Preis an Ruhm, Ruf und Ehre, das was sie durch die Gunst der Menschen* erhalten, ist gemäß ihrem Rang festgelegt und eingeteilt. Da dies alles schon eingeteilt und bestimmt ist, entstehen nur wenige Überschneidungen, so daß Streit und Rivalität kaum vorkommen. Aus diesem Grund können sich diese Leute untereinander einigen, obgleich sie einem schlechten Weg folgen.

* Mahnung: Die Gunst der Menschen soll man nicht begehren, viel mehr wird sie einem gegeben. Auch wenn sie gegeben wird, soll man nicht daran seinen Gefallen finden. Gefällt man sich in ihr, so verliert man seine Wahrhaftigkeit und verfällt der Heuchelei. Was die Gunst der Menschen betrifft, so ist sie für den, der nach Ruhm und Ansehen verlangt, nicht Lohn noch Belohnung, sondern ein Schlag und eine Strafe,was aus seinem Mangel an Wahrhaftigkeit erwächst. In der Tat schadet die Gunst der Menschen, Ruhm und Ansehen der Wahrhaftigkeit, welche den Geist eines guten Werkes bilden. Sie können vorübergehend eine winzige Freude bis an das Tor des Grabes geben. Da sie jenseits des Grabes eine unangeneme Gestalt wie die Qual des Grabes annimmt, soll man die Gunst der Menschen nicht nur nicht verlangen,sondern sogar vor ihr zurückschrecken und sie fliehen.

Mögen die Ohren der Ruhmesgierigen und derer, die hinter Ruhm und Ansehen herlaufen, klingen!

Was aber die Leute des Glaubens, die Herren der Wissenschaft und die Gefährten der geistlichen Orden betrifft, so bezieht sich die Aufgabe jedes einzelnen von ihnen auf das Ganze. Ihre Bezahlung ist nicht bestimmt, und der soziale Rang eines jeden einzelnen ist nicht festgelegt. Auch ist die Gunst, die ihnen die Menschen entgegenbringen, und die Aufnahme durch die Menschen völlig unbestimmt. Viele kandidieren für einen bestimmten Posten, und nach materiellem und geistigem Lohn können sich viele Hände ausstrecken. Aus diesen Gründen entstehen Konkurenz und Rivalität. Es verwandelt sich Übereinstimmung in Auseinandersetzung und Eintracht in Zwietracht.Gegen diese fürchterliche Krankheit ist Wahrhaftigkeit die Salbe und Arznei. Das heißt, man muß die Wahrheitsliebe der Eigenliebe vorziehen und den Gefallen an Selbstsucht und Egoismus durch den Gefallen an der Wahrheit überwinden. So wird der Sinn der Ayah ( 11,29)

offenbar, der lautet:

“ Mein Lohn ist allein bei Allah. “

Hält man sich von materiellem und geistigem Lohn durch Menschen zurück*, so findet die folgende Ayah(5,99) ihrer Ausdruck, der lautet:

“ Dem Propheten obliegt nur die Pflicht der Verkündigung.“Von den Menschen gut aufgenommen zu werden, einen guten Eindruck auf sie zu machen und ihre Gunst zu erwerben, obliegt einzig und allein Gott dem Gerechten.Es gehört nicht zur Aufgabe der Verkündigung und ist auch dazu nicht notwendig und es besteht auch dazu keine Verpflichtung. Beachtet man bei seinem Handeln diese Punkte, so gelangt man zur Wahrhaftigkeit. Anderenfalls wird sie zunichte gemacht.

* Man soll den Vonug der Nächstenliebe, mit dem der Quran die Gefährten des Propheten lobt, zu seinem Wegweiser machen. Nämlich;man soll einen anderen sich selber vorziehen, wenn es gilt ein Geschenk oder eine Spende anzunehmen. Einen materiellen Gewinn filr seinen Glaubensdienst soll man nur als eine Gabe Gottes ansehen, ohne ihn zu beanspruchen und auch ohne so etwas in seinem Inneren zu verlangen. Damit soll ihm keine Bürde einer Dankesschuld den Menschen gegenüber aufgeladen werden und er soll es auch nicht annehmen als eine Gegenleistung für seinen Glaubensdienst. Denn für einen Glaubensdienst soll man in dieser Welt nicht verlangen, damit die Wahrhaftigkeit nicht zugrunde gcht.Zwar haben sie ein Recht darauf, von der Gemeinschaft ihr tägliches Brot zu erhalten. Auch können sie Armensteuer annehmen. Aber das darf man nicht beanspruchen, vielmehr wird sie gegeben. Wenn sie gegeben wird, so sagt man nicht: Sie ist der Lohn für meinen Dienst. Soweit wie möglich soll man genügsam sein und den Wunsch anderer Leute, die dessen noch mehr bedürfen, seinem eigenen Wunsch vorziehen.

So gelangt man die Wahrheit der folgenden Ayah, der besagt:

“ Und wenn sie auch selber bedürftig wären, ziehen sie sie (= die Bedürfnisse deranderen) ihren eigenen Wünschen vor.” (59,9)

um aus dieser fürchterlichen Gefahr errettet zu werden und zur Wahrhaftigkeit zu gelangen.

Zweiter Grund: Die Einigung der Irregehenden entspringt aus ihrer Erniedrigung. Die Auseinandersetzungder Rechtgeleiteten entstammt ihrer Ehre. Die Leute der Welt und des Irrweges in ihrer Gottvergessenheit, sind schwach und verworfen, da sie sich nicht auf Recht und Wahrheit stützen. Infolge ihrer Selbsterniedrigung benötigen sie Kraft. Aus diesem Bedürfnis heraus klammern sie sich an die Hilfe eines anderen und halten innig an der Verbindung mit ihm fest. Auch wenn ihr Weg in die Irre führt, wahren sie ihre Einheit. Fast machen sie Recht aus ihrem Unrecht und Wahrhaftigkeit aus ihrem Irrweg, aus ihrem Unglauben einen glaubenslosen Fanatismus und aus ihrer Uneinigkeit eine Übereinstimmung. Und sie haben Erfolg, denn ircnere Aufrichtigkeit, selbst im Bösen, bleibt nicht ohne Erfolg. Ja, was immer jemand in Wahrheit und Aufrichtigkeit wünscht, Allah wird es ihm geben*.

*In der tat,”Wer sucht nd sicht bemüht, der wird finden,”ist ein leitsatz der Wahrheit.Seine Bandbreite ist universell und kann in ihrer Weite auch unsere Lehre umfassen.

Doch die Leute der Rechtleitung und des Glaubens und die Leute der Kenntnis und der religiösen Ordensgemeinsschaft stützen sich auf Recht und Wahrheit. Jeder von ihnen gedenkt auf dem Wege des Rechts nur seines Herrn und beschreitet seinen Weg im vertrauen

auf den Erfolg, den Er verleiht. In ihre Vorstellung haben sie eine Würde, die aus ihre Berufung kommt. Wen sie eine Schwäche fühlen, wenden sie sich an ihren Herrn anstatt an die Menschen.Von Ihm erbitten sie Hilfe. Sie verspüren nicht das Bedürfnis, sich gegenseitig Hilfe zu leisten, weil sie auf Grund der Verschiedenheit ihrer Charaktere einander in ihrer äußeren Haltung entgegengesetz sind. Eine Notwendigkeit für einen Zusammenschluß können sie nicht sehen. Wenn sie veilleicht auch noch selbstsüchtig und egoistisch sind, halten sie sich selbst für gerecht Stelle von Eintracht und Freundschaft Auseinandersetzung und Konkurenz. So geht ihre Wahrhaftigkeit verloren und ihre Haltung im Dienst (an Gott) verkehrt sich ins Gegenteil.

So ist die einzige Lösung zur Vermeidung dieser furchbaren Folgen gefahrvoller Ursachen die Befolgung nachstehender neun Anweisungen:

1. Positiv handeln, d.h. in der Liebe und entsprechend seiner Berufung handeln. Die Feindschaft gegeüber Andersdenkenden sowie die Fehler und Mängel der anderen sollen im eigenen Denken und Wissen keinen Platz finden; man soll sich nicht mit dergleichen beschäftigen.

2. Vielmehr daran denken, daß es viele einigende Bande gibt, die Gegenstand brüderlicher Liebe und Einheit sein können. Dadurch bewahrt man die Eintracht inner halb islamischer Kreise, was immer auch sein mag.

3. Den folgenden Leitsatz eines vernunftgemäßen Verhaltens zum Wegweiser machen; in Hinsicht auf das Nichtantasten der Schule des anderen hat jeder, der einer wahrhaftigen Schule folgt, das Recht, sagen zu können: “Meine Lehre ist richtig, oder schöner.” Andererseits aber kann er nicht sagen: “Richtig ist nur meine eigene Lehre, oder nur meine Auffassung ist schön und vollkommen,” denn dieses würde die Unrichtigkeit oder Unvollkommenheit der Lehre des anderen andeuten.

4. Daran denken, daß die Eintracht der Leute der Wahrheit (des Islam) eine Bedingung des von Gott kommenden Erfolges und Ankergrund der Ehre im religiösen Leben ist.

5. Überdies bilden in heutiger Zeit die Leute des Irrweges und der Unwahrheit durch ihren Gemeinschaftssinn eine mächtige geistige Körperschaft. In einer Zeit, da sie mit der kollektiven Genialität einer solchen Gemeinschaft angreifen, muß man verstehen, daß auch der stärkste individuelle Widerstand gegen sie unterlegen bleibt, und sich darum bemühen, durch die Eintracht auf Seiten der Leute des Glaubens eine geistige Körper schaft zu bilden, wodurch man gegen diese furchteinflößende geistige Körperschaft des Irrweges die Seite der Wahrheit und Gerechtigkeit festigt und stärkt.

6. Die Wahrheit vor den Stürmen der Irrlehre zu bewahren...

7. seine Begierde und seinen Egoismus,

8. seine falschen Vorstellungen von Ehre,

9. und seine nebensächlichen Rivalitätsgefühle aufgeben.

So kann man zur Wahrhaftigkeit gelangen und seine

Aufgabe in der rechten Weise erfüllen*.

* Anmerkung: Einer Echten Überlieferung zufolge werden sich in der Endzeit sogar die wahren Gläubigen unter den Christen mit den Leuten des Quran vereinigen und sich der Glaubenslosigkeit, die ihr gemeinsamer Gegner ist, entgegenstellen. Dementsprechend ist es nun in unserer Zeit notwendig, daß die Vertreter der islamischen Religion mit allen wahren Gläubigen, nicht nur mit denen, die uns als Glaubensgenossen und Weggefährten Brüder sind, eine innere Einheit herstellen,ja gegenüber dem nä&127;; pferischen Atheismus, der ihr gemeinsamer Gegner ist, selbst eine Einheit mit den wahrhaft Gläubigen unter den christlichen Geistlichen und dabei zunächst einmal alles, was eine Quelle von Streitfragen ist, nicht zu einer Quelle von Debatten und Auseinandersetzungen zu machen.

Dritter Grund: Die Auseinandersetzungen der Leute des Glaubens kommen nicht von ihrem Mangel an Einsatzfreudigkeit und ihrer Niedrigkeit, und die Eintracht der Leute des irrweges hat nicht eine erhabene Einsatzbereitschaft zur Quelle. Vielmehr entstammen die Auseinandersetzungen der Rechtgeleiteten dem Mißbrauch hoher Bestrebungen und die Eintracht unter den Irregehenden einer aus Mangel an Einsatzfreude kommenden Schwäche und Unfähigkeit.Was die Rechtgeleiteten zu diesem Mißbrauch hoher Bestrebungen und infolgedessen zu Auseinandersetzungen und Rivalitäten führt, ist das übersteigerte Verlangen nach Gotteslohn und das Ungenügen in dem Wirken, die von einem jenseitigen Gesichtspunkt aus betrachtet als lobenswerte Eigenschaften gelten. D.h. er nimmt einer Person gegenüber, die doch wahrhaftig sein Bruder und ernstlich seiner Liebe, Unterstützung, Brüderlichkeit und Hilfe bedürftig ist, eine rivalisierende Haltung ein, damit er den Gotteslohn selbst verdiene, die Menschen selber auf den richtigen Weg führe, und sie nur sein Wort hören. Dadurch, daß er sagt: “ Warum gehen meine Schüler zu ihm, warum habe ich nicht so viele Schüler wie er?” findet sein Egoismus einen Weg und läßt ihn zum Ehrgeiz neigen, der eine tadelnswerte Eigenschaft ist. So verliert er seine Wahrhaftigkeit und öffnet die Tür zur Heuchelei.

So besteht das Heilmittel gegen diesen Fehler, diese Wunde, diese furchtbare geistige Krankheit darin, daß man das Wohlgefallen Gottes durch Wahrhaftigkeit erwirbt, nicht durch die Vielzahl seiner Anhänger und viel Erfolg. Denn diese Dinge erbittet man nicht, weil sie zum Aufgabenbereich Gottes gehören. Vielmehr werden sie manchmal gegeben. Tatsächlich wird manchmal ein einziges Wort zur Ursache der Erretung und eine Quelle des Wohlgefallens. Die Bedeutung der Quantität sollte nicht so sehr im Mittelpunkt stehen. Denn manchmal wird die Unterweisuug eines einzigen Menschen wie die Unterweisung von tausend Menschen zur Quelle des göttlichen Wohlgefallens. Was aber Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe anbetrifft, so muß sie, zum Nutzen der Moslime sein, von wo und von wem sie sie auch bekommen mag. Anderenfalls ist der Gedanke “Sie mögen bei mir Unterricht nehmen und mich Gotteslohn gewinnen lassen,” eine List der Begierde und des Egoismus.

Oh Mensch, der du gierig nach Gotteslohn und unersättlich in den Taten für das Jenseits bist! Es sind zuweilen Propheten aufgetreten, die den grenzenlosen Lohn der heiligen Aufgaben des Prophetentums empfangen haben, obwohl ihnen außer einigen wenigen Leuten niemand folgte. Das heißt, die Kunst liegt nicht in der Vielzahl seiner Gefolgschaft, vielmehr besteht die Kunst im Erwerben von Gottes Wohlgefallen. Wer bist du eigentlich, daß du so gierig sagst: “Alle sollen mich hören,” dabei deine eigene Aufgabe vergißt, aber dich in die Aufgaben Gottes einmischst?!

Dir Anerkennung zu verschaffen und das Volk um dich zu versammeln ist Gottes Werk. Tu deine Pflicht und mische dich nicht in Gottes Sache ein!

Zudem sind es nicht nur die Menschen, durch die der, der die Wahrheit und das Recht hört und es sagt, Gotteslohn verdient, sondern es sind dies auch die bewußtsein stragenden Geschöpfe Gottes des Gerechten, Geistwesen und Engel, die den Kosmos erfüllen und all überall beleben. Da du nun viel Gotteslohn erwerbenwillst, mache dir die Wahrhaftigkeit zum Grundsatz und denke nur an das Wohlgefallen Gottes. So können die Wahrhaftigkeit und lautere Absicht die Luftteilchen dazu veranlassen, die gesegneten Worte, die deinen Mund verlassen, zu beleben und lebendig zu machen. Sie mögen in die Ohren zahlloser bewußter Wesen dringen und sie erleuchten; mögen sie auch dich Gotteslohn verdienen lassen!

Denn zum Beispiel sagst du: “Elhamdu-Ii'Ilah!” (Lob sei Gott!). Dieses Wort wird mit millionen großen und kleinen Worten von “Elhamdu-li'Ilah” mit Erlaubnis Gottes in die Luft geschrieben. Da der allweise Schöpfer nichts Sinnloses und Überflüssiges tut, hat Er bestimmt so viele unzählige Ohren erschaffen, die jene unzählige gesegnete Worte hören. Wenn jene Worte in der Luft durch Wahrhaftigkeit und gute Absicht lebendig werden, so treten sie wie je eine wohlschmeckende Frucht in die Ohren der Geistwesen ein. Wenn das Wohlgefallen Gottes und die Wahrhaftigkeit diesen Worten in der Luft kein Leben spenden, so werden sie auch nicht gehört. Gotteslohn bleibt auch nur auf das Wort im Munde beschränkt. Mögen die Ohren der Quranrezitatoren klingen, die wegen Unschönheit ihrer Stimmen und Mangel an Zuhörern unzufrieden sind!

Vierter Grund: So wie die rivalisierenden Auseinandersetzungen unter den Leuten der Rechtleitung nicht vom Nichtbedenken des Endes und ihrer Kurzsichtigkeit kommt, so kommt auch die innige Eintracht der Leute des Irrweges nicht von Bedachtsamkeit des Endes und ihrer Weitsichtigkeit.Vielmehr lassen sich die Leute der Rechtleitung durch die Wirkung von Recht und Wahrheit nicht von den blinden Gefühlen der Begierde verführen und ordnen sich so den weitdenkenden Neigungen des Herzens und des Verstandes unter. Da sie aber dabei die Rechtschaffenheit und die Wahrhaftigkeit nicht bewahrt haben, konnten sie jene hohe Stellung nicht beibehalten. Und so geraten sie miteinander in Streit.

Was aber die Leute des Irrweges anbetrifft, so unter liegen sie dem Einfluß ihrer Lust und Laune und lassen sich von ihren Empfindungen leiten, blind und ohne das Ende zu sehen und ziehen ein Gramm gegenwärtigen Genusses einem Zentner künftigen Genusses vor. Infolgedessen vereinigen sie sich um eines sofortigen Nutzens und eines Augenblicksgenusses willen überaus herzlich miteinander. In der Tat vereinigen und verbinden sich für einen irdischen Augenblicksgenuß und Nutzen minderwertige, herzlose Selbstsüchtige miteinander von Herzen!

Obwohl eine grundlegende Rechtschaffenheit, volle Aufrichtigkeit, und eine zu großen Opfern bereite Eintracht und Gemeinschaft möglich wäre, weil die Rechtgeleiteten durch ein hohes Maß an Herz und Verstand den dereinstigen, künftigen Früchten im Jenseits und der Vollkommenheit zugewandt sind, geht durch Über- und Unterschreitung des Maßes die Eintracht als eine hohe Quelle der Kraft verloren, da sie, die Rechtgeleiteten, sich nicht vom Egoismus befreien konnten. So wird die Wahrhaftigkeit besudelt. Auch die jenseitige Berufung erleidet Schaden. Man erringt auch nicht so leicht das Wohlgefallen Gottes.

Die Salbe und Arznei gegen diese furchtbare Krankheit: Dem Sinn des “ El hub-bu fi'llah” (Um Allahs Willen lieben) entsprechend soll man stolz darauf sein, die jenigen zu begleiten, die auf dem Weg der Wahrheit wandeln und ihnen folgen; und die Ehre des Amtes eines Imam ihnen überlassen; seine Ichsucht aufgeben, verbunden mit der Möglichkeit, daß, wer immer es auch sei, besser ist als man selbst, wenn er nur auf dem Weg des Rechtes geht. So gelangt man zur Wahrhaftigkeit. Wenn man weiß, daß ein Gramm Handlung in Wahrhaftigkeit vor Zentnern weiser Taten ohne Aufrichtigkeit den Vorzug hat und wenn man es dann vorzieht, untergeordnet zu sein statt übergeordnet zu sein, was zwar verantwortungsvoll, aber gefährlich ist, wird man von jener Krankheit errettet, erlangt Wahrhaftigkeit und so kann er seine Aufgabe für das Jenseits recht erfüllen.

Fünfter Grund: Die Uneinigkeit und Auseinandersetzungen der Leute der Rechtleitung kommen nicht von ihrer Schwäche, und so kommt auch die machtvolle Einheit der Leute des Irrweges nicht aus ihrer Stärke. Vielmehr geht die Uneinigkeit unter den Leuten der Rechtleitung von einem aus tiefem Glauben kommenden Stützpunkt und der aus diesem Stützpunkt kommenden Kraft hervor, ebenso wie sich die Einigung der Gottver gessenen und Irregehenden in Anbetracht dessen, daß sie in ihrem Herzen überhaupt keinen Stützpunkt finden, noch gefunden haben, aus ihrer Schwäche und Unfähigkeit ergibt.

Denn da die Schwachen einer Einigung bedürftig sind, so ist ihre Einigkeit gewaltig. Da die Starken dieses Bedürfnis nicht so ganz empfinden, ist ihre Einigkeit schwach. Die Löwen und Füchse leben einzeln, weil sie einer Vereinigung nicht bedürfen. Die Wildziegen bilden zum Schutz gegen Wölfe eine Herde. Das heißt, die Einheit der Schwachen und die innere Struktur einer solchen Vereinigung ist stark, dagegen ist die Einheit* der Starken und ihre innere Struktur schwach,

* Anmerkung: Unter den abendländischen Vereinigungen ist eine der erfolgreichsten und überzeugendsten und in gewisser Hinsicht mächtigsten die Vereinigung der Frauen, welche ein anmutiges Geschlecht und schwach sind, das Komitee für "Das Recht und die Freiheit der Frauenin Amerika”... Und ebenso das Komitee.der Armenier, die unter den Völkern nur eine kleine und schwache Minderheit bilden, bestätigen beide unsere Behauptung, indem sie eine starke, opferbereite Haltung zeigen.

Es ist ein schöner Hinweis auf dieses Geheimnis und eine feinsinnige Anmerkung des Quran, wenn er sagt:

“ Und die Frauen in Medina sagten,” (12,30)

indem er für die Gemeinschaft der Frauen das männliche Zeitwort “kale” gebraucht, obwohl diese doppelt weiblich wäre, und wenn er sagt:

“ Und die Beduinen .sagten” (49,14)

und damit für die Gemeinschaft der Männer das weibliche Zeitwvrt “kalet” anwendet, so macht er fein auf das Folgende aufmerksam:

Die Gemeinschaft der schwachen, sanfmütigen und milden Frauen erstarkt. Sie erlangt Härte und Heftigkeit und erwirbt eine Art Männlichkeit. Da sie so das männliche Zeitwort erfordert, ist es mit dem Ausdruck

“ Und die Frauen .sagten, “

sehr schön getroffen. Aber bei Männern, insbesondere wenn sie Beduinen sind, ist es anders, weil sie auf ihre eigene Kraft vertrauen. Darum ist ihre Gemeinschaft schwach, und da sie sowohl eine Haltung der Vorsichtigkeit als auch der Weichheit angenommen haben, zeigen sie eine Art Eigentümlichkeit des weiblichen Charakters. Da so das weibliche Zeitwort erforderlich ist, ist derAusdruck

“ Und die Beduinen sagten” ;49.14)

genau am richtigen Platze.

In der Tat ist der Glaube an Allah ein äußerst starker Stützpunkt für die Leute der Wahrheit und es erwächst ihnen daraus Vertrauen und Verlaß auf Allah. Dadurch brauchen sie anderen ihre Bedürfnisse nicht zu unterbreiten und verlangen sie nicht nach deren Unterstützung und Hilfeleistung. Auch wenn sie danach verlangen, halten sie sich nicht mit der gleichen Einsatzbereitschaft daran fest.

Die Leute der Welt lassen in ihren weltlichen Angelegenheiten ihren wahrhaftigen Stützpunkt außer Acht und verfallen so in Schwäche und Unfähigkeit. Sie empfinden dadurch auf heftige Weise das Bedürfnis nach Helfern. Sie einigen sich mit einer wahren Hingabe, ja vielleicht sogar Opferbereitschaft. Da die Leute der Wahrheit die aus der Eintracht erwachsende Kraft der Wahrheit nicht bedenken und nicht suchen, fallen sie der Zwietracht anheim; ein rechtswidriges und schadenträchtiges Ergebnis.

Was die ungerechten Irregehenden anbetrifft, so haben sie Einigkeit errungen, die ein außerordentlich wichtiges und zweckentsprechendes Fahrzeug ist, weil sie dank ihrer Schwäche die in der Einigkeit liegende Stärke empfinden. So ist die Salbe und Arznei gegen diese unrechte Uneinigkeit der Leute der Wahrheit, das nachdrückliche Verbot in der Ayah

“Streitet euch nicht miteinander, damit ihr nicht den Mut verliert und der Sieg euch nicht entschwinde, “ (8, 46)

und das in Bezug auf das gesellschaftliche Leben außerordentlich weise Gebot Gottes in der Ayah

“ Und helft euch einander im Guten und in Gottesfurcht,”

zum Leitsatz des Handelns zu machen und zu bedenken, in welchem Grade die Uneinigkeit der Sache des Islam schadet und in welchem Grade sie den Sieg der Leute des Irrwegs über die Leute der Wahrheit erleichtert. So sollte man sich als vollständig schwach und hilflos der Schar der Leute der Wahrheit anschließen, von Herzen bereit zu Einsatz und Opfer, und alles rein Persönliche dabei zur Seite schieben. So rettet man sich vor Täuschung und Verstellung und gelangt zur Wahrhaftigkeit.

Sechster Grund: Die Auseinandersetzungen unter den Leuten der Wahrheit erwachsen nicht aus Niedertracht, Mangel an Begeisterung und fehlender Unterstützung, ebenso wenig wie die innere Einheit gottvergessener Weltleute und der Leute des Irrweges in den das irdische Leben betreffenden Angelegenheiten aus Edelmut, Begeisterung und Wohlwollen hervorsprießt. Vielmehr verteilen sich Edelmut, Begeisterung und Wohlwollen der Leute der Wahrheit oftmals im Gedanken an so viele und wichtige Dinge, wie sie für das Leben im Jenseits von Nutzen sind. Da sie ihre Zeit, welche ein wahrhaftiges Kapital ist, nicht für eine bestimmte Angelegenheit aufwenden, festigt sich ihre Einheit mit ihren Bundesgenossen nicht, denn der Angelegenheiten sind viele und dabei ist das Gebiet noch dazu umfangreich. Was aber die gottvergessenen Weltleute anbetrifft, so kümmern sie sich, weil sie nur an das irdische Leben denken, auf intensive Weise mit ganzem Herzen, mit Geist und Gemüt, um alle das irdische Leben betreffenden Angelegenheiten. Sie halten hartnäckig fest an dem, was ihnen in diesen Angelegenheiten hilft, und so wie ein verrückt gewordener Diamantenhändler, der für ein Stück Glas im Werte von fünf Para einen Preis von fünf Pfund gibt,widmen sie ihre fünfhundert Pfund werte Zeit den Angelegenheiten, die vom Standpunkt der Wahrheit keine fünf Para wert sind und für welche die Leute der Wahrheit keine zehn Para geben. Sicherlich, so einen Preis zu zahlen und sich mit solchem Ungestüm festzuklammern, bringt Erfolg, und zwar auch dem, der auf dem falschenWeg ist, weil er in seinem Herzen aufrichtig ist. Infolgedessen gewinnen sie den Leuten der Wahrheit gegenüber die Oberhand. Als Ergebnis dieses Sieges geraten die Leute der Wahrheit in Schande und werden verurteilt, verfallen der Verstellung und der Heuchelei und haben so ihre Wahrhaftigkeit verloren. Sie werden gezwungen,einem Teil der niederträchtigen, mißgünstigen und ehrlosen Weltleute zu schmeicheln.

Oh ihr Leute des Rechts! Oh ihr wahrheitsliebende Leute der Scheriah, und ihr Leute der Wahrheit und ihr Leute der religiösen Ordensgemeinschaften! Gegenüber dieser furchtbaren Krankheit der Auseinandersetzungen schließt eure Augen vor euren gegenseitigen Fehlern, indem ihr untereinander eure Mängel nicht beachtet! Verhaltet euch entsprechend dem Anstand des Quran!

“ Kommen sie dort vorbei, wo leeres Geschwätz ist, gehen sie in vornehmer Gesinnung vorüber. “ (25, 72)

Betrachtet als erste und wichtigste Aufgabe für das Jenseits, während des Angriffes des äußeren Feindes die inneren Streitigkeiten aufzugeben, und die Leute der Wahrheit vor Sturz und Schande zu erretten! Schafft Brüderlichkeit, Liebe und Zusammenarbeit, wie der Quran in seinen hunderten von Versen und unser Prophet mit seinen vielen Hadith entsprechend befehlen!

Schließt euch so mit all euren Gefühlen in noch stärkerem Maße als die Weltlichen mit euren Mitbrüdern und Glaubensgenossen in Eintracht zusammen... d.h. verliert euch nicht in Auseinandersetzungen! Schwächt nicht eure Eintracht, indem ihr sagt: Ehe ich meine kostbare Zeit für solche Kleinigkeiten aufwende, werde ich sie für wertvolle Dinge wie Nachsinnen und Gottesgedenken aufwenden. Denn in diesem geistigen Kampf kann das, was ihr für eine Kleinigkeit haltet, von Bedeutung sein. So wie die Wache eines Soldaten unter besonders schwer wiegenden Umständen manchmal die Bedeutung von einem Jahr Gottesdienst erhält, so kann einer deiner wertvollen Tage, der zur Zeit der Niederlage der Leute der Wahrheit in Angelegenheiten des geistigen Kampfes für eine Kleinigkeit aufgewandt wird, wie die Stunde jenes Soldaten tausendgradigen Wert annehmen. Einer deiner Tage kann so zu tausend Tagen werden. In Anbetracht dessen, daß es im Hinblick auf Allah geschieht, sieht man nicht darauf, ob diese Sache klein oder groß, wertvoll oder wertlos ist. Auf dem Weg der Wahrhaftigkeit und des Wohlgefallens Gottes wird ein Stäubchen zu einem Stern. Man sieht nicht auf die Beschaffenheit des Mittels, sondern auf sein Ergebnis. In Anbetracht dessen, daß sein Ergebnis das Wohlgefallen Gottes ist und sein Ferment die Wahrhaftigkeit, ist es nicht klein, sondern groß.

Siebenter Grund: So wie die Auseinandersetzungen und Rivalitäten unter den Leuten der Wahrheit nicht ausEifersucht und irdischer Begierde entstehen, so rührtauch die Einigung der Weltleute und der Gottvergessenen nicht von Edelmut und hoher Vortrefflichkeit. Vielmehr verloren sich die Leute der Wahrheit, weil sie sich diese hohe Vortrefflichkeit, dieses hohe Streben, wie es aus der Wahrheit erwächst, und das auf dem Weg des Rechtes lobenswerte Wetteifern nicht recht bewahrenkonnten und durch die Beteiligung und Mitwirkung von Unberufenen in gewissem Grade Mißbrauch getrieben wurde, in Auseinandersetzungen und Streitigkeiten. So haben sie sowohl sich selbst als auch der islamischen Gemeinschaft beträchtlichen Schaden zugefügt. Was aber die Gottvergessenen und Irregehenden anbetrifft, so vereinigen sie sich wegen ihrer Schande, Niedertracht und Ehrlosigkeit bedingungslos mit ihren ergebenen Genossen, selbst wenn sie schändlich, verräterisch und boshaft sind, um sich ihren Vorteil, von dem sie wie berauscht sind, nicht entgehen zu lassen, und um ihre Anführer und die ihrer Genossen, die um dieses Nutzens willen bei ihnen in Ansehen stehen, nicht zu verärgern. Sie machen auch mit ihren Teilhabern, die sich um eines Vorteilswillen gleichgültig in welcher Form zusammenscharen, von Herzen gemeinsame Sache. Und weil sie es von Herzen tun, ist das Ergebnis auch ihr Profit. Oh ihr vom Übel betroffenen und in Auseinandersetzungen verstrickten Gerechten und Wahrhaftigen! Weil ihr in dieser Unglückszeit die Wahrhaftigkeit besudelt und das Wohlgefallen Gottes nicht zum alleinigen Ziel eurer Bestrebungen gemacht habt, so habt ihr diese Schande und Niederlage der Leute der Wahrheit selbst verursacht. In den Angelegenheiten der Religion und des Jenseits sollte es keine Konkurenz, keinen Neid und keine Eifersucht geben, und vom Standpunkt der Wahrheit betrachtet darf es sie auch nicht geben. Denn die Ursache von Eifersucht und Neid besteht darin, daß sich nach einer Sache viele Hände ausstrecken, sich auf ein Amt viele Augen heften und viele Mägen ein einziges Brot wollen. Damit verfallen sie durch Konkurenzkämpfe und Rivalitätsstreitigkeiten dem Neid und schließlich der Eifersucht. Da sich in der Welt viele um eine einzige Sache bemühen, und da die Welt, weil sie eng und vergänglich ist, die unzähligen Wünsche der Menschen nicht befriedigen kann, werden sie einander zu Rivalen. Doch mit dem Hinweis darauf, daß im Jenseits einem

Manne ein Paradiesesgarten von fünfhundert Lichtjahren*

 

* Anmerkung: Eine belangreiche Frage von maßgeblicher Seite. Die Überlieferung erzählt, daß im Paradies einem Manne ein Garten gegeben wird, den zu durchmessen er fünthundert Jahre benötigt. Wie findet diese Wahrheit Raum im Fassungsvermögen des irdischen Verstandes?

Antwort: So wie jeder in seiner eigenen Welt lebt, die so groß wie diese vorübergehende Welt und sein Leben die tragende Säule dieser seiner Welt ist, so zieht er mit seinen äußeren und inneren Empfindungen Nutzen aus jener seiner Welt. Er sagt: “Die Sonne ist meine Leuchte und die Sterne sind meine Kerzen!” So wie das Vorhandensein anderer Geschöpfe und Lebewesen dem Besitzrecht dieses Mannes nicht hinderlich sind, so beleben sie im Gegenteil seine persönliche Welt und schmücken sie aus. Gleichfalls, aber in einem um tausende höheren Grade gibt es für jeden Gläubigen innerhalb des allgemeinen Paradieses außerdem noch einen besonderen Garten mit tausenden von Schlössern, von lieblichen Wesen belebt, ein Paradies für alle von fünfhundert Jahresreisen Größe. In einem Grade, der dem Verhältnis entspricht, in dem sich seine Gefühle und Empfindungen entwickeln, erwirbt er einen Gewinn, wie er des Paradieses und der Ewigkeit würdig ist. Die Anteilnahme anderer tut seinem Besitzrecht und seinem Nutzen keinen Abbruch, sondern verleiht ihm im Gegenteil noch Kraft. Sie sind ihm ein Schmuck für sein eigenes, weites Paradies.

Jeder kann in dieser Welt einen Garten, einen Park, ein Erholungsgebiet, das er in einer Stunde, einem Tag, einem Monat zu durchwandern vermag, ein Land, durch das er ein Jahr lang reist, mit Mund und Nase,mit Auge und Ohr und mit allen seinen Sinnen genießen. Genauso wie man mit seinen Geruchs- und Geschmacksinnen in diesem vergänglichen Land in einem Garten sich eine Stunde lang erfreuen kann, kann man in jenem Lande, das ein immerwährender Garten ist, ein Jahr lang den gleichen Genuß erfahren. Während aber hier Gehör und Gesichtssinn eine Parklandschaft nur ein Jahr lang genießen können, werden sie dort Parklandschaften in einer Ausdehnung von fünfhundert Jahresreisen genießen dürfen, wie sie jenem prächtigen, mit so überwältigender Schönheit gesegneten Lande würdig sind. Jeder Gläubige findet seinen Geschmack, seinen Genuß seinen Gewinn entsprechend dem Grad und der Verdienste, die er in dieser Welt erworben hat. Und seine Wahr nehmungsfähigkeit wächst und entfaltet sich nach dem Umfang seiner guten Werke.

Größe verliehen, siebzigtausend Schlösser und schöne Wesen geschenkt werden, undjeder von den Leuten des Paradieses mit seinem Anteil vollkommen einver standen und zufrieden ist, wird angezeigt, daß es im Jenseits nichts gibt, was Gegenstand von Konkurenzneid wäre, und daß es dort Konkurenz nicht geben kann. Wenn das aber so ist, dann kann es auch in den das Jenseits betreffenden frommen Taten keine Konkurenz geben. Da ist kein Platz für Eifersucht. Wer eifersüchtig ist, der ist entweder ein Heuchler, so daß er mit frommen Werken nach irdischen Zielen strebt, oder aber er ist ein Dummkopf, der nicht weiß, worauf fromme Werke gerichtet sind und nicht begreift, daß Geist und Grundlage der frommen Werke die Wahrhaftigkeit ist. Durch seine Rivalität bringt er den Freunden Gottes eine Art Feindschaft entgegen und zweifelt (beschuldigt und kritisiert)die Weite und Größe der Barmherzigkeit Gottes. Dazu ein Vorfall, der diese Wahrheit bestätigt: Einer unserer alten Gefährten hegte eine Feindschaft gegen einen Mann. In der Gegenwart dieses Mannes wurde sein Feind wegen seiner Werke der Frömmigkeit erwähnt, ja sogar als ein Heiliger charakterisiert. Der Mann wurde zunächst nicht eifersüchtig oder verlegen. Dann aber sagte jemand: “Jener, dein Feind, ist tapferund stark.” Da sahen wir, wie in dem Manne eine heftige Eifersucht und der Konkurenzneid erwachte. Wir sagten zu ihm: “Heiligkeit und Frömmigkeit ist eine Stärke und Größe dem Brillianten des unendlichen ewigen Lebens gleich. In dieser Hinsicht warst du ihm gegenüber nicht eifersüchtig. Obwohl sich irdisch Kraft auch beim Ochsen und Tapferkeit auch bei einem Raubtier finden,sind sie im Vergleich zu Heiligkeit und Frömmigkeit wie ein gewöhnliches Stückchen Glases im Verhältnis zu einem Diamanten.” Der Man sagte: “Auf Rang und Namen haben wir beide in dieser Welt in gleicher Weise unsere Augen gerichtet. Die Stufenleiter, die wir dazu ersteigen müssen, heißt Mut und Tapferkeit. Darum bin ich eifersüchtig geworden. Die Rangstufen im Jenseits sind unbegrenzt. Während er hier mein Gegner ist, kann er dort mein herzlich geliebter Bruder sein.”

Oh ihr Leute der Wahrheit und des geistigen Weges! Der Dienst an der Wahrheit ist wie der Besitz und die Bewahrung eines großen und bedeutenden Schatzes. Diejenigen, die diesen Schatz auf ihren Schulten tragen, freuen sich nur um so mehr und sind es zufrieden, wie viele kräftige Hände auch zu Hilfe eilen, gar nicht zu reden vom Eifersüchtig-werden. Woher kommt es, daß diese wahrhaftigen Brüder und opferbereiterı Helfer als Rivalen betrachtet werden, wo es doch nötig wäre, ihnen mit einer außerordentlich herzlichen Liebe für ihre Kräfte, die jene Dazugekommenen zusätzlich mehr als sie selbst besitzen, und für ihre zusätzliche Tatkraft und Hilfe rühmend Beifall zu spenden. Und durch dieses Verhalten befleckt ihr die Wahrhaftigkeit. Infolge eurer Aufgabe seid ihr verdächtig und so in den Augen der Irregehenden dergleichen furchtbaren Beschuldigungen ausgesetzt, wie der, euch mit eurem Glauben euren Lebensunterhalt zu verdienen, euch mit eurer Wahrheitslehre (Islam) euer täglich Brot zu sichern und in Habsucht und Geiz miteinander zu wetteifern, was um hundert Grad unter euer Würde und Berufung liegt.

Das einzige Mittel gegen diese Krankheit ist, stets die Schuld bei sich zu suchen, aber nicht sich selbst, sondern stets dem Weggefährten positiv zur Seite zu stehen. Es gibt einen Leitsatz der Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit unter den Gelehrten der Sittenlehre und Wissenschaft der Disputation: “ Wenn es sich bei der Disputation einer Streitfrage herausstellt, daß man selbst das rechte Wort gefunden hat und sich dann darüber freut, daß man selbst recht gehabt hat und dann darüber glücklich ist, daß sein Gegner im Unrecht war und das falsche gesagt hat, so ist das unbillig und herzlos.” Man schadet zudem sich selbst. Denn wenn er recht hat, dann lernt er in der Disputation nichts, was er nicht schon wüßte, erleidet vielmehr durch Stolz möglicherweise einen Schaden. Ist das Recht aber aus Seiten des Gegners, so ist das harmlos. Er lernt etwas, was er nicht wußte, und hat Nutzen davon. Er rettet seine Seele vor Selbstgefälligkeit, d.h. ein gerechter Wahrheitsliebender bricht um der Liebe zur Wahrheit willen den Eigenwille seiner Seele. Findet er, daß sein Gegener recht hat, so nimmt er es wiederum mit Wohlgefallen auf, tritt ihm zur Seite und ist zufrieden.

Wenn so die Leute des Glaubens und der Wahrheit, die Mitglieder der Ordensgemeinschaften und die Vertreter der Wissenschaften sich diesen Leitsatz zum Führer nähmen, so gelangten sie zur Wahrhaftigkeit, und sie würden erfolgreich in ihren Aufgaben für das Jenseits. Sie werden durch die Barmherzigkeit Gottes errettet vor diesem tragischen Sturz und dem gegenwärtigen Unheil.

 

Einundzwanzigster Blitz

Eine Abhandlung über die Wahrhaftigkeit

Diese Abhandlung war ursprünglich dievierte von sieben Problemstellungen der siebzehnten Anmerkung des siebzehnten Blitzes. Sie ist wegen ihres Zusammenhanges mit der Wahrhaftigkeit zweiter Punkt des Zwanzigsten Blitzes geworden. Auf grund ihres Glanzes ist sie als Einundzwanzigster Blitz in den Band “Blitze” eingereiht. Diese AbhancUung sollen die Mitschüler mindestens alle fünfzehn Tage ein Mal lesen.

 

“Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; und streitet nicht miteinander, damit ihr nicht kleinmütig werdet und euer Sieg euch nicht verlorengehe.”(8,46)“Und steht vor Allah in Ehrfurcht.”(2,238)“Wohlergeht es dem, der seine Seele reinigt und zu Schanden wird der, der sie verdirbt. “ (91, 9-10) “ Und verkaufet nicht meine Ayat (Quranverse,Wunderzeichen)fürein Geringes.” (2,41)

Oh meine Brüder im Glauben und meine Gefährten im Dienst am Quran! Ihr wißt ja und sollt es wissen, daß in dieser Welt, besonders in den Diensten für das Jenseits der wichtigste Grundsatz, die größte Macht, der am besten aufgenommene Fürsprecher, der dauerhafteste Stützpfeiler, der kürzeste Weg zur Wahrheit, das wirksamste Gebet der Seele, das wunderbarste Fahrzeug zum Ziel, die erhabenste Eigenschaft, der reinste Gottesdienst die Wahrhaftigkeit ist. Aber obwohl nun die Wahrhaftigkeit gleich der oben erwähnten Eigenschaften so viele Kräfte in sich umfaßt, und obwohl wir in dieser fürchterlichen Zeit diesenschrecklichen Feinden, der Unterdrückung und dem stürmischen Sittenverfall gegenüber inmitten aller Irrtümer so wenige sind, so schwach und arm, hilflos und kraftlos, hat dennoch die Güte Gottes eine so große und schwere, eine so allumfassende und heilige Aufgabe auf unsere Schultern gelegt. Mit Sicherheit müssen wir mehr als jeder andere, mit unserer ganzen Kraft nach der Wahrhaftigkeit streben, ja dazu sind wir geradezu verpflichtet. Wir haben es in ganz besonderem Maße nötig, dieses Geheimnis der Wahrhaftigkeit fest in uns zu verankern. Sonst geht nicht nur das, was wir bisher durch diesen heiligen Dienst gewonnen haben, zum Teil wieder verloren, setzt sich nicht fort, wir werden auch noch dafür unnachsichtig zur Verantwortung gezogen. Wenn wir stattdessen unsere Wahrhaftigkeit um einiger niederer, gemeiner Gefühle und eines persönlichen Nutzens willen verlustig gehen, weshalb uns das ausdrückliche Verbot Gottes mit einer Drohung trifft, wie es die folgende Ayah ausdrückt,

“ Und verkaufet nicht meine Ayat (Quranverse, Wunderzeichen) für ein Geringes,” (2,41)

was uns zugleich auch zum Schaden unserer ewigen Glückseligkeit gereicht und was zudem auch noch sinnlos, nutzlos, schädlich, besorgniserregend, abscheulich und scheinheilig ist, so bedeutet das darüber hinaus einen Anschlag auf das Recht aller Brüder, die in diesem Dienst mit uns zusammen stehen und überdies einen Angriff auf die Dienste am Quran und eine Respektlosigkeit vor der Heiligkeit der Glaubenswahrheiten.

Oh meine Brüder! Vor einer bedeutenden, großen und guten Tat stehen sehr viele Hindernisse und Schwierigkeiten. Die Teufel befassen sich sehr mit denen, die jenen Dienst verrichten. Wegen dieser Hindernisse und dieser Teufel ist es notwendig, sich auf die Kraft der Wahrhaftigkeit zu stützen. Ihr sollt euch von dcn Ursachen fernhalten, welche die Wahrhaftigkeit zerstören, so wie ihr euch von Schlangen und Skorpionen fernhaltet. So wie unser Ehrwürdiger Prophet Joseph (Friede sei mit ihm) gesagt hat:.

“Wahrlich, die Seele verlangtgierig nach dem Bösen.” (12,53)

Man darf seiner Seele in ihrer Gier nicht vertrauen. Eure Ichsucht und die Gier eurer Seele sollen euch nicht verführen. Um diese Wahrhaftigkeit zu erwerben und zu erhalten und die Hindernisse zu überwinden, sollen die kommenden Grundsätze euer Wegweiser sein.

Erster Grundsatz: Auf euren Werken muß das Wohlwollen Gottes ruhen. Auch wenn die ganze Welt grollt, ist das nicht wichtig; hauptsache Er ist rnit euerem Tun einverstanden. Auch wenn das ganze Volk es ablehnt, hat das keine Wirkung, wenn nur Er (Allah) es angenommen hat. Wenn Er (Allah) damit einverstanden ist und es angenommen hat, wenn Er es dann will und Seine Weisheit es erlaubt, bringt Er auch die Leute dazu, es anzunehmen und damit einverstanden zu sein. Ihr sollt euch nicht davon abhängig machen. Deswegen soll man sich in diesem Dienst allein das Einverständnis Gottes des Gerechten als Ziel unmittelbar vor Augen stellen.

Zweiter Grundsatz: Ihr sollt euch nicht über die Brüder, die in diesem Glaubensdienst stehen, abfällig äußern. Und ihr sollt auch nicht Gefühle von Mißgunst und Neid unter den Brüdern wachrufen, indem ihr ihnen eure Überlegenheit demonstriert. Denn, wie eine Hand des Menschen mit seiner anderen Hand keine Rivalität praktiziert, und wie ein Auge das andere Auge nicht kritisiert, wie die Zunge das Ohr nicht anklagt und das Herz die Ungehörigkeiten der Seele übersieht, ja vielmehr deren Unvollkommnenheiten ergänzt, ihre Fehler zudeckt, ihr in ihren Bedürfnissen zu Hilfe eilt und sie in ihren Aufgaben unterstützt. So erlischt im gegenteiligen Falle das Leben in jenem Menschenkörper, seine Seele entflieht und sein Körper zerfällt.

Und so wie desweiteren die Zahnräder einer Maschine nicht gegeneinander konkurieren und miteinander kämpfen und einander zu überflügeln trachten, sich ihre Fehler nachsehen, einander nicht kritisieren und sich in ihrem Arbeitseifer nicht gegenseitig aufhalten, vielmehr sich bereitwillig um des gemeinsamen Zieles willen gegenseitig in ihren Bewegungen Hilfe leisten und dem Zweck ihrer Herstellung entsprechend in echter Verbundenheit und Übereinstimmung miteinander drehen. Sobald ein Staubkörnchen zwischen sie gerät, sie angreift, behindert, beschädigt, die Fabrikation gestört wird, ohne ein Ergebnis läuft, unproduktiv bleibt, so wird dann also der Fabrikbesitzer diese Fabrik ganz und gar abbauen, demontieren.

Seht, ihr Schüler der Risale-i Nur und Diener des Quran! Ihr und wir bilden die Organe einer geistigen verkörperung, die der Bezeichnung eines vollkommenen Menschen würdig ist. Wir stellen die Zahnräder einer Fabrik dar, welche im Ewigen Leben die ewige Glückseligkeit als Ergebnis zeitigt. Und wir sind Schauerleute, die auf einem Schiff des Herrn arbeiten, welches die Gemeinschaft Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, zum Ort des Friedens an der Küste der Geborgenheit trägt. Mit Sicherheit bedürfen wir eines Gemeinschaftsgeistes und wahrhaften Sinnes für die Einheit, ja müssen ihn im Geheimnis der Wahrhaftigkeit zu gewinnen trachten, welcher vier Einzelpersonen die Geisteskräfte von 1111Personen verleiht.

Wenn drei Einser sich nicht vereinigen, ist ihr Wert in der Tat nur Drei, vereinigen sie sich aber nach dem Geheimnis der Zahlen, so nehmen sie den Wert von 111 an. Schreibt man vier mal vier getrennt, ergibt sich der Wert von sechzehn. Wenn sie aber mit dem Geheimnis der Bruderschaft und mit der Einheit im Ziel und mit der Übereinstimmung irt den Aufgaben in Einklang kommen und in einer Reihe Schulter an Schulter gehen, dann werden sie zu einer Macht mit dem Wert von 4444. Genauso legen auch sehr viele geschichtliche Begebenheiten Zeugnis dafür ab, daß wirklich im Geheimnis derWahrhaftigkeit Macht und geistige Kraft von sechzehn opferbereiten Brüdern die Viertausend übersteigt. DerSinn dieses Geheimnisses ist folgend:

In einer wahrhaftigen und aufrichtigen Gemeinschaft kann jede Einzelne mit den Augen der anderen Brüder sehen und auch mit ihren Ohren hören. Bilden zehnMänner eine wirkliche Einheit, so hat jeder einzelne in gewissem Maße eine geistige Kraft und Macht, als ob er mit zwanzig Augen sähe, mit zehn Gehirnen dächte, mit zwanzig Ohren hörte, mit zwanzig Händen arbeitete*.

* Anmerkung: So wie innige Verbundenheit in der Gemeinschaft im Geheimnis der Wahrhaftigkeit die Quelle zahlloser Vorteile ist, so bildet sie auch einen bedeutenden Schutzwall und Rückhalt gegen Ängste, ja sogar gegen den Tod. Denn wenn der Tod kommt, nimmt er nureine einzige Seele mit. Weil jeder durch das Geheimnis wahrer Bruder schaft auf dem Wege des Wohlwollens Gottes und in den Arbeiten, die auf das Jenseits gerichtet sind, so viele Seelen hat wie die Zahl seiner Brüder, so sagt er, wenn einer von ihnen stirbt: ” Meine übrigen Seelen sollen gesund bleiben, weil diese Seelen mir ihre Belohnungen jeder Zeit weiterhin als meinen Gewinn zukommen lassen und so ihr geistiges Leben weiterftihren, sterbe ich nicht.”So kann er “mit einem Lächeln” dem Tod gegenübertreten. “Ich lebe durchjene Seelen hinsichtlich der Belohnungen und sterbe nur hinsichtlich meiner Sünden.” Sagt er und kann sich in Ruhe (zum Schlafe) niederlegen.

Dritter Grundsatz: Ihr sollt wissen, daß eure ganze Kraft aus der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit er wächst. In der Tat liegt Kraft in der Gerechtigkeit und in der Wahrhaftigkeit. Auch die Ungerechten gewinnen Kraft aus ihrer Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, die sie in ihrem Unrecht zeigen. Beweis dafür, daß die Kraft in der Gerechtigkeit und in der Wahrhaftigkeit liegt, ist unser Dienst hier. Ein ganz klein wenig Wahrhaftigkeit in diesem unseren Dienst beweist diese Behauptung und ist in sich selbst ein Beweis. Denn im Vergleich zu dem Dienst an Wissenschaft und Glauben, den wir seit mehr als zwanzig Jahren in rneiner Heimat und Istanbul verrichtet haben, wurde hier mit euch in sieben, acht Jahren hundertfach mehr geleistet. Während ich in meiner Heimat und Istanbul hundert- ja sogar tausendfach mehr Helfer hatte als Brüder, die hier mit mir arbeiten, bin ich einsam und ohne Angehörige, ein Fremdling und ein halber Analphabet. Ich habe absolut keinen Zweifel mehr daran, daß der Dienst, den ich seit sieben, acht Jahren trotz der unmenschlichen Überwachung und der Unterdrückung durch die Beamten mit euch getan habe und die geistige Kraft, die hundertfach mehr Erfolg als die früheren Dienste zeitigt, aus eurer Wahrhaftigkeit erwachsen sind.

Zudem muß ich euch gestehen, daß ihr mich mit eurer aufrichtigen Wahrhaftigkeit gewisser Maßen vor der Scheinheiligkeit bewahrt habt, die unter dem Deckmantel von Ruhm und Ruf meiner Seele schmeichelte. Und so werdet ihr dann, nachdem ihr - mit Gottes Hilfe - die vollkommene Wahrhaftigkeit errungen habt, auch mich in alle Wahrhaftigkeit einführen. Ihr wißt ja, daß Hasret Ali (Allahs Wohlwollen sei mit ihm) mit diesem seinem an die Zeiten der alten Propheten gemahnenden Wunder und Hasret Ghaus Asam (Allah heilige seine Geheimnisse) mit jener seiner zukunftsweisenden Wundergabe euch auf Grund des Geheimnisses der Wahrhaftigkeit ihre Gunst und Anerkennung bezeigen. Sie unterstützen und trösten euch und spenden euch für euren Dienst geistigerweise Beifall.

In der Tat sollt ihr überhaupt keinen Zweifel daran haben, daß euch diese ihre Anerkennung aus eurer Wahrhaftigkeit erwächst. Wenn ihr wissentlich nicht an der Wahrhaftigkeit festhaltet, werden euch ihre Schläge ereilen. (Doch es sind Schläge von liebender Hand, die euch den Zehnten Blitz wieder in Erinnerung rufen sollen.) Wenn ihr euch derartige hervorragende Leute zu eurer Unterstützung als Lehrer über euch wünscht, dann bemüht euch um vollkommene Wahrhaftigkeit nach dem Geheimnis

“ Sie geben euren Brüdern den Vorzug vor sich selbst. “ (59, 9)

Der Seele eurer Brüder sollt ihr vor eurer eigenen Seele hinsichtlich der Würde, dem Rang, dem Wohlwollen der Leute, ja sogar der materiellen Vorteile und solcher Dinge den Vorzug geben, die eurer Seele angenehm erscheinen. Ja, einem Gläubigen eine tiefgreifende Glaubenswahrheit, deren er bedarf, in ihrer ganzen Schönheit darzulegen, ist sogar mit aller kindlichen Unschuld von großem Nutzen ohne jeden Schaden. Soweit möglich solltet ihr euch freuen, wenn ihr einen Kollegen, der eigentlich gar nicht möchte, doch noch dafür gewinnen könnt, damit eure Seele nicht der Selbstzufriedenheit anheim falle. Wenn ihr den Wunsch habt: “ Ich will etwas Verdienstvolles tun. Ich möchte über dieses schöne Thema sprechen. “ Dann ist das so weit noch keine Sünde und kein Fehler. Doch kann dies dem Geheimnis der Wahrhaftigkeit unter euch zum Schaden gereichen.

Vierter Grundsatz: Die Vorzüge eurer Brüder sollt ihr eurer eigenen Persönlichkeit zugehörig und ihre Tugenden als in euch selbst befindlich vorstellen und in ihrer Würde (berechtigterweise) stolz und dankbar sein. Die Mystiker verwenden unter sich die Fachbezeichnungen: “in der Seele seines Lehrers aufgehen” und “in der Persönlichkeit des Gesandten Gottes Md. Aufgehen”.

Ich bin kein Sufi. Aber ihr Grundsatz ist auch auf unserem Weg ein schöner Grundsatz und heißt: “in der Persönlichkeit der Gemeinschaft der Brüder aufgehen”. Unter den Mitbrüdern nennt man es “tefani”. Das heißt: Sich aufgeben und ineinander auflösen. Mit anderen Worten: “Seine eigenen egoistischen Gefühle soll man vergessen und in den Vorzügen und Empfindungen seiner Mitbrüder gedanklich mitleben.” Grundlage un seres Weges ist ja die Bruderschaft. Sie ist nicht das Band zwischen Vater und Sohn, auch nicht zwischen Scheich und Murid, sondern das Band wahrhaftiger Bruderschaft. Da kann es dann höchstens noch einen Lehrer (im Sinne eines älteren Bruders-A.d. Ü) dazwischen geben. Damit unser Weg “Freundschaft” sei, ist es unsere Lebensart “Freund zu sein”. Was aber eine Freundschaft erfordert, ist, ein besonders nahe stehender Freund, ein zu jedem Einsatz bereiter Kamerad, ein über alles schätzenswerter Gefährte und ein vertrauenswürdiger und zuverlässiger Bruder zu sein.

Der Grundstein dieser Freundschaft ist aber aufrechte Wahrhaftigkeit. Der Mann, welcher diese aufrechte Wahrhaftigkeit zerbricht, verliert in höchsten Höhen auf dem obersten Gipfel dieser Freundschaft seinen Halt; und es ist möglich, daß er in den tiefsten Abgrund hinunterstürzt. Er wird dazwischen nichts mehr finden, woran er sich noch festhalten könnte.

In der Tat bieten sich zwei Wege an. Es ist möglich, daß diejenigen, die diesen unseren Weg, die Große Straße, die der Quran ist, verlassen haben, ohne es zu merken, der atheistischen Streitkraft, die uns Feind ist, Hilfe leisten. Inscha-a'llah werden diejenigen, die durch Risale-i Nur in den heiligen Kreis des Quran eingetreten sind, dessen Worte ein Wunder sind, immer das Licht der Erkenntnis, die aus dem Quran erwächst, mehren, in derWahrhaftigkeit wachsen und den Glauben (untereinander) stärken und so nicht in solche Abgründe stürzen.

Oh meine Freunde im Dienst am Quran! Einer der wirksamsten Gründe, Wahrhaftigkeit zu erwerben und zu bewahren, ist: “Mit dem Tod verbunden”zu sein. In der Tat ist das, was die Wahrhaftigkeit beeinträchtigt und zur Scheinheiligkeit und einem weltlichen Leben führt “die Länge der Wünsche”. Was vor der Scheinheiligkeit Abscheu hervorruft und die Wahrhaftigkeit erlangen läßt, ist, “mit dem Tod verbunden” zu sein. Das heißt: Man soll an seinen Tod erwägen und bedenken, daß die Welt vergänglich ist, um sich vor den Einflüsterungen der Begierde zu retten.

In der Tat haben Ordensleute und die Kenner der Wahrheit aus den folgenden Ayat des weisen Quran ihreLehren empfangen:

“Jede Seele wird den Tod schmecken” (3,185) “mit Sicherheit wirst du (Oh mein Gesandter) sterben, und mit Sicherheit werden sie (die (lngläubigen) auch sterben. “(39,30)

und für die Erwählung ihres Weges die “ Verbundenheit mit dem Tod” zur Grundlage genornmen. Sie haben die Vorstellung, ewig (auf Erden) zu leben, welche den “Längengrad der Wünsche” (= Begierden) bildet, durch jene Verbundenheit ausgelöscht.

Als eine Art von Arbeitshypothese oder Bild (vor dem geistigen Auge) stellen sie es sich vor und malen sie es sich aus, schon gestorben zu sein... gewaschen zu werden; nehmen an, ins Grab gelegt zu werden. Indem sie diese Überlegungen immer weiter fortsetzen, wird die triebverhaftete Seele von diesen Erwägungen und Vorstellungen betrübt und entsagt bis zu einem gewissen Grade ihren ausschweifenden Wünschen. Diese Verbundenheit hat sehr viele Vorteile. Da eine Überlieferung unseres Propheten Mohammed, mit dem Friede und Segen sei, lautet:

“Ihr sollt euch den Tod, der die Genüsse bitter werden läßt und sie Zunichte macht, oft ins Gedächtnis rufen, “

erteilt sie uns diese Verbundenheit als Lektion. Da wir aber nicht die Berufung der Ordensleute haben, es uns vielmehr um Tatsachen geht, ist es nicht notwendig, daß wir uns nach Art der Ordensleute Bilder und Vorstellungen ausmalen. Außerdem stimmt das nicht mit dem wahren Weg überein. Wenn man versucht, sich die Folgen auszumahlen, so sollte man nicht die Zukunft in die Gegenwart herüberholen, vielmehr von den Tatsachen ausgehend von der Gegenwart in die Zukunft hinüberdenken, sie in den Blick bekommen. In der Tat kann man seine eigene Leiche als einzige Frucht am Gipfel dieses kurzen Lebensbaumes betrachten, ohne daß es dazu einer Arbeitshypothese oder bildlichen Vorstellung bedürfte. So wie er dabei einzig seinen eigenen Tod erblickt, so erblickt er dort auch das Ende seiner Zeit, sobald er nur ein wenig zur anderen Seite hinübergeht. Sobald er noch ein wenig weiter zur anderen Seite hinübergeht, wird er auch Zeuge des Endes der Welt. So öffnet sich ihm der Weg zur vollkommenen Wahrhaftigkeit. Ein zweiter Grund: In der Kraft eines durchforschten Glaubens und in dem Licht, das aufstrahlt, wenn wir über den Glauben nachsinnen, so wie er der Schöpfung imanent ist und uns in der Erkenntnis ihres Meisters gegeben wird, gelangen wir zu einer Art von (göttlicher) Gegenwart, bedenken, daß der barmherzige Schöpfer allgegenwärtig und allschauend ist, suchen bei keinen anderen nach Seinem Wohlwollen außer bei Ihm. Sich in Seiner Gegenwart noch mit anderen zu beschäftigen, ja von ihnen Hilfe zu erwarten, widerspricht dem Anstand, den Seine (göttliche) Gegenwart erfordert. Zieht man dies in Betracht, so bewahrt man sich vor Scheinheiligkeit und gelangt zur Wahrhaftigkeit. Wie dem auch sei... es gibt dabei noch viele Grade und Abstufungen. Jeder hat daran seinen Anteil, zieht daraus seinen Nutzen und hat dementsprechend davon seinen Gewinn. Da in der Risale-i Nur viele Wahrheiten erwähnt wurden, die den Menschen vor der Scheinheiligkeit bewahren und zur Wahrhaftigkeit führen, überlassen wir das Weitere den übrigen Risale-i Nur Abhandlungen. Und so beendenwir diese hier.

Wir wollen hier nun zwei, drei unter sehr vielen Ursachen, die von der Wahrhaftigkeit weg und zur Heucheleihinführen, kurz erläutern.

Erstens: Ein Konkurenzkampf, der um eines materiellen Vorteils willen entsteht, untergräbt nach und nach die Wahrhaftigkeit. Zum einen vereitelt er das Ziel dieses Dienstes, zum anderen vernichtet er auch den materiellen Gewinn selbst.

In der Tat hat dieses Volk immer den Gedanken der Hochachtung und der Unterstützung für diejenigen, die für die Wahrheit des Islam und für die jenseitige Welt arbeiten, genährt. Und sie haben sich tatsächlich um die Deckung ihrer materiellen Bedürfnisse gekümmert, der Absicht, an ihrer aufrichtigen Wahrhaftigkeit und an ihren treuen Diensten auf ihre Weise Anteil zu haben. Damit sie keine Zeit verlieren sollten, haben sie ihnen mit materiellen Gütern wie Spenden und Geschenken, geholfen und ihnen ihre Verehrung bezeigt. Aber diese Unterstützung und Hilfe darf man nicht verlangen, vielmehr werden sie frei gegeben. Ja man sollte noch nicht einmal in seinem Herzen einen Wunsch hegen, auch nicht durch seine Haltung eine Hoffnung zum Ausdruck bringen. Vielmehr wird alles auf unerhoffte Weise gegeben. Anderenfalls erleidet die Wahrhaftigkeit Schaden. Außerdem gerät man so in die Nähe des in folgender Ayah ausgesprochenen Gebotes:

“Ihr sollt meine Ayat (Quranverse, Wunderzeichen) nicht um ein Geringes verkaufen.” (2,4I)

Dadurch ist der Wert der guten Taten teilweise abgebrannt (und vernichtet). Wer sich also nach einem materiellen Vorteil sehnt und in dieser Hoffnung verweilt, der wird danach in der Triebhaftigkeit seiner Seele und durch seine Eigenliebe, um sich einen solchen Vorteil nicht von einem anderen wegnehmen zu lassen, gegen seinen wahren Bruder und Kollegen im gemeinsamen Dienst ein Gefühl der Rivalität in sich entwickeln. Die Wahrhaftigkeit erleidet Schaden; der heilige Dienst geht zugrunde. In den Augen der Leute der Wahrheit entsteht eine beklemmende Situation. Und auch der materielle Gewinn geht verloren. Nun ja... Dieser leig benötigt noch viel Wasser. Ich will hier abbrechen und nur noch zwei Beispiele erzählen, um das Geheimnis der Wahrhaftigkeit und die herzliche Gemeinschaft unter meinen wahren Brüdern zu bestärken.

Erstes Beispiel: Um großen Reichtum zu erlangen und gewaltig an Macht zu gewinnen, haben Weltleute, ja sogar ein Teil der Politiker und bedeutende Komiteen im menschlichen Gemeinschaftsleben den Grundsatz der Gütergemeinschaft für sich zur Richtschnur gemacht. Trotz aller Mißbräuche und Nachteile gewinnen sie ganz erstaunlich an Macht und erzielen einen großen Gewinn. Aber trotz aller Nachteile einer solchen Gütergemeinschaft ändert sich durch die Gemeinschaft im Wesentlichen nichts. Jeder einzelne ist wie einem Besitzer über das Ganze vergleichbar, wenn auch nur unter bestimmten Umständen und in gewisser Hinsicht; aber einen Vorteil davon hat er nicht. Nun gut...

Wenn dieser Grundsatz der Gütergemeinschaft in dem Bemühen um das Jenseits praktiziert wird, bewirkt er einen gewaltigen Gewinn ohne einen Nachteil. Denn der gesamte Besitz bringt es als ein Geheimnis mit sich, daß er vollständig in die Hände jedes einzelnen Teilhabers dieser Gesellschaft übergeht. Wenn nämlich von vier, fünf Männern, welche die Absicht haben, eine Gesellschaft zu begründen, einer Petroleum, einer einen Docht, einer einen Lampensockel, einer einen Zylinder und einer ein Streichholz herbeibringt, so können sie die Lampe entzünden. Jeder wird Besitzer einer vollständigen Lampe. Wenn dann jeder Gesellschafter je an einer Wand einen großen Spiegel hat, so erscheint in jedem einzelnen Spiegel zusammen mit dem ganzen eine Zimmer ne fehlerfreie und ungeteilte Lampe.

Genauso verhält es sich auch mit der gemeinschaftlichen Arbeit, was die jenseitigen Güter im Geheimnis der Wahrhaftigkeit, die Gesellschaft im Geheimnis der Brüderlichkeit, die Solidarität im Geheimnis der Eintrachtbetrifft: Die Summe dieser Gemeinschaftsarbeit und all das Licht, das aus ihr entspringt, wird jedem Einzelnen zur Gänze in seinem Arbeitsheft gutgeschrieben. Dieswurde so von allen Meistern und Heiligen geschaut und bezeugt und ist ein Erfordernis der allumfassendenBarmherzigkeit und der Freigiebigkeit Gottes.

Oh meine Brüder! Inscha-a'llah wird materieller Gewinn euch nicht zu einem Konkurenzkampf verführen. Aber, von dem Gesichtspunkt des Nutzens (für das Leben im) Jenseits ist es möglich, daß ihr euch täuschen laßt, so wie ein Teil der Ordensleute sich täuschen läßt. Aber wo ist da das bißchen persönlicher Verdienst und wo ist, entsprechend dem obigen Beispiel, Verdienst und Licht aus der gemeinsamen Arbeit?

Zweites Beispiel: Die Handwerker, die mit den Produkten ihrer handwerklichen Arbeit einen möglichst hohen Gewinn erzielen wollen, erwerben durch ihre Zusammenarbeit einen bedeutenden Reichtum. So haben zehn Leute, die Nähnadeln produzieren wollten, versucht, diese Stück für Stück herzustellen. Als Ergebnis dieser Einzelherstellung waren nur drei Nadeln täglich die Frucht eines solchen Ein-Mann-Handwerkes. Dann haben sich diese zehn Leute nach den Regeln einer Produktionsgemeinschaft vereinigt. Einer bringt Eisen, einer versorgt den Ofen, einer bohrt die Löcher, einer steckt das Material in den Ofen, einer spitzt die Nadeln an usw Jeder einzelne beschäftigt sich nur mit einer Teil arbeit in seinem Nadelproduktionsbetrieb. Da die Arbeit jedes einzelnen einfach ist, geht keine Zeit verloren, jeder gewinnt in seinem Tun an Geschicklichkeit und macht seine Arbeit sehr schnell. Danach haben sie unter sich das Ergebnis ihrer Produktion geteilt, die nach den Gesetzen der Arbeitsteilung und Gemeinschaftsproduktion durchgeführt wird. Sie haben gesehen, daß auf jeden einzelnen statt dreier Nadeln täglich dreihundert Nadeln entfallten. Dieses Beispiel wurde unter den weltlichen Handwerksleuten sprichwörtlich und regte sie zur Gemeinschaftsproduktion an.

Oh meine Brüder! Wenn nun schon in weltlichen Angelegenheiten, bei opaker Materie, auf diese Weise Einheit und Verbundenheit so gewaltige Summen als Gewinn abwerfen, so könnt ihr einen Vergleich anstellen, was für einen großen Gewinn es erbringt, wenn sich durch die Gnade Gottes in dem Spiegel jedes einzelnen das Ganze reflektiert, das von einer anderen Welt und leuchtend ist,und das man nicht in kleine Stücke zu zerteilen braucht. Jeder einzelne bekommt so viel Belohnung wie die ganze Gemeinschaft verdient. Diesen gewaltigen Gewinn soll man nicht durch Konkurenzkampfund Unaufrichtigkeit entgleiten lassen.

Zweitens: Das zweite Hindernis, an dem die Wahrhaftigkeit zerbricht, ist die Ruhmsucht, die aus dem Ge1tungsbedürfnis entsteht und unter dem Deckmantel von Würde und Ehre die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und öffentliche Anerkennung zu gewinnen sucht. Seinem Bedürfnis nach Selbstbestätigung zu schmeicheln und das Tier in uns auf ein Postament zu erheben, ist eine äußerst bedenkliche Krankheit des Geistes und öffnet der Scheinheiligkeit und Selbstgefälligkeit, was “unbewußte Abgötterei” genannt wird, die Türe.

Oh meine Brüder! Unsere Berufung im Dienst amweisen Quran ist die Wahrheit und Bruderschaft. Das Geheimnis der Bruderschaft ist: “Jeder soll mit seiner Persönlichkeit in den Brüdern aufgehen* und ihrer Seele vor der eigenen Seele den Vorzug geben.” Darum soll solch ein Konkurenzdenken, das aus dem Bedürfnis nach Amt und Würden erwächst, unter uns keinen Einfluß haben. Denn sie ist mit unserem Weg ganz und gar nicht zu vereinbaren. In Anbetracht der Tatsache, daß

 

* Anmerkung: In der Tat glücklich der, welcher aus dem Strom, der aus der Lehre des Quran gespeist wird,einen See voll wohlschmeckendem Wasser (gemeint ist die Bruderschaft des Islam - A.d. Ü.) zu füllen vermag, um seine eigene Persönlichkeit und seinen Egoismus in diesen See hineinzuwerfen und einem Stückchen Eises gleich in ihm zu verschmelzen.

die Würde der Brüder im Allgemeinen jedem einzelnen von ihnen gehören sollte, hoffe ich nur, daß es den Risale-i Nur Schülern hundertfach ferne liegt, diese große Würde des Geistes für ein kleines, persönliches Stückchen Ruhm zu opfern und für eine Würde, die in Konkurenzkämpfe verstrickt, nur sich selber sucht. In der Tat dürfen sich das Herz, der Verstand und die Seele der Risale-i Nur Schüler nicht zu solchen niedrigen, schadenträchtigen und gemeinen Dingen herabwürdigen. Doch jeder findet in sich seine Triebnatur. Und zuweilen gehen diese Empfindungen der Seele in Fleisch und Blut über. Sie üben bis zu einem gewissen Grade, dem Geiste zum Trotz und entgegen Herz und Verstand iliren Einfluß aus. Ich will euren Geist oder euer Herz nicht verdächtigen, auch eurem Verstand nicht die Schuld geben. Aufgrund der Wirkung, die der Risale-i Nur gegeben ist, vertraue ich auch darauf. Doch eure Gefühle und Neigungen, Empfindungen und Vorstellungen führen euch zuweilen in die Irre. Deswegen werdet ihr manchmal nachdrücklich ermahnt. Dieser Nachdruck bezieht sich auf Gefühle und Neigungen, Empfindungen und Vorstellungen. Ihr sollt in eurem Verhalten Besonnenheit an den Tag legen.

Wäre es unsere Berufung, die Würde eines Scheichs anzustreben und gäbe es da nur eine einzige Rangstufe oder eine begrenzte Anzahl Rangstufen: Um diesen Rang würden sich mehrere talentierte Kandidaten bewerben. Es gäbe einen Wettbewerb um das eigene Fortkommen. Aber unsere Berufung ist die Bruderschaft. Ein Bruder kann einem Bruder kein Vater sein und sich nicht so verhalten wie ein geistiger Meister. Die Stellung in der Bruderschaft ist weit gefächert. Sie kann nicht Anlaß dafür sein,. daß man sich müht, einander den Rang abzulaufen und versucht, sich gegenseitig zu überflügeln. Bestenfalls kann der Bruder dem Bruder Stütze und Rückhalt sein; so vervollkommnet er seinen Dienst.

Hier ein Beweis, daß es auf den Wegen der Väter und Lehrer infolge des Wettstreits, durch ehrgeiziges Mühen um Lohn, in dem Streben nach dem Höchsten, zu äußerst mangelhaften und gefährlichen Ergebnissen kommen kann: Wenn unter Ordensleuten bei aller so bedeutsamen und erhabenen Vollkommenheit und aller Verdienste Divergenzen und Rivalitäten auftreten, so ist das folgenschwere Ergebnis davon, daß ihre heiligen und erhabenen Kräfte den Stürmen der Ketzerei nicht standhalten können.

Drittens: Das dritte Hindernis heißt Angst und Habsucht. Dieses Hindernis wurde zusammen mit einigen anderen Hindernissen in der Abhandlung “Sechs Stürme” vollständig erklärt. Wir wollen es dabei belassen und bitten und flehen zu dem Herrn in der Überfülle Seines Erbarmens und machen dabei auch alle Seine Schönen Namen zu unseren Fürsprechern: “Gewähre uns allen, daß wir das Ziel der wollkommenen Wahrhaftigkeit erlangen mögen... Amen.”

“Oh Allah, bei Deiner Wahrheit und um der Sure der Wahrhaftigkeit willen, reihe uns ein unter diejenigen, welche als Deine wahrhaftigen Diener nach der Wahrhaftigkeit streben. Amen. Amen. Amen...”;

“ Gepriesen seiest Du! Kein Wissen besitzen wir, außer dem,das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende und der Allweise!” (2,32)

Ein persönlicher Brief an einige Brüder

Für diejenigen unter meinen Brüdern, welche des Schreibens überdrüssig geworden, während der drei dem Gebet geweihten Monate der Niederschrift der Risale-i Nur, die aus fünferlei Gesichtspunkten zu den Gebeten gezählt wicrl, anderen Gebeten den Vor zug geben, möchte ich den Geist einer Ehr würdigen Überlieferung erläutern.

Erstens:

Das heißt, “ Bei der Wiederversammlung wird die Tinte, welche die Gelehrten für die Wahrheit verwandt haben, dem Blut der Märtyrer gleichgeachtet, erhält deren Wert. “

* Zu diesem kostbaren Brief, in dem unser Lehrer auf fünf Arten der Anbetung hinweist, wollten wir von ihm selbst eine Erklärung erhalten. Die Niederschrift der von ihm empfangenen Erklärung lautet wie folgt:

1. Sie ist der geistige Kampf gegen die Leute des Irrweges, welcher der wichtigste Kampf ist.

2. Sie ist der Dienst, bei dem man seinem Meister zur Verbreitung der Wahrheit Hilfe leistet.

3. Sie ist der Dienst den man den Moslimen im Glauben leistet.

4. Sie ist das Studium der Wissenschaften, das man mit dem Griffel betreibt.

5. Sie ist eine Art der Anbetung, die man im Nachsinnen vollzieht und die manchmal in einer Stunde mehr Segen bringen kann als ein Jahr der Anbetung. Rüschtü, Husrew, Re'fet

Zweitens:

“Wer in einer Flut der Ketzerei, inmitten eines Stroms von Irrlehren an den Edlen Sitten und der Wahrheit des Quran festhält und ihr dient, wird den Lohn von hundert Märtyrern gewinnen.”

Oh ihr Brüder, die ihr in eurem Hang zur Faulheit des Schreibens überdrüssig geworden seid und der Mystik zuneigt! Diese beiden Überlieferungen (vom Gottesgesandten Md. - Friede sei mit ihm) zeigen: Wenn ihr in einer solchen Zeit der Wahrheit des Glaubens, dem Geist des Gesetzes und den Edlen Sitten einen Dienst erweist, so wird euch für das schwarze Licht, das euren segensreichen, reinen Stiften entströmt, oder ein Dirhem Tinte, das dem Wasser des Lebens gleicht, am Tage der Wieder versammlung Lohn, gleich hundert Dirhem Blut der Märtyrer, gegeben werden. So sollt ihr euch dementsprechend um diesen Gewinn bemühen.

Wenn ihr sagt: In dieser Überlieferung wird der Ausdruck “Gelehrter” verwendet. Viele von uns sind aber nur Schreiber.

Antwort: Wer ein Jahr diese Abhandlungen und Lektionen liest und dabei versteht und sie annimmt, der wird ein bedeutender, wahrhaftiger Gelehrter unserer Zeit werden. Auch wenn er sie nicht versteht, so ist dennoch in Anbetracht dessen, daß die Schüler der Risale-i Nur eine geistige Körperschaft bilden, ohne Zweifel diesegeistige Körperschaft einem Gelehrten unserer Zeit gleich. Was aber eure Schreibstifte betrifft, so sind sie die Finger dieser geistigen Verkörperung. Und obwohl ich es meiner Ansicht nach gar nicht wert bin, wohlan denn, so sei es, daß ihr in meiner Nachfolge mich aufgrund eurer guten Meinung über mich in meiner Armseligkeit als einen Lehrer betrachtet, mir die Stellung einesGelehrten zuerkannt und so mit mir verbunden seid. Da ich nun ungebildet und ohne Schreibzeug bin, mögen eure Stifte als mein Schreibstift angesehen werden. So werdet ihr den in der Überlieferung aufgezeigten Lohn erhalten.

Said Nursi

 Zweiundzwanzigster Blitz

“In Ihm, im Namen des Hochgelobten”

Dem gerechten Bürgermeister von Isparta, der Justiz und der Polizeibehörde, sowie meinen persönlichsten, innigsten und aufrichtigsten Brüdern gewidmet, biete ich diese kleine so persönliche Abhandlung an, die ich vor zweiundzwanzig Jahren geschrieben habe; als ich mich in Barla, Kreis Isparta, befand, weil sie in Beziehung zu Volk und Regierung steht. hälls es für geeignet er scheinen sollte, mögen einige Exemplare davon mit den neuen oder auch mit den alten Buchstaben getippt werden, damit auch diejenigen, die seit fünfundzwanzig, dreißig Jahren noch nach meinen Geheimnissen suchen und darin forschen, begreifen: Wir haben gar keine versteckten Geheimnisse. Und unser verborgenstes Geheimnis, das ist diese Abhandlung. Sie sollen sie kennenlernen!

Said Nursi

Drei Hinweise

 Obwohl diese Abhandlung die dritte Streitfrage der Siebzehnten

Anmerkung innerhalb des Siebzehnten Blitzes wäre, wurdesie wegen ihrer Dringlichkeit und des Umfangs ihrer Fragen und wegen ihrer glänzenden und ausdrucksstarken Antworten als Zweiundzwanzigster Blitz des Einundreißigsten Briefes in die Sammlung der Blitze eingereiht. Man muß also dieser Abhandlung in diesem Band einen Platz einräumen. Von privatem Charakter ist sie meinen innigsten, aufrichtigsten und treuesten Brüdern zugeeignet.

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Denn wer auf Allah vertraut, dem ist Er sein Genügen. Wahrlich, was Allah .sich vorgenommen hat, das erreicht Er; und schon hat Er allen Dingen Seine Bestimmungauferlegt.” (65,3)

Diese Streitfrage besteht aus drei Hinweisen.

Erster Hinweis: Eine wichtige Frage, die mich persönlich und auch die Risale-i Nur betrifft.

Es wird von vielen Seiten gesagt: Warum mischen sich die Weltleute bei jeder Gelegenheit in deine religiösen Angelegenheiten ein, obwohl doch du dich niemals in weltliche Angelegenheiten einmischt? Mischt sich denn irgendein Gesetz irgendeiner Regierung in das Leben derer, die sich aus der Welt zurückgezogen haben und als Einsiedler leben wollen?

Antwort: Der Neue Said beantwortet diese Frage mit Schweigen. Der Neue Said sagt: “Diese Antwort möge die Vorausschau Gottes geben.” Gleichzeitig aber spricht zwangsläufig der Verstand des Alten Said, den er sich vorübergehend geliehen hat:

Wer auf diese Frage eine Antwort geben sollte, ist die Regierung von Isparta, sind die Einwohner dieser Stadt. Denn Volk und Regierung dieser Stadt sind von dem, was diese Frage beinhaltet, weit ,stärker betroffen als ich. Denn warum sollte ich, da nun einmal die Regierung, die aus tausenden von Personen besteht und ihr Volk, das aus hunderttausenden von Personen besteht und dazu verpflichtet ist, sich um mich zu kümmern und mich zu verteidigen, unnötigerweise mit meinen Anklägern konferieren und mich selbst verteidigen? Denn seit neun Jahren lebe ich in dieser Stadt und allmählich kehre ich ihren weltlichen Angelegenheiten immer mehr den Rükken. Keiner meiner Lebensumstände ist zugedeckt und keiner meiner Seelenzustände noch bekleidet geblieben. Jede auch noch so private und zur Veröffentlichung am wenigsten geeignete Abhandlung ist in die Hände der Regierung und mancher Abgeordneten geraten. Als ob ich durch mein Verhalten die Weltleute in Angst und Schrecken versetzt, mich in ihre Regierungsangelegenheiten eingemischt, dergleichen vorbereitet oder auch nur beabsichtigt hätte, hat die Regierung dieser Stadt und der Kreis mich neun Jahre lang beobachten lassen und hinter mir her spioniert, und das, obwohl ich zu denen, die zu mir gekommen sind selbst noch über meine Privatangelegenheiten offen gesprochen habe. Doch die Regierung hat sich mir gegenüber schweigend verhalten und sich nicht weiter mit mir befaßt. Hätte ich das Glück von Volk und Vaterland zerstört, ihm für die Zukunft irgendeinen Schaden zugefügt und mich auf diese Weise schuldig gemacht, dann sind alle, angefangen vom obersten Gouverneur bis hin zum letzten Polizeikommandanten eines Dorfes seit neun Jahren dafür verantwortlich. Nun müßten sie - sich von ihrer Verantwortung wieder rein zu waschen - mich verteidigen und denen, die bisher versucht hatten, Kuppeln aus Seifenschaum zu errichten, erklären, daß eine Kuppel eine Seifenblase sei. Ist dem aber so, dann überlasse ich ihnen die Antwort auf diese Frage.

Nun aber ist das Volk dieser Stadt in seiner Gesamtheit mehr als ich dazu verpflichtet, mich zu verteidigen, und zwar deshalb, weil wir seit neun Jahren mit hunderten von Abhandlungen, die einen spürbaren Eindruck hinterlassen haben, aber auch mit der Tat für das ewige Leben in jener, die Stärkung des Glaubens und ein glückliches Leben in dieser Welt für das Volk, das uns ein gesegnetes ist von Gott, Bruder und Freund gearbeitet haben. Es ist niemandem aufgrund dieser Abhandlungen Wirrwar oder Schaden erwachsen, und daß auf staatlicher oder gemeindlicher Ebene irgendwelche Eigensüchteleien zum Vorschein gekommen wären. Allah sei Dank dafür, daß die Stadt Isparta den segensreichen Status des alten Heiligen Damaskus erworben hat und durch die Risale-i Nur den segensreichen Status, hinsichtlich seiner Kraft überzeugten Glaubens und seiner Festigkeit im Glaubensleben, und den segensreichen Status also von der Art der E1-As-har Universität in Ägypten. Ihre Räume dienen dem Gebet und dem Unterricht in religiösen wie weltlichen Fächern. Sie ist eine theologische Hochschule für die gesamte islamische Welt. Durch die Risale-i Nur wurde es erreicht, daß in dieser Stadt die Stärkedes Glaubens und die Begeisterung für die religiösen Verpflichtungen die allgemeine Gleichgültigkeit überwinden halfen. Dadurch ist sie im Vergleich mit allen anderen Städten zu einer hohen religiösen Haltung erstarkt. Deshalb müssen alle Menschen in dieser Stadt, selbst dann, wenn sie glaubenslos sein sollten, mich und die Risale-i Nur verteidigen. Da meine Verteidigung für sie eine sehr bedeutsame Verpflichtung darstellt, für meine Wenigkeit die Aufgabe beendet ist und - Dank sei Allah - tausende von Schülern an meiner Statt gearbeitet haben und noch heute arbeiten, sehe ich keine Veranlassung mehr dazu gegeben, mein so winzig kleines Recht zu verteidigen. Ein Mann, der so viele tausend Anwälte hat, braucht sich nicht mehr selbst zu verteidigen.

Zweiter Hinweis: Antwort auf eine kritische Frage. Von Seiten der Weltleute wird gesagt: Warum spielst du den Beleidigten? Nicht ein einziges Mal bist du bei uns vorstellig geworden; geschwiegen hast du! Du beschwerst dich lautstark über uns und sagst: “Ihr schikaniert mich.” Aber bei uns gibt es ein Prinzip, eine eigene Devise als Erfordernis unserer Zeit. Deren Praktizierung aber akzeptierst du nicht für dich. Wer die Gesetze anwendet, kann ungesetzlich nicht handeln; wer sie aber nicht akzeptiert, ist ein Revolutionär. Um es kurz zu rnachen; in diesem Zeitalter der Befreiung, der Epoche des Republikanismus, die gerade erst begonnen hat, spielst du manchmal den Hodscha und manchmal den Einsiedelmarcn, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen und bemühst dich darum, dir außerhalb der Einflußsphäre der Regierung Macht und eine soziale Stellung zu verschaffen, obwohl es doch ein Grundgesetz unserer Regierung geworden ist, zugunsten des Gleichheitsprinzips mit der bisherigen Vor- und Gewaltherrschaft, der Unterdrückung auf Grund von Privilegien zu brechen, was du ja schon in deinem ganzen äußeren Gehabe zum Ausdruck bringst und was auch dein bisheriger Lebenslauf beweist. Dieses dein Verhalten mag man, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, in der Unterdrückung und unter der Despotie der Bourgeoisie gutheißen, aber bei uns haben sich nach der Aufklärung und dem Sieg der Klasse der Proletarier die Grundsätze des endgültigen Sozialismus Bolschewismus ganz klar gezeigt, was unserer Arbeit sehr gut zustatten kommt und weshalb wir auch diese Prinzipien des Sozialismus akzeptiert haben. Deshalb kommt uns deine Haltung schwer an, läuft unseren Prinzipien zuwider. Deswegen hast du kein Recht, dich wegen der zusätzlichen Auflagen bei uns zu beschweren und auch noch den Beleidigten zu spielen!?

Antwort: Wer im gesellschaftlichen Leben der Menschheit einen neuen Weg einschlagen will, kann nichts Gutes zustande bringen, keinen Fortschritt erzielen und keinen Erfolg haben, wenn er sich hier in dieser Welt nicht im Einklang mit den Naturgesetzen befindet. Was er tut, erweist sich als destruktiv und alle seine Handlnngen werden ihm als Bosheit angerechnet. In Anbetracht dieser Tatsache erweist es sich als notwendig, den Naturgesetzen zu folgen. Doch dem Gesetz der völligen Gleichheit kann man erst dann folgen, wenn man die Natur des Menschen ändert und die der Erschaffung des Menschengeschlechtes zugrunde liegende Weisheit abschafft. Ich selbst bin wahrhaftig von Hause aus und meiner Lebensweise nach ein Proletarier und gehöre meinem Wesen und Denken entsprechend zu denen, die das Prinzip der “ Gleichheit aller vor dem Gesetz” akzeptieren. Aufgrund meines Mitempfindens und meines islamischen Glaubens opponiere ich seit eh und jeh mit einem tiefen Sinn für Gerechtigkeit gegen die Unterdrükkung durch die privilegierte Klasse der Oberschicht, welche man die Bourgeoisie nennt. Deshalb bin ich auch mit meiner ganzen Kraft für absolute Gerechtigkeit und gegen die Unterdrückung und Ausbeutung, gegen Ungerechtigkeit und Despotie. Aber das Wesen des Menschen und die tiefe Wahrheit und Weisheit, die ihm zugrundeliegt, ist dem Gesetz von der absoluten Gleichheit entgegengesetzt. Denn so wieder allweise Schöpfer, um uns Seine Allmacht und Weisheit in ihrer Vollendung zu zeigen, aus wenigen Dingen eine große Ernte hervorbringt, auf eine einzige Seite viele Bücher schreiben läßt und durch ein einziges Ding viele Aufgaben erfüllen läßt, so läßt Er auch durch das Menschengeschlecht die Aufgaben von tausenderlei verschiedenen Arten (der Schöpfung) wahrnehmen.

Dies aber ist nun das gewaltige Geheimnis, daß Gott der Gerechte das Menschengeschlecht in seinem Wesen so erschaffen hat, daß es sich in tausenden von Arten entfaltet und sich auf tausenden Stufen gleich ebenso vielen voneinander verschiedenen Tiergattungen zeigt. Doch ist der Mensch nicht einem Tier gleich, in seinen äußeren und inneren Fähigkeiten und Empfindungen begrenzt. Gott hat ihm die Freiheit geschenkt und ihm die Fähigkeit verliehen, auf unendlichen Stufen zu schreiten. Obwohl die Menschen in ihrer Gesamtheit nur eine einzige menschliche Gattung bilden, kommen sie dennoch in ihrer Bedeutung tausenden von Gattungen gleich, weshalb der Mensch auch die Bedeutung eines Stellvertreters Gottes auf Erden, der Frucht der Schöpfung und eines Königs über alles Lebendige erhalten hat.

Nun aber finden der Wettbewerb und alle menschlichen Qualitäten, die aus dem wahrhaftigen Glauben entstehen, ihre Ursache in der Mannigfaltigkeit der Arten, welche die so überaus notwendige Hefe zu dessen Entfaltung und das Antriebsaggregat zu dessen Fortentwicklung bilden. Diese menschlichen Qualitäten zu streichen oder auch nur zu nivelieren ist nur dann möglich, wenn man den Menschen in seinem Wesen verändert, seinen Verstand auslöscht, seine Seele zerstört und seinen Geisttötet. Nachfolgend dazu ein absolut zutreffendes Wort*,

* eine Anspielung auf seinen Verfasser Namik Kemal. (A.d. Ü.)

würdig, dieser Unserer Zeit, die unter dem Denkmantel, eine freiheitlich demokratische Republik begründen zu wollen, eine furchtbare Schreckensherrschaft aufgerichtet hat, in ihr unmenschliches Antlitz zu schlagen, ein Wort, dasjedoeh fälschlicherweise einerhervorragenden Persönlichkeit, die diesen Schlag nicht verdient hätte, ins Gesicht geschleudert wurde:

Wie wäre es denn möglich durch Ungerechtigkeit

und Despotie

dem Volk zu nehmen sein Recht auf Freiheit und

Demokratie!

Versuche doch, ob du kannst in der Menschheit

auslöschen den Sinn und ihre Sehnsucht nach dez

Freiheit!

Doch an Stelle dieses Ausspruchs will ich dieser unserer

Zeit ins Gesicht schleudern:

Wie wäre es denn möglich durch die Ungerechtigkeit und Unterdrückung

dem Volk die Freiheit der Wahrhaftigkeit zu rauben und sein Recht?

Versuche doch, ob du der Menschheit töten kannst das Herz und ihren Sinn für die Wahrhaftigkeit!

oder:

Wie wäre es denn möglich durch Ungerechtigkeit und Unterdrückung einer Seele alle ihre Vorzüge zu stehlen und ihre Verdienste?

Versuche doch, ob du machen kannst zu gewissenlosen Seelen die Menschheit und vernichten alle ihre Werte!

Tatsächlich sind diejenigen Werte, die aus dem Glauben hervorgehen keine Quelle der Bevormundung und können auch kein Grund zur Unterdrückung sein. Bevormundung und Gewaltherrschaft auszuüben ist Charakterlosigkeit. So ist denn der bedeutendste Wesenszug eines Mannes von Charakter der, in all seiner Armut, Schwäche und Bescheidenheit teilzuhaben am menschlichen Gemeinschaftsleben. Gott sei Dank hat mein Leben stets diesen Charakterzug getragen und wird auch weiter durch ihn geprägt sein. Ich will mich nicht rühmen zu behaupten, besondere vorzüge zu besitzen, doch in der Absicht, mit den Worten der Sure: “ Verkündige die Gnade deines Herrn” (93,11) zu danken, darf ich sagen, daß Gott der Gerechte aus der Fülle Seiner Freigiebigkeit mir den Vorzug geschenkt hat, mich für mich selbst und für andere um das Verständnis von Glaube und Quran zu bemühen. Diese Gnade Gottes habe ich Gott sei Dank in meinem ganzen Leben unter Gottes Führung um der islamischen Nation willen und zu deren Glück verwendet; und so wie Unterdrückung und Bevormundung für mich niemals in Frage kamen, so habe ich auch, worauf die Gunst der Massen gerichtet ist und was beiden Leuten als besonders populär gilt und wonach die meisten Gottvergessenen verlangen, aufgrund einer tiefen, entscheidenden Wahrheit verabscheut. Zwanzig Jahre meines früheren Lebens haben die Gunst der Massen und der Applaus des Volkes unerfüllt gelassen, weshalb ich sie für mich als schädlich ansehe. Doch nehme ich dies als ein Zeichen dafür, daß die Risale-i Nur bei ihnen gut angekommen ist und will sie deshalb nicht vor den Kopf stoßen.

Nun also ihr Weltleute! Niemals habe ich mich in eure weltlichen Angelegenheiten eingemischt und niemals in irgendeiner Weise gegen eure Grundsätze verstoßen. Neun Jahre Leben in der Gefangenschaft sind Zeugnis dafür, daß ich gar nicht die Absicht und auch nicht den Wunsch danach habe. Als sei ich ein ehemaliger Diktator, der ständig auf eine Gelegenheit wartet und nur mit dem Gedanken an Unterdrückung und Diktatur umgeht, spioniert ihr ständig hinter mir her und schikaniert mich; doch nach welchem Gesetz? Und in welcher Angelegenheit? Kein Staat der Welt dürfte sich eine solche über jedes Maß und Gesetz hinausgehende Handlungsweise erlauben, wie sie ganz offensichtlich auch nicht ein einziger billigen würde. In einer derart üblen Weise gegen mich vorzugehen, bedeutet nicht nur für mich eine Kränkung, nein, die ganze Menschheit würde euch grollen, wüßte sie davon, ja vielleicht grollt euch die ganze Schöpfung deshalb!

Dritter Hinweis: Eine spitzfindige Wahnsinnsfrage. Ein Teil der Regierungsmitglieder sagt: Da du nun einmal hier in diesem Lande lebst, mußt du dich aach an die staatlichen Gesetze der Regierung dieses Landes halten. Warum versteckst du dich hinter deinem Einsiedlerleben und versuchst so, dich vor unseren Gesetzen zu drücken?

Kurzum: Hinsichtlich unserer heutigen Staatsgesetze verstößt es gegen die Grundlagen unserer Republik, die auf dem Prinzip der Gleichheit basieren, wenn du, den wir doch gar nicht beauftragt haben, dir eine Vorrangstellung anmaßt und den Überlegenen spielst, indem du deinen Einfluß auf einen Teil des Volkes ausübst und es unterdrückst. Warum läßt du dir die Hand küssen, obwohl du doch gar kein entsprechendes Amt inne hast? “Auf mich sollen die Leute hören!”sagst du und maßt dir in deiner Selbstgefälligkeit ein Amt an?

Antwort: Wer ein Gesetz anwenden will, sollte es zuerst bei sich selbst anwenden, danach mag er es bei den anderen anwenden. Ihr wendet einen Grundsatz, den ihr bei euch selbst nicht anwendet, bei anderen an und hebt so diesen Grundsatz vor allen anderen zuerst bei euch selbst auf, brecht euer Gesetz, verstoßt gegen es. Denn auf mich wollt ihr ja dieses Gesetz von der absoluten Gleichheit anwenden. Doch ich sage euch: Würde ein einfacher Soldat in der Gesellschaft den gleichen Rang einnehmen wie ein Marschall und würde ihn das Volk mit der gleichen Hochachtung aufnehmen, die es einem Marschall erweist und er das gleiche Entgegenkommen und die gleiche Hochachtung genießen wie jener, oder würde jener Marschall, als begäbe er sich auf die Stufe eines einfachen Soldaten hinab, in seiner äußerlichen Erscheinung das Aussehen dieses einfachen Soldaten annehmen und würde jener Marschall über seine eigentliche Aufgabe hinaus keine persönliche Bedeutung mehr zukommen, ja würde man selbst einen Chef des Stabes, welcher als der Klügste von allen eine Armee zum Sieg geführt hatte, im allgemeinen Interesse, in der Hochachtung, die man ihm entgegenbringt und in der Verehrung, die er genießt einem einfältigen ,Soldaten gleich behandeln, dann könntet ihr auch zu mir-eurem Gleichheitsgesetz entsprechend - sagen: “Nenne dich nicht einen Hodscha! Billige es nicht, daß man dir Ehre erweist! Stelle deinen eigenen Wert in Abrede! Mache aus dir einen Bediensteten deines Dieners! Werde Kollege unter den Bettlern!”

Wollt ihr also zu mir sagen: Diese Ehre, dieser Rang, dieses Ansehen ist auf die Arbeitszeit beschränkt und gebührt nur unseren Funktionären. Du bist ein Mann ohne Funktion. Du darfst nicht unseren Funktionären gleich es billigen, daß das Volk dir Ehre erweist!?

Antwort: Bestünde ein Mensch nur aus seinem Körper... und bliebe der Mensch für immer als ein Unsterblicher in dieser Welt... und schlössen sich des Grabes Pforten... und tötete man den Tod... und bliebe dann der Dienst nur auf die militärische und auf die zivile Beamtenschaft beschränkt... Dann enthielten eure Worte noch einen Sinn. Da aber ein Mensch nun einmal nicht nur aus seinem Körper besteht, trennt man nicht, um den Körper zu ernähren, Herz (= Gemüt), Zunge (=Sprache), Verstand und Gehirn (= Bewußtsein) von ihm ab und gibt es ihm zu essen. Man zerstört diese Organe nicht. Sie sind im leib-seelischen Stoffwechsel mit inbegriffen. Da sich aber nun einmal die Pforten des Grabes nicht schließen werden und da nun einmal die Sorge um die Zukunft auf der anderen Seite des Grabes die wichtigste Frage jedes Einzelnen ist, sind die Aufgaben, die es mit sich bringen, daß das Volk Gehorsam leistet und Ehrerbietung erweist, sicherlich nicht auf den sozialen, politischen und militärischen Aufgabenbereich, also nur das rein irdische Leben des Volkes, beschränkt. Wie es also in der Tat eine Aufgabe ist, den Reisenden auf ihremWeg einen Paß mitzugeben, so ist es auch eine Aufgabe., den Reisenden in die Ewigkeit sowohl einen Paß als auch ein Licht auf den dunklen Weg mitzugeben, eine Aufgabe, wie es keine wichtigere Aufgabe gibt, als diese. Diese Aufgabe zu verkennen, hieße den Tod leugnen und das Zeugnis der dreißigtausend Zeugen, die täglich mit dem Siegel ihres Leichnams die Verkündigung

“ Tod ist Wahrheit”

unterzeichnen, zu verleugnen und zu verkennen. Es gibt also einen inneren Aufgabenbereich zur Erfüllung innerer Grundbedürfnisse. In diesen Aufgabenbereich hinein gehört als wichtigstes der Glaube, der Unterricht im Glauben und die Stärkung im Glauben als ein Paß für die Reiseroute in die Ewigkeit, als die Taschenlampe des Herzens im Dunkeln der Zwischenwelt und Schlüssel der Ewigen Glückseligkeit. Bestimmt werden Wissende in der Wahrnehmung dieser Aufgabe in gar keinem Fall undankbar gegeni.tber den ihnen verliehenen Gnadengaben - Gottes Geschenke und den Wert des Glaubens für nichts erachten und auf die Stufe des Lasters und der Sünde hinunterfallen. Sie werden sich nicht mit sittenwidrigen Neuerungen und Lastern von Menschen niedriger Gesinnung besudeln!... Deswegen also dieses Einsiedlerleben, das euch nicht gefällt und das ihr für eine Ungleichheit haltet!

Deshalb und aufgrund dieser Wahrheit rede ich nicht mit Hochmütigen wie ihr, die mich gleich euch mit Schikanen einschüchtern wollen und deren Ichsucht mit dem Bruch des Gleichheitsgesetzes ein geradezu pharaonisches Ausmaß angenommen hat. Denn Hochmütigen gegenüber darf man nicht bescheiden auftreten, weil solcher Art Bescheidenheit als Würdelosigkeit ausgelegt würde. Vielmehr sage ich den gemäßigten, bescheidenen und gerechten unter ihnen: “Gott sei Dank kenne ich meine eigenen Fehler und Schwächen.” Ich bin nicht so stolz, eine Ehrenstellung unter den Moslimen zu verlangen, sondern sehe alle Zeit meine grenzenlosen Fehler und meine Nichtigkeit, finde Trost, wenn ich um Vergebung bete und erwarte von den Leuten nicht Verehrung sondern ihr Gebet. Im übrigen glaube ich, daß alle meine Kollegen den Weg, den ich eingeschlagen habe, bereits kennen. Es ist dabei jedoch folgendes zu beachten: Wenn ich der tiefen Wahrheit des Weisen Quran diene und während ich die Glaubenswahrheiten unterrichte, nehme ich um der Wahrheit und der Ehre des Quran willen vorübergehend jenes ehrwürdige Verhalten an, wie es während der Unterrichtsstunden notwendig ist, um den Ernst und die Würde der Wissenschaft zu bewahren, meinen Nacken nicht zu beugen vor denen, die in die Irre gehen. Ich meine, daß es den Weltleuten nicht zusteht, Gesetze zu erlassen, die in diesem Punkt das Gegenteil bewirken sollen!

Eine staunenerregende Handlungsweise: Es ist bekannt, daß überall auf der Erde der Wissenschaftler sein Urteil vom Standpunkt der Erkenntnis und der Wissenschaft aus abgibt. Wo und bei wem auch immer er Erkenntnis und Wissenschaft bemerkt, nährt er ihm gegenüber aufgrund der gemeinsamen Berufung ein Gefühl der Freundschaft und kommt ihm mit Ehrerbietung entgegen. Ja selbst dann, wenn sich zwei Staaten im Spannungkriegszustand miteinander befinden, wird ein Professor des einen Landes bei einem Besuch in dem anderen Lande von den dortigen Wissenschaftlern um des Ansehens der Wissenschaft und der Erkenntnis willen mit allen Ehren willknmmen geheißen werden. Dennoch war es gerade ein Teil der Angehörigen des Erziehungsministeriums und auch ein kleiner Teil der offiziellen Hodschas, der einen Wissenschaftler schikaniert, Feindseligkeiten gegen ihn genährt und ihn geradezu gekränkt hat; einen Angehörigen des selben Vaterlandes und des gleichen Glaubens, sowohl Freund als auch Bruder; einen Wissenschaftler, der, als England durch sein oberstes Konsistorium der Wissenschaften an das Amt des Scheichu-l'Islam sechs Fragen richtete, auf die es vom Scheichu-I'Islam eine Antwort in sechshundert Worten erwartete, in sechs Worten eine Antwort verfaßte, die ihre volle Anerkennung fand, obwohl das Erziehungsministerium ihm diese Anerkennung schuldig blieb; einem Wissenschaftler, der den wichtigsten und grundlegendsten Prinzipien der fremden Philosophen wahre Wissenschaft und Erkenntnis entgegenzusetzen und sie dadurch zu überwinden vermochte; einem Wissenschaftler, der, gestützt auf die Kraft der Erkenntnis und der Wissenschaft, die er aus dem Quran empfangen hatte*

* Anmerkung: Der Neue Said sagt: Ich stehe nicht hinter den Worten, die der Alte Said von seinem damaligen Standpunkt aus so stolz geäußert hat. Da ich ihm aber nun in dieser Abhandlung einmal das Wort er teilt habe, möchte ich es ihm hier nicht wieder entziehen. Also schweige ich, um diesen Leuten in ihrer Selbstgefälligkeit ein klein wenig seine eigene Selbstgefälligkeit zu zeigen,

die Philosophen Europas herauszufordern vermochte; einen Wissenschaftler, der sechs Monate vor der Zeit der Konstitutionellen Morcarchie (1908-18) in Istanbul sowohl die Gelehrten als auch die Studenten zu einem Disput eingeladen und dabei alle Fragen fehlerfrei richtig beantwortet hatte, ohne selbst eine Frage zu stellen; einem Wissenschaftler, der sein ganzes Leben dem Glück des Volkes gewidmet hatte; einem Wissenschaftler, der in Hunderten von Abhandlungen, die er in türkischer Sprache, der Sprache des Volkes, veröffentlicht hatte, das Volk unterrichtet und ihm Klarheit geschenkt hatte. Was soll man nun in Anbetracht eines solchen Zustandes noch dazu sagen! Soll man so etwas “Zivilisation” nennen? Ist das Begeisterung für die Wissenschaft? Ist das Begeisterung für das Vaterland? Ist das Begeisterung für das Volk? Ist das Begeisterung für die Republik? Nein, keineswegs! Ganz und gar nicht! Das ist überhaupt nichts. Vielmehr ist es göttliche Fügung. Die göttliche Fügung hat sich diesem Wissenschaftler gegenüber feindselig gezeigt, wo er auf Freundschaft gehofft hatte, damit sich sein Wissen nicht angesichts der Verehrung in Heuchelei verkehre und damit er die Wahrhaftigkeit erlange...

 

Nachwort

Eine Kritik, die nach meiner Meinung sowohl erstaunlich als auch eine Quelle der

Dankbarkeit ist:

Die außergewöhnliche Selbstgefälligkeit der Weltleutebewirkt, daß diese, sobald es um Selbstgefälligkeit geht, eine derartige Empfindsamkeit entwickeln, daß man ihrden Grad eines Wunders beimessen müßte, wenn sie ihnen bewußt wäre, oder aber, man müßte dieser Verhaltensweise den Grad der Genialität verleihen. Es handelt sich bei dieser Verhaltensweise um folgendes:

Sie empfinden jede, ein bißchen scheinheilige Selbstgefälligkeit in meiner Haltung, auch wenn meine Seele und mein Verstand sie nicht wahrnehmen, mit der Empfindlichkeit der Waage ihrer eigenen Selbstgefälligkeit und widersetzen sich dieser meiner, von mir selbst nicht empfundenen Selbstgefälligkeit auf das heftigste. In acht, neun Jahren habe ich acht, neun Mal die Erfahrung gemacht, daß ich über die Vorausschau Gottes nachgedacht habe, wenn wieder einmal eine Schikane gegen mich vorgekommen, sie sich mir gegenüber ungerecht verhalten hatten und ich mich fragte: “Warum hat mich diese Heimsuchung Gottes in der Gestalt dieser Menschen betroffen?” So begann ich wieder die Listen und Ränke meiner Seele zu untersuchen. Da verstand ich, daß entweder meine Seele sich ihrem Wesen entsprechend mir selbst unbewußt der Selbstgefälligkeit zugeneigt, oder aber mich bewußt in die Irre geführt hatte. So sagte ich mir, daß die Vorausschau Gottes bei aller Ungerechtigkeit der Rechtlosen mir gegenüber gerecht gehandelt hatte. Zum Beispiel: In diesem Sommer hatten mich meine Freunde auf ein schönes Pferd gesetzt. Ich habe einen Spazierritt unternommen. Ohne mir dessen bewußt zu werden erwachte in meiner Seele ein so stolzes Wohlgefühl, daß die Weltleute dermaßenheftig auf meine Laune reagierten, daß sie mir nicht nur meinen heimlichen Wunsch verleideten, sondern auch auf viele andere Dinge den Appetit verdarben. Es gibt sogar noch ein Beispiel: Es war diesmal nach dem Monat Ramadan, daß meine Seele - ohne daß ich es bemerkte nachdem ein Imam, der zu seiner Zeit ein sehr großer und heiliger Mann gewesen war, weil er die Gabe der Vorausschau besaß, uns seine Aufmerksamkeit zugewandt hatte, meine Brüder rechtschaffen und aufrichtig waren, meine Gäste eine hohe Meinung von mir hatten und mir ihre Ehrerbietung bezeigten, heuchlerisch so tat, als ob sie dankbar sein wolle und so gerne eine Haltung der Selbstgefälligkeit angenommen hätte. Da spürten diese Weltleute plötzlich in ihrer grenzenlosen Empfindlichkeit selbst noch das letzte Stäubchen meiner Heuchelei auf und fingen plötzlich an, mich zu belästigen. Ich sage Golt dem Gerechten Dank dafür, daß ihre Ungerechtigkeit mir zu einem Fahrzeug zur Wahrhaftigkeit geworden ist.

“ OhHerr! ich nehme meine Zuflucht zu Dir vor den Nachstellungen und Bosheiten der Teufel. ,Ja zu Dir, oh mein Herr nehme ich meine Zuflucht, wenn sie sich mir nahen. Oh Allah! Oh Du mein Beschützer, bester unter allen, die mich behüten! Behüte mich und bewahre die Herausgeber dieser Abhandlungen und ihre Gefährtinnen vor der Bosheit der Dschinnen und Menschen und vor der Bosheit der Leute des Irrweges, der Vertreter sittenloser Neuerungen, der Leute, die sich auflehnen (gegen Deine Weisungen)! Lob und Preis sei Dir! Nichts wissen wir, außer dem, was Du uns gelehrt hast. Denn wahrlich, Du bist der Allwissende und Allweise."