Kurze Worte

«Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen»

«und mit Seiner Hilfe»

«Lob, Preis und Dank sei Allah, dem Herrn (Rab) der Welten, und Segen und Frieden über unseren Herrn (seyyidina) Muhammed und über seiner Familie und über allen seinen Gefährten»

Oh Bruder! Du möchtest von mir einige Ratschläge. Weil du aber ein Soldat bist, so höre denn acht kleine Geschichten aus dem militärischen Bereich, die ich meiner Seele (nefs) erzählen werde und entnimm ihnen einige Wahrheiten! Denn meine Seele ist es, die dieser guten Ratschläge vor allen anderen bedarf. Ich hatte schon einmal aus acht Ayat (Verse des Quran) meinen Nutzen gezogen und auch etwas längere Worte zugesprochen. Nun möchte ich sie noch einmal in kurzen, allgemeinverständlichen Worten wiederholen. Wer es wünscht, möge mir dabei zuhören.

Erstes Wort

«Im Namen Allahs (Bismillah), des Erbarmers, des Barmherzigen»

«Bismillah», das ist der Anbeginn alles Guten. Im Anbeginn steht auch für uns dieses Wort und so beginnen wir mit ihm. Wisse, oh du meine Seele! So wie dieses gesegnete Wort ein Zeichen des Islam ist, so ist es unausgesprochen auch ein immerwährendes Gebet der gesamten Schöpfung.

«Bismillah!» Willst du verstehen, was für eine unerschöpfliche Kraft und welch ein nicht enden wollender Segen in diesem Wort enthalten ist, so komm und höre dieses Gleichnis. Es ist dies das folgende:

Wenn ein Beduine eine Reise durch die Sahara unternehmen will, so tut er gut daran, sich unter den Schutz eines Stammesfürsten zu begeben, und die Fahrt in dessen Namen zu beginnen, damit er vor den Nachstellungen der Räuber bewahrt seine Angelegenheiten regeln kann. Unternimmt er die Reise dagegen auf eigene Faust, so werden all seine Angelegenheiten angesichts unzähliger Feinde völlig durcheinander geraten.

Nun zogen einmal zwei Männer zu einer Reise in die Sahara hinaus. Der eine von ihnen war ein bescheidener Mann, der andere aber stolz... Der bescheidene erbat den Schutz eines Fürsten und reiste unter dessen Namen, der stolze aber nicht... Der erste bewegte sich überall in Sicherheit (selamet). Begegnete ihm ein Wegelagerer, so sagte er nur: «Ich reise unter dem Namen des Fürsten von So-und·So.» So läßt ihn der Räuber weiterziehen und geht. Tratt er in ein Zelt ein, ward er unter diesem Namen in Ehren aufgenommen. Der andere aber in seinem Stolz geriet auf der ganzen Reise in solche Schwierigkeiten, wie man sie kaum beschreiben kann. Er lebte in beständiger Angst und Not und mußte um alles und jedes betteln. Dazu erfuhr er noch eine schlechte, ja unwürdige Behandlung.

Wohlan denn, du meine hochmütige Seele! Dieser Reisende bist du. Was aber diese Welt betrifft, so gleicht sie einer Wüste. Deine Schwäche und Armseligkeit ist grenzenlos. Deine Feinde sind zahllos und deine Bedürfnisse unendlich. Weil aber das so ist, unterstelle dich dem Namen dieses Königs von Ewigkeit zu Ewigkeit, welcher Besitzer und Herrscher dieser Wüste ist... damit du davor bewahrt bleibst, in aller Welt betteln zu müssen und vorjedem Ereignis zu zittern...

In der Tat ist dieses Wort «Bismillah» ein so gesegneter Schatz, daß es für dich in deine grenzenlose Schwäche und Armseligkeit am Hofe des Allmächtigen (Kadir) und Allbarmherzigen zu einem hochachtbaren Fürsprecher wird und so für dich eine Beziehung zur Macht (kudret) und Barmherzigkeit herstellt. Wer nach diesem Wort handelt, gleicht einem Mann, der sich als Soldat anmustern läßt. Er handelt im Namen des Staates. Er braucht niemanden zu fürchten. «Im Namen des Gesetzes, im Namen der Regierung», spricht er. Er erledigt jede Arbeit und überwindet jede Schwierigkeit.

Wir haben am Anfang gesagt: Die ganze Schöpfung spricht ohne Worte ein «Bismillah». Wie geschieht das?

Stellen wir uns also einmal vor: Da kommt ein Mann ganz allein daher. Er führt die ganze Bevölkerung einer Stadt gewaltsam an einen Ort, wo er sie zur Arbeit zwingt. Da weißt du mit Sicherheit: dieser Mann handelt nicht in eigenem Namen und nicht aufgrund seiner eigenen Macht. Er ist vielmehr ein Soldat. Er handelt im Namen der Regierung. Er stützt sich auf die Macht und das Ansehen eines Königs. Genauso handeln alle Dinge im Namen Gottes des Gerechten, wie z.B. die Samenkerne und Körner, winzig klein wie Staubkörner, riesige Bäume auf ihren Schultern tragen, Lasten gleich Berge emporheben. Das heißt also: Jeder Baum spricht «Bismillah». Er füllt seine Hände aus der Schatzkammer des Allbarmherzigen mit Früchten, streckt sie uns entgegen, bietet sie uns an. Jeder Garten spricht «Bismillah». Er wird wie zu einem Kessel in der Küche der Macht, worin die verschiedensten Arten köstlicher Speisen gleichzeitig zubereitet werden. Alle die Tiere (die Gott zum Segen der Menschheit geschaffen hat) wie Kuh und Kamel, Ziege und Schaf, sprechen «Bismillah». Aus der Fülle des Erbarmens entsteht ein Brunnen von Milch. Er bietet uns im Namen des Versorgers (Rezzak) das feinste und reinste Wasser des Lebens zur Nahrung an. Alle die Pflanzen, Bäume wie Kräuter sprechen mit ihren seidenweichen Wurzeln und Adern «Bismillah». Sie durchdringen harte Steine und feste Erde. Sie sprechen «Im Namen Allahs, im Namen des Barmherzigen» und es unterwerfen sich ihnen alle Dinge.

ln der Tat breiten sich ihre Aste yn der Luft aus und tragen Früchte und ihre Wurzeln breiten sich mit der gleichen Leichtigkeit in der Erde aus, durchdringen den harten Stein und bringen unter der Erde ihren Ertrag hervor. Zudem bleiben ihre empfindlichen grünen Blätter auch noch in sengender Hitze monatelang frisch. Das alles ist den Materialisten wie ein Schlag ins Gesicht und bringt sie zum Verstummen, steckt ihnen den Finger zu Strafe auf ihre verblendeten Augen und spricht zu ihnen: Auch die Härte und die Hitze, der du eine so große Macht zuschreibst, handeln unter (göttlichem) Auftrag, so daß diese seidenweichen Adern gleich dem Stab Mosis dem Befehl:

« Und wir haben gesagt: Schlage den Felsen mit deinem Stab!» (2, 60).

gehorchen und den Felsen spalten. Und diese zarten

Blätter, dünn wie Zigarettenpapier gleichen jedes den Gliedern Abrahams, mit dem der Friede sei, als der Befehl Gottes gegen die glühende, sengende Hitze erging:

« Oh Feuer, sei kühl und friedlich!» (21,69)

Da nun einmal jedes Ding dem Sinne nach «Bismillah» sagt und uns in Allahs Namen die Gnadengaben Gottes entgegenbringt und anbietet, müssen auch wir «Bismillah» sagen. In Allahs Namen müssen wir geben. In Allahs Namen müssen wir entgegennehmen. Wenn dies aber so ist, dürfen wir von gottvergessenen (ghafil Menschen, die nicht in Allahs Namen geben, auch nichts annehmen.

Frage: Wir bezahlen den Menschen, die uns ihre Waren anbieten einen Preis. Doch welchen Preis verlangt Allah von uns, der doch der wahre Eigentümer (sahib) der Ware ist?

Antwort: Es sind dies in der Tat drei Dinge, die der wahre Geber aller guten Gaben im Austausch für alle die kostbaren Gnadengaben und Güter als Preis von uns gefordert hat. Erstens: Zikir (Gottesgedenken), zweitens: Schükür (Danksagung), drittens: Fikir (Nachsinnen).

Im Anfang steht das Gottesgedenken (zikir) im «Bismillah». Am Ende steht die Danksagung (schükür) im «El-hamdu-li'llah» Zwischen den beiden stehen Nachdenken und Begreifen, daß diese kostbaren Gnadengaben, die wunderbare Kunstwerke sind, Geschenke des Erbarmens, und Wunderwerke der Macht des Einen (Ahad) und Einzigartigen (Samad= Er, der nichts und niemanden braucht und dessen alle und jedes bedarf) sind, bedeutet Nachsinnen (fikir). Jedoch einem Habenichts die Füße zu küssen, wenn er dir ein kostbares Geschenk eines Königs überbringt und dabei den Eigentümer (sahib) des Geschenkes nicht zur Kenntnis zu nehmen; was für eine Dummheit wäre das! Genauso wäre es, die äußerlich sichtbaren Spender zu loben and zu lieben, den wahren Geber aber zu vergessen, noch tausendmal törichter als dies.

Oh du meine Seele! Wenn du nicht so töricht sein willst, dann gib im Namen Allahs, nimm im Namen A1lahs. Im Namen Allahs fange an. Im Namen Allahs führe zu Ende. Und somit ist Frieden

(selam= Gruß und Wunsch beim Abschied).

Zweites Wort

«Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Die da glauben an das Verborgene.» (2,3)

Möchtest du verstehen, welch große Glückseligkeit, welch eine Gnadengabe, was für ein Wohlgeschmack und was für eine Beruhigung im Glauben liegt, dann schaue und höre das folgende Gleichnis:

Es begaben sich einmal zwei Männer auf eine Urlaubsreise, auf der sie auch ihre Geschäfte machen wollten. Der eine lebt glücklos und ichbezogen und schlägt seinen Weg in der einen, der andere lebt glücklich und gottbezogen und schlägt seinen Weg in der anderen Richtung ein. Der Ichbezogene, weil er nur an sich selbst denkt und nur um sich selbst besorgt ist, findet als Strafe dafür, daß er immer und überall nur schwarz sieht, ein Land vor, das in seinen Augen ganz schlecht ist. Er schaut sich um: überall schreien die schwachen und hilflosen Menschen unter den Händen der fürchterlichen Gewaltmenschen und den Zerstörungen, welche diese anrichten, Ach und Weh. Wohin er auch kommt, erlebt er diesen beklagenswerten, bedrückenden Zustand. Das ganze Land hat die Gestalt eines öffentlichen Trauerhauses angenommen. Um selbst nicht diesen quälenden und finsteren Zustand wahrnehmen zu müssen, flüchtet er in die Trunkenheit als einzigen Ausweg. Denn für ihn sieht alles fremdartig aus und jeder erscheint ihm feindselig. In aller Öffentlichkeit erblickt er entsetzliche Leichen und verzweifelt weinende Waisen. Das Leid ist ihm eine unerträgliche Last.

Der zweite Reisende, der mit Gott verbunden lebt, sich an Ihn hält, Ihn anbetet und über die Wahrheit nachsinnt,ist ein hochanständiger Mensch; und er findet ein Land vor, daß nach seiner Sicht sehr schön ist. So gerät denn dieser Mann in dem Lande, das er betritt, in ein großes, allgemeines Volksfest. Freude herrscht überall im Lande. Es werden Feste und Feiern veranstaltet. In den Häusern, in denen man Gottes gedenkt, (zikirhane) leuchtet ekstatische Glückseligkeit...Ein jeder begegnet ihm als Freund und Verwandter. Überall im Lande erlebt er Volksfeste und Entlassungsfeiern, erfüllt von Dankbarkeit. Hochrufe werden laut. Und es gibt auch fröhliche Rekrutierungsfeiern mit dem Ruf: «Allahu ekber»(Gott ist am größten)und «La ilahe illa'llah» (Es gibt keinen Gott außer Allah), begleitet von Trommelwirbeln und Fanfarenklang.

Während der erste Reisende sowohl unter dem eigenen Kummer als auch unter dem Schmerz des Volkes leidet, erfreut sich jener Glückliche sowohl des eigenen Frohsinns als auch der allgemeinen Fröhlichkeit des Volkes. Zudem gelingt es ihm auch noch, ein gutes Geschäft abzuschließen. So dankt er Allah.

Danach kehrt er zurück und begegnet dem anderen Reisenden und begreift sofort dessen Zustand. Er sagt zu ihm: «Bei Gott (Yahu)! Du bistja wahnsinnig geworden.Alle Häßlichkeiten deines Inneren haben sich nach außen gespiegelt, so daß du in der Vorstellung lebst, daß da weinen, die da lachen und daß da beraubt und geplündert werden, die man ausrüstet. Komm zur Besinnung! Reinige dein Herz, damit dieser unglückselige Schleier von deinem Blickfeld beseitigt werde! Dann wirst du die Wirklichkeit erkennen. Denn dieses Land, eines Königs, der in so hohem Grade gerecht und barmherzig ist, der seine Untertanen so sehr liebt, der so mächtig und zugleich auch so voll Güte ist, der sein Land mit so überragenden Fähigkeiten regiert und in Ordnung hält,ein Land,das derart offenkundige Merkmale des Aufstiegs und der Vervollkommnung aufweist, kann gar nicht so sein, wie es dir in deiner Einbildung vorschwebt.« Da kommt dieser Unglückselige nun zur Besinnung. Er bereut und sagt:»Ja, Trunkenheit und Rausch hatten mich tatsächlich schon bis zum Delirium getrieben. Möge Allah dir vergelten, daß du mich aus der Hölle meines Deliriums errettet hast.»

Oh du meine Seele! Wisse: Der erste Mann ist ein Ungläubiger (kafir), ein sündiger (fasyk), gottvergessener (ghafil) Mensch. In seinen Augen gleicht diese Welt einem öffentlichen Trauerhaus. Für ihn sind alle Lebewesen Waisenkinder, die unter den Schlägen der Trennung und des Verfalls weinen. Mensch und Tier aber sind unversorgt und sich selbst überlassen und werden von der Todespranke in Stücke gerissen. Die Berge und die Meere und alle die anderen großen Erd- und Himmelskörper gleichen abscheulichen, seelenlosen Leichen. Und noch viele andere schmerzliche, bedrückende, furchterregende Wahnvorstellungen, die aus seinem Un- und Irrglauben entstanden sind, quälen ihn seelisch.

Der zweite Mann aber ist ein gläubiger Mensch (mu'min). Er weiß, bekennt und bezeugt, daß Allah sein Herr und sein Schöpfer ist. In seinen Augen ist diese Welt eine Stätte der Besinnung (zikirhane) auf den Allerbarmer, ein Übungsgelände für Mensch und Tier und ein Ort der Prüfung für Menschen und Dschinnen. Was aber den Tod aller Menschen und Tiere betrifft, so ist er eine Entlassung. Haben sie die Aufgabe ihres Lebens beendet, ziehen sie aus diesem vergänglichen Haus voll innerer Freude ohne allzuviel Aufhebens in eine andere Welt hinüber. Dadurch sollen sie nur für die Neuankömmlinge Platz machen, die kommen, um ihre Aufgabe zu übernehmen und zu erfüllen. Was aber die Geburt der Tiere und Menschen betrifft, so gleicht sie der Rekrutierung von Soldaten, welche unter die Waffen treten und ihre Pflicht auf sich nehmen. Jedes einzelne Lebewesen ist beauftragt wie ein munterer Soldat oder ein rechtschaffener, zufriedener Beamter. Was aber all dieseStimmen betrifft, so rühren sie teils aus dem Gedenken und Lobpreis Gottes zu Beginn der Arbeit, teils aus der Danksagung und der frohen Stimmung nach ihrer Beendigung, teils sind es Melodien, die aus der Freude über die Arbeit entstehen In den Augen jedes Gläubigen ist jedes einzelne Geschöpf ein vertrauter Diener seines freigebigen Herrn und Barmherzigen Königs, Sein befreundeter Diener, Sein kostbares Buch. Und dergleichen noch sehr viel mehr feinsinnige, erhabene, geschmackvolle und köstliche Wahrheiten erwachsen ihm aus seinem Glauben, offenbaren sich ihm.

Das heißt, daß der Glaube unsichtbar den Samen des paradiesischen Tubabaumes in sich trägt. Was aber den Unglauben betrifft, so birgt er unsichtbar ein Korn des höllischen Zakkumbaumes in sich.

Das heißt also, daß es Frieden und Sicherheit nur im Islam und im Glauben gibt. Weil dies aber so ist, müssen wir immer sagen:

«Dank sei Gott,fürdie Religion des Islam und die Vollkommenheit des Glaubens»

Drittes Wort

«Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Oh Ihr Menschen, betet (Gott) an und dienet (Ihm)!» (2,19)

Möchtest du verstehen, was Anbetung und Gottesdienst bedeutet, welche Glückseligkeit in ihm liegt und welch großartiger Handel mit ihm verbunden ist, was für ein großer Verlust und welch ein Unglück dagegen Sünde und Ausschweifung nach sich ziehen, dann betrachte und höre das folgende Gleichnis!...

Eines Tages erhielten zwei Soldaten den Befehl, eine weit entfernte Stadt aufzusuchen. Sie machten sich miteinander auf den Weg, bis sie an eine Gabelung kamen. Dort weilte ein Mann, der zu ihnen sprach: «Wer den rechten Weg einschlägt, wird keinen Schaden erleiden. Neun von zehn Reisenden erlangen auf diesem Weg Nutzen und Bequemlichkeit. Was aber den linken Weg betrifft, so führt er zu keinem Nutzen und neun von zehn, die auf ihm reisen, nehmen dabei Schaden. Doch ist keiner von beiden länger oder kürzer. Es gibt zwischen ihnen nur den einen Unterschied: der linke Weg wird nicht bewacht und nicht instand gehalten. Wer diesen Weg wählt, reist ohne Gepäck und Waffen. Darin liegt eine Erleichterung und trügerische Bequemlichkeit. Was aber den Reisenden betrifft, der unter militärischem Schutz auf rechtem Wege reist, so muß er vier Okka (etwa 5 kg) Gepäck, bestehend aus seiner eisernen Ration und eine zwei Okka schwere Wunderwaffe aus dem Zeughaus mit sich tragen, die jeden Feind zu besiegen und zu überwinden vermag.»

Nachdem die beiden Soldaten des Mannes Weisung vernommen hatten, entschied sich der eine von den beiden zu seinem Glück für den rechten Weg. Er verteilte seine sechs Okka (=1 Batman) Gepäck auf Rücken und Schultern. Aber Geist und Seele blieben ihm vor tausenden Batman (für Dienstleistungen) geschuldetem Dank, und vor ebenso vielen Ängsten bewahrt. Der andere aber unterließ es zu seinem Unglück, in den Dienst zu treten. Er wollte sich nicht an die Vorschriften halten. Er schlug den linken Weg ein. So verschonte er zwar seinen Körper vor einem Batman Gepäck, doch sein Herz wurde mit tausenden Batman Dankesverpflichtungen belastet und seine Seele (ruh) von ungezählten Ängten bedrückt. Er mußte bei jedermann betteln gehen; jedes Ding versetzte ihn in Angst und jedes Ereignis ließ ihn erzittern. Endlich gelangte er an den Ort seiner Bestimmung. Dort bekam er seine Strafe als ein Rebell und ein Fahnenflüchtiger.

Was den Soldaten betraf, der seine Anordnungen freudig erfüllte, auf sein Gepäck und auf seine Waffe acht gab und den rechten Weg eingeschlagen hatte, so marschierte er mit ruhigem Gewissen und leichtem Sinn, ohne jemandem Dank zu schulden und ohne sich vor jemandem zu fürchten. Endlich gelangte er an den befohlenen Ort. Dort erhielt er als ein Soldat, der seinen Auftrag bestens ausgeführt hat, seinen verdienten Lohn.

Oh du selbstsüchtige Seele! Wisse: der eine der beiden Reisenden steht für die Menschen, die dem göttlichen Gesetz gehorchen, der andere aber für diejenigen, welche dagegen rebellieren und nur ihren Gelüsten folgen. Was aber den Weg betrifft, so ist er das Leben, das aus der Welt der Seelen heraus durch das Grab ins Jenseits führt. Gepäck und Waffe sind Anbetung, Gottesdienst und Rechtschaffenheit (Wachsamkeit gegenüber den Sünden). Wenn auch der Gottesdienst (die Einhaltung der fünf täglichen Gebetszeiten usw.-d.Ü.), äußerlich zunächst, tatsächlich einige Schwierigkeiten bereitet, so bringt er doch in seiner tieferen Bedeutung eine unbeschreibliche Befriedigung und Erleichterung. Darum spricht der Diener Gottes in seinem Gebet:

« Ich bezeuge, daß es keinen Gott gibt auß er Allah.»

Das heißt: «Er ist der Schöpfer und Erhalter, neben dem es keinen anderen gibt. Verlust und Gewinn, Schaden und Nutzen liegen in Seiner Hand. Außerdem ist Er der Allweise. Etwas Unsinniges tut Er nicht. Zudem ist Er der Allerbarmer. Sein sind Güte und Erbarmen in Fülle.» Wer so spricht und in dieser Weise glaubt, erkennt in einem jeden Ding das Tor zur Schatzkammer des Erbarmens. Er pocht daran mit dem Gebet. Und noch weiter sieht er alle Dinge im Dienste seines Herrn. So nimmt er Zuflucht zu seinem Herrn. Sein Vertrauen auf Gott ist ihm eine Stütze. Bei Ihm findet er gegen ein jedes Übel eine feste Burg. Sein Glaube verleiht ihm eine völlige Sicherheit.

In Wahrheit ist die Quelle jeden wirklich guten Werkes wie auch des Mutes, der Glaube und die Gottverbundenheit; wie auch aller Bosheit und jeder Feigheit Quelle die Verirrung ist!

In der Tat, es ist möglich, daß ein Diener Gottes mit erleuchtetem Herzen sich nicht fürchtet, sollte auch die Welt selbst zu einer Bombe werden, die explodiert. Ja, er wird sogar die wunderbare Macht des Einzigartigen, Unvergleichlichen mit freudigem Erstaunen bewundern. Ein berühmter Philosoph aber, ein Freidenker ohne Herz und Gemüt, den man noch dazu eine Leuchte der Vernunft nennt, beginnt schon hier auf Erden zu zittern, wenn droben am Himmel ein Komet erscheint.«Wird dieser Irrstern etwa mit unserer Erde zusammenstoßen?»so fragt er, und gerät in Panik. (So zitterte Amerika einmal vor einem Kometen. Viele verließen zur Nachtzeit ihre Häuser.)

Tatsächlich benötigt der Mensch unendlich viele verschiedene Dinge. Doch sein Vermögen gleicht einem Nichts... Zudem wird er noch von unzähligen Übeln geplagt. Doch ist auch hier sein Vermögen so gut wie gar keines... Der Rahmen seines Vermögens und das Umfeld seines Könnens reicht so weit wie sein ausgestreckter Arm. Was aber seine Hoffnungen und Sehnsüchte, Schmerzen und Leiden betrifft, so ist ihr Umfeld so weit wie das Auge reicht und wächst mit seinen Träumen noch darüber hinaus. Des Menschen Seele (ruh), die doch in einem solchen Grade schwach, armselig und hilfsbedürftig ist, bedarf der Anbetung (ibadet), des Gottvertrauens (tevekkül), der göttlichen Einheit (tevhid) und der Ergebenheit (teslim). Wer nicht gerade mit Blindheit geschlagen ist, sieht und begreift, welch gewaltiger Gewinn, welche Glückseligkeit und was für eine Gnade (nimet) darin enthalten ist. Es istja bekannt, daß ein ungefährlicher Weg einem gefährlichen Weg auch dann vorgezogen wird, wenn die Möglichkeit einer Gefährdung dabei eins zu zehn beträgt. Und dabei ist der hier zur Diskussion stehende Weg der Gottverbundenheit nicht nur ungefährlich, sondern führt auch noch in neun von zehn Fällen zur Schatzkammer der ewigen Seligkeit. Was dagegen den Weg der Mißachtung, der Auflehnung und der Ausschweifung betrifft, so ist er sogar nach dem Eingeständnis der Sünder (fasyk) ein Weg ohne Gewinn, der noch dazu in neun von zehn Fällen in das Verderben einer ewigen Qual führt. Dies steht nach allgemeiner Übereinstimmung fest, aufgrund unwiderlegbarer Beweise und der Zeugnisse der Gelehrten und Gebildeten, der Theologen und Geistlichen und all derer, die einen Sinn für die Wahrheit haben und sie zu schauen vermögen.

Kurz gesagt: Ein glückliches Leben in jener wie in dieser Welt liegt darin, Allah ein Verehrer und ein Diener zu sein und sich zum Streiter Gottes zu machen. Weil dies aber so ist, müssen wir uns immer zu Ihm bekennen

«Lobpreis und Dank sei Allah für Durchführung, Erfüllung und Erfolg,» und dafür danken, daß wir Muslime (Gläubige) sind.

Viertes Wort

«Im Namen Allahs des Erbarmers, des Barmherzigen; Das Gebet ist die (tragende) Säule des Glaubens (din).»

Möchtest du verstehen, wie wertvoll und wichtig das Gebet ist, mit welch kleiner Mühe und mit wie wenig Aufwand man es verrichten kann und mit jener absoluten Sicherheit, nach der zwei mal zwei vier ist, begreifen, wie wahnwitzig zudem ein Mensch ist, der nicht betet und welchen Schaden er davonträgt, dann komm und vernimm das folgende Gleichnis!...

Eines Tages schickte ein großer Herrscher zwei seiner Diener - einen jeden mit vierundzwanzig Goldstücken versehen - auf ein zwei Monate weit entferntes und sehr schön gelegenes prächtiges Landgut, dort ihren Aufenthalt zu nehmen. Und er befahl ihnen: «Mit diesem Geld bestreitet die Kosten eurer Wanderschaft und bezahlt damit auch danach für eure Überfahrt. Außerdem besorgt euch noch einige Dinge, die ihr in euren dortigen Wohnungen benötigen werdet. Eine Tagesreise von hier gelangt ihr an den Ort, von wo aus man entweder ein Taxi, ein Schiff, einen Zug oder ein Flugzeug nehmen kann. Das hängt ganz von den Geldmitteln ab.»

So belehrt reisen die beiden Diener ab. Der eine von ihnen hat zu seinem Glück bis zur Überfahrt nur wenig Ausgaben. Doch mit diesen geringen Ausgaben gelingt es ihm zur Zufriedenheit seines Herrn ein so gutes Geschäft abzuschließen, daß sich sein Kapital vertausendfacht.

Der andere Diener, unglücklich und unstet, gibt bis zu seiner Überfahrt dreiundzwanzig Goldstücke aus. Er verschleudert sie im Spiel. Ein einziges Goldstück bleibt ihm übrig. Sein Weggefährte sagt zu ihm: «Bei Gott (Yahu)! Kaufe dir für dieses eine Goldstück eine Karte für die Überfahrt, damit du nicht diese weite Strecke zu Fuß zurücklegen und Hunger leiden mußt. Außerdem ist unser Herr großmütig.. Vielleicht erbarmt er sich deiner und verzeiht dir, was du falsch gemacht hast. Vielleicht darfst du sogar ein Flugzeug nehmen. So können wir noch am selben Tag unseren Bestimmungsort erreichen. Anderenfalls müßtest du zwei Monate lang hungrig und allein durch die Wüste wandern.» Sollte dieser Mensch etwa so verstockt sein und dieses eine, einzige Goldstück nicht für eine Flugkarte ausgeben, die doch für ihn der Schlüssel zu einer Schatzkammer ist. Wollte er es stattdessen etwa um eines zeitweiligen Vergnügens willen für Spiel und Tanz verschwenden, müßte dann nicht auch der vernünftigste Mensch begreifen, wie außerordentlich unvernünftig eine solche Handlungsweise wäre, welchen Schaden und welches Unglück sie nach sich ziehen würde.

Nun denn, oh du Mensch ohne Gebet (namaz)! Und du meine Seele (nefs), die du über die Verpflichtung zum Gebet (namaz) nicht besonders begeistert bist!

Dieser Herrscher (hakim) ist unser Schöpfer (Halyk) und Herr (Rab). Von den beiden reisenden Dienern ist der eine dem Glauben ergeben (mütedeyyin) und verrichtet das Gebet mit Freuden, während hingegen der andere in Gottvergessenheit dahinlebt und sich nicht um das Gebet kümmert. Die vierundzwanzig Goldstücke sind die vierundzwanzig Stunden des Tages. Das prächtige Landgut ist das Paradies. Die Überfahrt dorthin beginnt am Grab. Sie ist des Menschen Reise vom Grabe zur Auferstehung und darüber hinaus ins ewige Leben. Je nach seiner Handlungsweise (amel) und entsprechend seiner Rechtschaffenheit (takva) verläuft diese Reise auf verschiedene Arten. Ein Teil der rechtschaffenen Leute legt eine Reisestrecke von tausend Jahren blitzschnell an einem einzigen Tag zurück. Ein anderer Teil von ihnen bewältigt eine Entfernung von fünfzigtausend Jahren gedankenschnell an einem einzigen Tag. Der ruhmreiche Quran weist auf diese Tatsache in zwei Ayat hin. Die Fahrkarte aber ist das Gebet. Dabei genügt schon eine einzige Stunde, um alle fünf Gebete zu verrichten und die dazu gehörigen Waschungen zu vollziehen.

Ja handelt denn der, welcher dreiundzwanzig Stunden für dieses kurze irdische Leben verwendet, fürjenes ganze lange Leben drüben in der Ewigkeit aber nicht eine einzige Stunde erübrigen kann, etwa nicht zum Schaden seiner selbst? Handelt er etwa nicht grausam gegenüber seiner Seele (nefs)? Handelt er etwa nicht entgegen jeder Vernunft? Denn wie kann man es als vernünftig ansehen, die Hälfte ihres Vermögens im Loteriespiel auszugeben, obwohl man weiß, daß die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen, nur eins zu tausend beträgt, und danach aber nicht einmal den vierundzwanzigsten Teil seines Vermögens für eine 99% tige Gewinnchance ausgeben - obwohl der Gewinn die Schatzkammer der Ewigkeit sind? Verstößt das nicht gegen den gesunden Menschenverstand und alle Vernunft? Kann denn ein Mensch, der sich selbst für vernünftig hält, etwa nicht begreifen, wie weit entfernt ein solches Verhalten davon ist, vernünftig zu sein?

Fürwahr verleiht das Gebet eine tiefe Ruhe für Herz, Sinn und Verstand. Es erfordert keine große körperliche Anstrengung. Zudem erlangen alle die übrigen ansonsten indifferenten weltlichen Handlungen eines betenden Menschen durch dessen gute Einstellung (niyet) die Bedeutung eines Gottesdienstes (ibadet). Der Mensch kann auf diese Weise das Kapital seines ganzen irdischen Lebens dem (Konto seines Lebens im) Jenseits gutschreiben. So verewigt er in einer Hinsicht sein vergängliches Leben.

Fünftes Wort

«Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Fürwahr, Allah ist mit denen, die rechtschaffen sind und das Gute tun» (16,128) (Diese Aya bezieht sich entsprechend einer Hadith auf solche unter den ehlut'takva, denen Allah so nahe ist, daß sie Ihn im Gebete schauen können. - d. Ü.)

Wenn du sehen möchtest, welch große und wahrhafte Menschenpflicht die Verrichtung des Gebetes und die Vermeidung der schweren Sünden ist und wie sehr beides als Ergebnis seines Menschseins und Frucht seiner Erschaffung, der menschlichen Natur entspricht, dann schaue und höre das folgende Gleichnis!...

Während einer Mobilmachung gab es einmal in einem Regiment zwei Soldaten. Der eine von ihnen war erfahren und pflichtbewußt, der andere aber noch unerfahren und nur auf sich selbst bedacht. Der pflichtbewußte Soldat nahm an den Manövern und an den Gefechten teil und dachte dabei nicht an Vorrat und Proviant. Denn er wußte sehr wohl, daß es Aufgabe des Staates war, ihn zu ernähren und auszurüsten;und bei Krankheit zu pflegen, und ja im Notfall ihn sogar künstlich am Leben zu erhalten. Als seine vornehmste Pflicht betrachtete er deshalb seinen Einsatz bei den Manövern und Gefechten. Doch verrichtete er auch manchmal seinen Dienst in Küche und Zeughaus. Er kochte das Essen in den großen Feldkesseln, teilte es aus und machte danach alles wieder sauber. Fragte man ihn aber: «Was machst du da?», dann antwortete er: «Ich erledige die unvermeidlichen Nebenaufgaben des Staates.» Er sagte nicht: «Ich arbeite für meinen Lebensunterhalt.»

Der andere Soldat aber war unerfahren und dachte immer nur an seinen Bauch. Um Manöver und Krieg kümmerte er sich nicht. «Das ist Aufgabe des Staates. Was geht’s mich an?» sagte er. Ständig war er damit beschäftigt, sich um sein leibliches Wohl zu bemühen. So verließ er sein Regiment, ging auf den Markt und trieb Handel. Eines Tages sagte sein erfahrener Kamerad zu ihm: « Bruder, deine vornehmste Pflicht heißt Manöver und Gefecht. Dazu hat man dich hierher befohlen. Vertraue auf den König. Er läßt dich nicht Hunger leiden. Es ist seine Aufgabe für dich zu sorgen. Denn du bist hilflos und arm und kannst nicht überall selbst für dich sorgen. Außerdem ist Krieg und wir haben Mobilmachung. Man wird dich noch einen Aufständischen nennen und dich bestrafen. In der Tat haben wir zwei Aufgaben zu erfüllen, die vor uns liegen.

Erstens: Die Aufgabe des Königs. Diese überträgt er manchmal auf uns. So haben wir manchmal die Pflicht für uns selbst zu sorgen.

Zweitens: Unsere eigene Aufgabe. Sie wird uns durch die Hilfe des Königs erleichtert. Das ist unsere Teilnahme an den Manövern und Gefechten.»

Wird etwa dieser pflichtvergessene Soldat diesem erfahrenen Krieger nicht sein Ohr leihen? In welche Gefahr er sich damit begeben würde, das kannst du dir vorstellen!

Wohlan denn, du meine faule Seele! Dieses Schlachtfeld, auf dem der Kampf hin und her wogt, ist dieses unser wildbewegtes irdisches Leben. Das in Regimenter eingeteilte Heer ist die Menschheit. Das Regiment in unserem Gleichnis ist die islamische Welt in unserer Zeit. Von den beiden Soldaten ist der eine derjenige, der die Gebote des Glaubens kennt und danach lebt, ein aufrechter Muslim, der gegen sich selbst (nefs) und gegen den Teufel ankämpft, um nicht in schwere Sünde zu fallen und sich von den täglichen Verfehlungen frei zu halten. Der zweite klagt Gott, seinen wahrhaftigen Versorger, an, weil er tief in seine Sorgen um den Lebensunterhalt verstrickt ist. Er hält sich nicht an die Gebote Gottes. Er fällt in alle· die Sünden, die ihm im täglichen Kampf ums Dasein begegnen und wird zu einem verlorenen Sünder. Was aber die Manöverübungen betrifft, so sind sie - und allen voran das Gebet, der Gottesdienst und all seine Regeln. Der Kampf aber richtet sich gegen Ichsucht (nefis) und Leidenschaft, der Streit geht gegen die Teufel unter Menschen und Dschinnen, um Geist und Gemüt vor Unmoral und Sünde zu bewahren und vor dem ewigen Verderben zu erretten. Von den beiden Aufgaben heißt die eine, das Leben zu schenken und es zu erhalten. Die andere Aufgabe besteht darin, den Spender und Erhalter des Lebens in demütigem Bitten und Flehen anzubeten, Ihm zu vertrauen und sich ganz auf Ihn zu verlassen.

In der Tat ist Er der Herr, der das Leben, jenes glänzendste Wunder einzigartiger göttlicher Kunstfertigkeit und wunderbarer Weisheit, erschafft und es schenkt; und Er ist es auch, der für alles sorgt, was da lebt und es mit Nahrung am Leben erhält. Es kann keinen anderen geben außer Ihm. Möchtest du einen Beweis dafür? Das schwächste, unverständigste Tier wird am besten versorgt! (z.B. Würmer und Fische) Das schwächste und empfindlichste Geschöpf lebt dank Seiner ganz vorzüglichen Versorgung. (z.B. die Kinder und die Jungtiere)

Zu begreifen, daß die von Gott erlaubte (helal) Nahrung und Versorgung nicht aus dem Wollen und Vermögen kommt, vielmehr aus der Schwäche und Bedürftigkeit, genügt es in der Tat, Fische und Füchse, Jungtiere und Raubtiere, ja Bäume und Tiere miteinander zu vergleichen. Das heißt also, daß der, welcher es aus Sorge um seinen Lebensunterhalt unterläßt, zu beten, jenem Soldaten gleicht, der nicht an Manövern teilnimmt, oder aber, der seinen Unterstand verläßt, um auf dem Marktplatz betteln zu gehen. Doch nachdem er das Gebet verrichtet hat, in der Küche Gottes, des Versorgers, des Freigebigen, von Gottes Barmherzigkeit einen Anteil zu seiner Versorgung zu suchen, um anderen Menschen nicht zur Last zu fallen, darum sich selbst zu bemühen, ist schön und mannhaft und auch eine Art Gottesdienst.

Überdies ist der Mensch zu Anbetung und Gottesdienst erschaffen. Dies zeigt seine Natur (fytrat) und seine geistige Anlage. Denn in Anbetracht dessen, was der Mensch für sein irdisches Leben bedarf, reicht seine Arbeit und sein Vermögen noch nicht einmal an die Fähigkeiten eines unscheinbaren Spatzen heran... Betrachtet man stattdessen seine Fähigkeit zu Anbetung und Gottesdienst, zu flehentlichem Gebet, in all seiner Armseligkeit und sein Wissen - über das er verfügt und das er für sein geistiges und jenseitiges Leben benötigt, so gleicht er einem König, einem Oberbefehlshaber über allen Tieren.

Das aber heißt, oh du meine Seele, stellst du dieses irdische Leben in den Mittelpunkt deines Strebens und bemühst dich fortwährend darum, gleichst du einem einzelnen unscheinbaren Spatzenvogel. Stellst du hingegen das jenseitige Leben in den Mittelpunkt deines Strebens und benutzt dieses irdische Leben wie ein Fahrzeug oder bestellst es gleich einem Acker und arbeitest in diesem Sinne, dann gleichst du einem Oberkommandanten über das Tierreich und wirst in dieser Welt ein Anbeter Gottes des Gerechten, ein Diener, den sein Herr umsorgt und in Ehren hält und ihn nicht überfährt, und ein Gast, den sein (Gast)herr voll Hochachtung mit (Gast)geschenken bei sich aufnimmt.

Dies also sind die beiden Wege, die vor dir liegen!.. Wähle nun einen nach deinem Wunsch. Erbitte aber dabei aus dem Erbarmen des Barmherzigen rechte Leitung (hidayet) und den Erfolg!...

Sechstes Wort

«Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Fürwahr, AIlah hat den Gläubigen ihre Seelen und ihr Eigentum abgekauft, damit ihrer sei das Paradies...» (9,111)

Wenn du verstehen möchtest, wie der Verkauf von Seele und Eigentum an Gott den Gerechten, und Ihm ein Diener und Anbeter und ein Streiter zu sein, ein besonders vorteilhafter Handel ist, und welch einen ehrenvollen Rang man dadurch erhält, dann höre das folgende Gleichnis:

Es war einmal ein König, der hatte zwei Untertanen. Jedem von ihnen gab er ein Landgut zum Lehen. Dieses war mit Fabriken, Maschinen, Pferden, Waffen und allen notwendigen Dingen ausgestattet. Die Zeiten aber waren stürmisch. Im Lande herrschte der Krieg und nichts hatte mehr Bestand. Alles wurde entweder zerstört oder umgewandelt, oder es zerfiel. Da sandte der König in Seiner vollkommenen Barmherzigkeit den beiden Gutsherren einen hochehrenwerten Botschafter und ließ ihnen voller Erbarmen in einem Erlaß ( ferman) mitteilen:

« Verkauft mir das Lehen, das ich euch anvertraut habe. Ich will es für euch erhalten. Es soll nicht sinnlos verfallen. Wenn dann der Krieg beendet ist, werde ich es euch in einem noch schöneren Zustand wieder zurückgeben. Ich biete euch für mein Lehen einen sehr hohen Preis an, so als ob es euer Eigentum wäre. Desweiteren sollen die Maschinen und Geräte in der Fabrik in meinem Namen und für meinen Auftrag arbeiten. Ihr Wert und der mit ihnen erzielte Gewinn wird sich von eins zu tausend erhöhen. Den ganzen Gewinn will ich euch überschreiben. Ihr seid ja mittellos und hilfsbedürftig: Ihr könnt die Unkosten für diesen riesigen Aufwand selber nicht decken. Ich werde alle Ausgaben bestreiten. Ich werde alle Anschaffungen übernehmen. Alles das, was ihr herstellen werdet, gehört euch, und auch den Gewinn, den ihr damit erzielt, werde ich euch geben. Ich überlasse auch ihn euren Händen bis zu der Zeit, da ich euch abberufen werde. Somit werdet ihr also fünffach Gewinn über Gewinn erhalten! Wollt ihr mir aber mein Lehen nicht verkaufen, so seht ihr ja, daß es niemand mit eigener Hand erhalten kann. So wie einem jeden anderen, so wird auch euch euer Besitz aus den Händen gleiten. Auch euer Besitztum wird sinnlos verfallen und zudem werdet ihr noch eines hohen Lohnes verlustig gehen. Desweiteren werden die so empfindlichen und kostbaren Werkzeuge und Meßinstrumente, weil diese herrlichen Rohstoffe ausbleiben und es keine Arbeit mehr gibt, ganz und gar ihren Wert verlieren. Zudem lastet dann auch noch die Sorge und Mühe der Verwaltung und Erhaltung der Güter auf euren Schultern. Am Ende werdet ihr auch noch eurer Strafe nicht entgehen, weil ihr an meinem Lehen Verrat verübt habt. So werdet ihr also fünffach Verlust über Verlust haben!... So heißt denn, an mich zu verkaufen, zugleich auch mein Soldat werden und in meinem Namen zu handeln. So werdet ihr nicht in Gefangenschaft geraten, ihr werdet nicht fliehen müssen oder vertrieben werden. Stattdessen werdet ihr des großen Königs auserwählte, freie und hochgeachtete Soldaten sein.»

Nachdem die beiden Lehensherrn den Erlaß (ferman) des Königs vernommen hatten, beantwortete der eine von ihnen, der, welcher seine Sinne wohl beisammen hatte, dieses Entgegenkommen seines Herrn mit den Worten:

«Majestät, ich stehe zu Eurer Verfügung! Ich verkaufe gerne. Und ich bin Euch tausendmal dafür zu Dank verpflichtet.»

Der andere aber war eingebildet und selbstsüchtig. Seine Seele glich den Pharaonen in ihrer Hochmut. Er lebte wie im Rausch, glaubte, er könne ewig auf seinem Landgute bleiben und tat so, als hätte er von den Ereignissen, welche die Welt erschüttern und die Menschheit beunruhigen, keine Nachricht erhalten. So sagte er denn:

«Nein!... Wer ist denn dieser König? Ich werde meinen Besitz nicht verkaufen. Ich lasse mir meine gute Laune nicht verderben.»

Einige Zeit später hatte der erste Mann eine sehr hohe Stellung erlangt. Jedermann beglückwünschte ihn dazu und versuchte in edlem Wettstreit, es ihm gleich zu tun. Der König verlieh ihm seine Gunst. So lebte er glücklich in des Königs Schloß. Der andere aber verwickelte sich dermaßen in Schwierigkeiten, daß ein jeder ihn nur deswegen bemitleiden konnte. Doch sie empfanden auch, daß es sein verdientes Schicksal war. Denn einen Fehler hatte er begangen und in der Folge Glück und Gut verloren und sich so eine Strafe zugezogen, unter der er nun leiden mußte.

Schau also, oh du meine leidenschaftliche Seele! Betrachte das Antlitz der Wahrheit durch das Fernrohr dieses Gleichnisses! Der König ist dein Schöpfer und Herr, der da herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das Landgut aber mit seinen Maschinen, Geräten und Meßwerkzeugen ist das Gut, das dir in diesem Leben anvertraut wurde. Ein solches Gut sind Leib und Seele, Geist und Gemüt und in ihnen und mit ihnen alle die innerlichen und äußerlichen Sinnesorgane wie Gesicht und Geschmack, die Fähigkeit zu Vorstellung und Verständnis.Was aber den hochehrenwerten Botschafter betrifft, so ist damit unser Prophet (Resul-i Kerim ASM) gemeint. Des Königs Erlaß (ferman-y ahkem), den er verkündigt, ist der weise Quran, der diesen großartigen Handel (in unserem Gleichnis) mit folgender Aya bekannt gibt:

«Fürwahr, Allah hat den Gläubigen ihre Seelen und ihr Eigentum abgekauft, ihnen dafür das Paradies zu geben.» (9,111)

Was dieses wildwogende Schlachtfeld betrifft, so ist es das Antlitz dieser wildbewegten Welt, wo nichts besteht, alles sich wandelt und verfällt und so jedem Menschen den Gedanken eingibt: « Wenn uns auch alles zwischen den Fingern zerrinnt, vergeht, zerfällt, gibt es da nicht dennoch einen Ausweg, eine Möglichkeit, das Vergängliche in ein Ewiges. zu verwandeln, ihm bleibenden Bestand zu verleihen?» Während der Mensch so spricht und noch darüber nachdenkt, vernimmt er plötzlich vom Himmel herab die Stimme des Quran, die zu ihm spricht: «Es gibt ihn tatsächlich. Es gibt einen schönen und einfachen Ausweg, der noch dazu in fünf Stufen ansteigend Gewinn bringt.»

Frage: Welchen?

Die Antwort: Das anvertraute Gut seinem wahren Besitzer zu verkaufen... Siehe, in diesem Handel liegt auf fünf Stufen Gewinn über Gewinn.

Erster Gewinn: Vergängliches Gut erhält Bestand. Denn dieses vergängliche Leben verwandelt sich, sobald man es dem Herrn in Seiner Majestät anvertraut, Ihm, der ewig bleibt und besteht, bei dem es weder Wandel noch Veränderung gibt. Es verwandelt sich in ein ewiges (baki) Leben und es zeitigt unvergängliche (baki) Früchte, wenn es auf Seinen Wegen verbringt. Es erscheint zwar noch, als ob die Minuten des Lebens, Samenkörnern gleich, äußerlich vermodern und vergehen, doch drüben in einer Welt, die ewig besteht, öffnen sich die Knospen zu Blüten der Glückseligkeit und reifen die Kornfelder heran. Und im Zwischenreich (alem-i berzah) bietet sich ein lichtvoller und freundlicher Anblick.

Zweiter Gewinn: Man erhält das Paradies zum Lohn.

Dritter Gewinn: Der Wert aller Organe und Empfindungen steigt von eins auf tausend. Zum Beispiel: Unseren Verstand können wir gebrauchen wie ein Werkzeug. Verkaufst du ihn nicht Gott dem Gerechten, läßt du ihn vielmehr auf deine eigene (nefs) Rechnung arbeiten, so wird er zu solch einem unheilbringenden, aufdringlichen und lästigen Gerät, daß alles Leid und alle Traurigkeit vergangener Zeiten und all die furchteinflößenden Ereignisse der Zukunft sich in deinem bedauernswerten Kopf anhäuft, dich damit belastet, und dir somit zu einem Gerät wird, das dir Unglück und Schaden bringt und damit seinen Wert für dich verloren hat. Das ist auch der Grund dafür, daß der sündige Mensch, um sich vor seinem lästigen und aufdringlichen Verstand zu retten, so häufig der Trunksucht und dem Spiel verfällt, sich geradezu in sie hinein flüchtet. Verkaufst du ihn aber seinem wahren Besitzer und läßt ihn auf dessen. Rechnung arbeiten, so wird dir dein Verstand zu einem Schlüssel, der dir die tiefen Wahrheiten, die Schatzkammern der grenzenlosen Barmherzigkeit und die Gewölbe verborgener Weisheit öffnet. So erhebt er sich auf die Stufe eines Wegweisers (murschid ) des Herrn, der seinen Besitzer zur ewigen Seligkeit führt.

Beispiel: Das Auge ist ein Sinnesorgan, durch das die Seele (ruh) die Welt wie durch ein Fenster betrachtet. Verkaufst du es nicht Gott dem Gerechten, läßt du es vielmehr auf eigene (nefs) Rechnung arbeiten, so sinkt sein Wert auf die Stufe eines schamlosen Betrachters (also eines Voyeurs) herab, der im Dienste seiner eigenen (nefs) Launen und Gelüste mit seinen Blicken an ein paar unbeständigen, vergänglichen Schönheiten haftet. Verkaufst du aber das Auge dem allsehenden (Basir) Meister des Auges und läßt es auf Seine Rechnung und im erlaubten Rahmen arbeiten, so wird dieses Auge von nun an zum Range eines Lesers des großen Buches der Schöpfung und eines Betrachters der wunderbaren Kunstwerke des Herrn in dieser Welt aufsteigen, einer Biene gleich, die im Garten dieser Welt mit den Blumen Seiner Barmherzigkeit gesegnet wurde.

Beispiel: Wenn du die Geschmacksorgane, die du auf deiner Zunge trägst, nicht an deinen weisen Schöpfer verkaufst, sie vielmehr auf eigene (nefs) Rechnung arbeiten läßt, im Namen deines Bauches, so sinkt und stürzt ihr Wert auf die Stufe eines Mundschenks deines Magens herab und wird zum Pförtner am Tore seiner Fabrik. Verkaufst du sie aber deinem freigebigen Versorger (Rezzak), so wird der Geschmacksinn deiner Zunge von nun an zum Rang eines besonders befähigten Verwalters der Schatzkammer göttlichen Erbarmens und zum zufriedenen Küchenchef der unerschöpflichen göttlichen Allmacht (Kudret-i Samedaniye).

Wohlan denn, oh du mein Verstand! Merke auf! Wo ist der Apparat, der das Unheil anrichtet? Wo liegt der Schlüssel zum Weltall? Und du mein Auge! Schau genau hin! Wo ist hier der schamlose Betrachter? Wo ist der akademisch gebildete Verwalter der göttlichen Bibliothek? Und du meine Zunge! Probiere den Geschmack und koste ihn wohl! Wo ist hier der Mundschenk und der Torhüter der Fabrik? Wo der Haushofmeister der königlichen Schatzkammer Seiner Barmherzigkeit?

Wenn du den oben angeführten Beispielen entsprechend die übrigen Werkzeuge und Organe vergleichst, dann wirst du begreifen, daß der Gläubige in seinem Wesen wahrhaftig durch das Paradies bestimmt, der Ungläubige von der Hölle geprägt wird. Der Grund dafür, daß der eine einen solchen Wert erlangt, liegt darin, daß der Gläubige im Glauben das ihm von seinem Schöpfer anvertraute Pfand in Gottes Namen und im Rahmen des Erlaubten verwendet, während der andere, der Ungläubige, hingegen es veruntreut und es auf Rechnung seiner eigenen, selbstsüchtigen Seele (nefs-i emmare) arbeiten läßt.

Vierter Gewinn: Der Mensch ist hilflos und zahlreichen Unglücksfällen ausgeliefert. Er ist bedürftig und seine Bedürfnisse sind grenzenlos. Er ist schwach und die Last des Lebens drückt ihn schwer. Wenn er nicht den Allmächtigen in Seiner Majestät für sich zur Stütze erwählt und nicht zu Ihm seine Zuflucht nimmt und sich Ihm nicht voller Zuversicht unterwirft (teslim), wird er von ständigen Gewissensbissen geplagt. Fruchtlose Bemühungen, der Schmerz und das Bedauern würgen ihn, berauben ihn seiner Sinne oder machen ihn wild.

Fünfter Gewinn: Alle diese Sinne und Fähigkeiten, diese Organe und Werkzeuge stehen im Dienste Gottes, verehren und verherrlichen Ihn. Das große Verdienst dessen wird uns in Form von Paradiesesfrüchten zur Zeit unserer größten Bedürftigkeit dargeboten. Hierüber sind sich alle Gelehrten und Gebildeten, die Theologen und Geistlichen und all diejenigen, die einen Sinn für die Wahrheit haben, einig.

Doch wenn du nun dieses Geschäft mit seinem fünffachen Gewinn ablehnst, bleibst du nicht nur ohne einen Anteil daran, sondern du wirst stattdessen fünffach Verlust über Verlust erleiden.

Erster Verlust: Dein Besitz und deine Kinder, die du so sehr liebst, deine Neigungen und Leidenschaften (nefs ), die du alle so gerne befriedigen möchtest, die Jugend und das Leben, in die du so vernarrt bist, das alles vergeht, zerrinnt und verliert seinen Wert. Am Ende bleiben deine Hände leer. Was dir bleibt, ist die Sünde und das Leid, das wie ein Joch auf deinen Schultern lastet.

Zweiter Verlust: Für den Verrat an dem dir anvertrauten Pfand wirst du dir eine Strafe zuziehen. Denn die wertvollsten Geräte hast du für wertloseste Dinge gebraucht und so deiner Seele (nefs) Unrecht und Gewalt angetan.

Dritter Verlust: All deine so wertvollen Eigenschaften und Fähigkeiten (wie sie den Menschen über das Tier erheben - d.Ü.) hast du bis auf eine Stufe unterhalb der Tiere herabgewürdigt und so die göttliche Weisheit geschmäht und vergewaltigt.

Vierter Verlust: Deiner Schwäche und Armseligkeit nicht bewußt, wirst du die schwere Last des Lebens auf deine schwachen Schultern laden und ständig unter den Schlägen des Verfalls und der Trennung«ach»und«weh» schreien.

Fünfter Verlust: Dir die Grundlagen des ewigen Lebens und jenseitiger Glückseligkeit zu erwerben, wurde dir mit deinem Verstand und mit deinem Herzen, mit Auge und Zunge, das nötige Rüstzeug als wundervolles Geschenk des Erbarmers verliehen, doch du verwendest sie in so abscheulicher Weise, daß sie dir die Pforten der Hölle öffnen werden.

Wollen wir uns nun den Handel einmal näher ansehen!... Ist er wirklich eine so schwere Angelegenheit, daß so viele vor dem Verkauf zurückschrecken? Nein!... Ganz und gar nicht! Es gibt keine solche Schwierigkeit. Denn der Bereich des Erlaubten ist weit genug gespannt, jeglichem menschlichen Wohlbefinden zu entsprechen. Es ist überhaupt nicht notwendig, sich auf unerlaubte Dinge einzulassen. Denn es gibt nur wenige Gebote Gottes und sie sind leicht zu erfüllen. Gottes Anbeter, Diener und Streiter zu sein, ist eine so große Freude und eine solche Ehre, daß es sich gar nicht beschreiben läßt. Unsere Aufgabe besteht lediglich darin, gleich einem Streiter Gottes in Seinem Namen zu handeln, mit Ihm zu beginnen... nach Seinem Auftrag auszugeben und nach Seiner Weisung anzunehmen... sich mit Seiner Einwilligung und im Rahmen Seiner Gesetze zu bewegen, in Seiner göttlichen Gegenwart stille zu werden... Und wenn wir einmal einen Fehler begangen haben, sollen wir mit den Worten um Vergebung bitten und inständig zu Ihm flehen: «Oh Herr! Vergib uns unsere Fehler... Nimm uns als Deine Diener an. Bis zu der Zeit, da Du das uns anvertraute Pfand wieder aus unseren Händen nimmst, laß uns Dein Lehen treu verwalten, Amen.»

Siebentes Wort

«Im Namen Allahs, des Barbarmers, des Barmherzigen»

Das tiefe, hermetisch verschlossene, kosmische Geheimnis (tylsym) wird enträtselt.

«Ich glaube an Gott» und

«Ich glaube an den Jüngsten Tag»

öffnet dem menschlichen Geist die Pforten zur ewigen Seligkeit. Möchtest du verstehen, wie wertvoll die beiden Schlüssel zu diesem tiefen Geheimnis (tylsym) sind, vertrauensvoll und in Geduld zu deinem Schöpfer deine Zuflucht nehmen, dich voll Dankbarkeit in Bitten und Gebeten dem zuwenden, der dich versorgt, begreifen, wie stark die heilende Wirkung dieser beiden Mitteln ist, erfahren, wie den Quran zu hören, seinen Ratschlüssen zu folgen, das Gebet zu verrichten, und die Sünden zu vermeiden auf der Reise in die Unendlichkeit der Ewigkeit eine unentbehrliche, unbezahlbare und allüberall gültige Fahrkarte darstellt, unsere «Speise» im Jenseits, und unser Licht (nur) in der Finsternis des Grabes, dann schaue und höre das folgende Gleichnis:

Eines Tages geriet ein Soldat auf dem Kampfplatz, dem Prüfungsfeld, zu der Zeit von Gewinn und Verlust, in eine äußerst beklemmende Lage. Es war dies wie folgt:

Er hatte eine tiefe Wunde an seiner rechten Seite, und auch seine linke Seite war fürchterlich verletzt. Hinter ihm verharrte geduckt und sprungbereit ein gewaltiger Löwe. Vor seinen Augen war ein Galgen aufgerichtet, an dem alle seine Freunde durch den Strang hingerichtet wurden. Er wartete auch auf ihn. Und er stand noch dazu mitten auf einem langen Weg in die Verbannung. Während dieser Ärmste aber nun noch verzweifelt über seine schreckliche Lage nachgrübelte, tauchte zu seiner Rechten plötzlich eine machtvolle und lichterfüllte Gestalt auf, die ihn gleich Chidr (= der Grüne, gemeint ist der Prophet Elias - d.Ü.) mit seinem Wohlwollen einhüllte und zu ihm sprach:

«Sei nicht verzweifelt! Ich werde dir zwei Tylsym (gemeint ist die Annahme und Vertiefung des Glaubensd.Ü.) geben und erklären. Machst du den rechten Gebrauch davon, wird dieser Löwe für dich zu einem gehorsamen Pferd. Selbst der Galgen verwandelt sich für dich zu einer kosmischen Schaukel für eine angenehme Flugreise. Außerdem werde ich dir auch noch zwei Heilmittel geben. Wenn du sie recht verwendest, werden durch sie deine beiden schmerzvollen Wunden umgewandelt werden und du wirst an ihrer Statt zwei zarte Blumen tragen, welche den wundervollen Duft der Rosen Muhammeds (ASM) verströmen. Ich werde dir auch noch eine Fahrkarte geben. Damit kannst du eine Fußwanderung von einem Jahr verkürzen und so die Strecke in einem Tag überfliegen. Probiere die Dinge nur aus, wenn du mir nicht glaubst. Versuche es nur und du wirst sehen, daß ich die Wahrheit gesagt habe. «Da machte er tatsächlich einen Versuch und so auch die Erfahrung, daß es damit seine Richtigkeit hatte. Dies bekundete und bestätigte er.

Und in der Tat kann auch ich, d.h. dieser armselige Said, dies bestätigen. Denn ich habe es ein wenig ausprobiert und es als völlig richtig erkannt.

Nun erblickte dieser Soldat plötzlich zu seiner Linken einen Saufbruder, einen hinterlistigen Betrüger, der aussah wie der Teufel, der mit allerlei Schmuck und Tand, mit verschiedenen bunten Bildchen und noch anderem nutzlosem Kram, aber auch mit Getränken auf ihn zu kam, vor ihm stehen blieb und sagte: «Hallo Kumpel! Komm her! Wir wollen miteinander zechen und guter Dinge sein! Laß uns doch die Bilder dieser hübschen Mädchen betrachten! Wir wollen flotte Musik hören und genüßlich miteinander schmausen.»

Frage: «Ha, ha ha... Was murmelst du denn da so heimlich vor dich hin?»

Antwort: «Es ist ein Tylsym (= Geheimnis des Glaubens).»

- «Laß den Unsinn fahren!... Wir wollen uns doch nicht die gute Laune verderben lassen!»

- «Hah! Was hast du denn da in deinen Händen?»

- «Ein Heilmittel.»

- «Wirf es weg! Du bist doch gesund! Was fehlt dir denn? Nun komm schon! Es ist Zeit.»

- « Hah! Was ist denn das mit den fünf Stempeln da für ein Papier?»

- «Ein Reisevertrag mit Leistungsgutscheinen.»

- «Zerreiße ihn. Was brauchen wir denn in dieser schönen Frühlingszeit noch eine Reise zu unternehmen... »

So redete der Teufel auf ihn ein und versuchte mit allen Listen ihn zu überzeugen. Und fast schon hätte er ihn auf seine Seite gezogen. In der Tat neigt der Mensch dazu, dem Betrüger auf den Leim zu gehen. Auch ich bin einmal auf einen Betrüger hereingefallen.

Da hörte der Soldat zu seiner Rechten plötzlich eine Donnerstimme, die ihm zurief: «Paß auf und laß dich nicht täuschen! Sage diesem Betrüger:

Wenn du den Lowen hinter mir töten, den Galgen zum Verschwinden bringen, die Wunden in meiner rechten und linken Seite wieder schließen kannst und zudem noch eine Möglichkeit weißt, meinen Weg in die Verbannung zu beenden, dann tu's doch und zeig mir was du kannst! Danach magst du dann sagen: Komm, wir wollen uns vergnügen! Sonst aber schweig, du Verblendeter!... Dann will ich auf das hören, was diese El-Chidrgleiche Erscheinung des Himmels zu mir spricht...»

Wohlan denn, du meine Seele, die du gelacht hast, als ich noch jung war, und die du jetzt weinst, weil du darüber gelacht hast! Wisse nun... Dieser armselige Soldat, das bist du, das ist der Mensch. Und der Löwe, das ist die Sterbestunde. Was aber den Galgen betrifft, so ist er Tod, Zerfall und Trennung, da wie das Aufeinanderfolgen von Tag und Nacht, ein jeder seinem Freund «Lebe wohl!» sagt... ihn verliert. Von den beiden Wunden ist die eine die unendliche, unerträgliche menschliche Schwäche, die andere aber die grenzenlose menschliche Armseligkeit. Betrachten wir nun die Reise in die Verbannung, so führt sie heraus aus der Welt der Geister (ruh), heraus aus dem Mutterschoß, hindurch durch Kindheit und Greisenalter, durchs irdische Leben, Grab und Zwischenwelt (berzah) zur Wiederversammlung hinüber über die Brücke von «Syrat»: eine lange Fahrt der Prüfung. Die beiden Tylsym (Geheimnisse) aber sind der Glaube an Gott den Gerechten und der Glaube an das Jenseits. In der Tat nimmt der Tod, wenn ein gläubiger Mensch diese beiden Tylsym (Zaubermittel) gebraucht, die Gestalt von Buraq (jenes geheimnisvollen Reittieres unseres Propheten - d.Ü.) an, eines Pferdes, das ihn willig aus diesem irdischen Kerker heraus in die himmlischen Gärten hinüber und zur Gegenwart Gottes des Allbarmherzigen trägt. Deshalb lieben die Vollendeten (kamil insanlar ), da sie die Wahrheit hinter dem Tod schauen, den Tod. Noch ehe denn der Tod kommt, verlangen sie danach zu sterben.

Zudem werden uns Verfall und Trennung und der Galgen, der den Ablauf der Zeit darstellt, mit dem Tylsym (Geheimnis) des Glaubens zu Geräten, die uns die wundervollen Kunststickereien des königlichen Meisters, wie sie gleichsam noch feucht, überaus bunt, vielfarbig und vielgestaltig, frisch aus Seiner Werkstatt kommen, die Wunder Seiner Allmacht und die Manifestationen Seines Erbarmens als einen vollkommenen Genuß vor unser betrachtendes Auge bringen. In der Tat werden nur die Spiegel, welche das Licht (nur) und die Farben der Sonne zurückstrahlen, ausgewechselt und durch neue ersetzt. Die Szene auf der Leinwand wechselt und der Anblick gestaltet sich noch besser, noch schöner.

Wenn wir nun auf die beiden Heilmittel zu sprechen kommen, so ist das eine davon die Geduld und das Gottvertrauen, das sich auf die Macht des Schöpfers stützt und sich in Seiner Allweisheit geborgen fühlt.Ist das nicht so? Es ist wirklich so! Ein Mensch, der sich aufgrund der Urkunde seiner eigenen Schwäche auf den Herrn der Welt stützt, der da herrscht mit dem Befehl:

«Kun fe yekun!» (Sei! Und es ist.- 36,82), was braucht er zu fürchten? Denn im Anblick eines fürchterlichen Unglücks sagt er:

«Allahs sind wir,und zu Ihm kehren wir zurück.» (2,151)

und vertraut sich mit ganzem Herzen der Barmherzigkeit seines Herrn an. In der Tat erwächst dem Gotteskenner, dem Theologen, der Sinn für die Freude aus seiner Hilflosigkeit und Gottesfurcht. In der Tat nähren sich Sinn und Gemüt aus der Furcht. Fragte man ein einjähriges Kind: «Was ist es, was dich deines Wohlbefindens ganze Köstlichkeit verspüren läßt?» und hätte das Kind Verstand genug, diese Frage zu beantworten, so würde es sicherlich sagen: «Wenn ich in dem Bewußt sein meiner Schwäche und Armseligkeit, vor dem zärtlichen Klaps meiner Mutter schüchtern erneut an meiner Mutter Brust flüchtend wieder ihre Liebe verspüre.» Denn, aller Mütter Liebe und Zärtlichkeit gleicht nur dem Aufleuchten eines Blitzstrahls der Allerbarmung. Deshalb ist es auch, daß die Vollendeten (kamil insanlar) in ihrer Schwäche und in der Gottesfurcht so viel Sinn und Zufriedenheit erfahren, daß sie auf ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten verzichten und in ihrer Schwäche zu Allah ihre Zuflucht nehmen. Sie haben ihre Schwäche und ihre Furcht zu ihrem Fürsprecher gemacht.

Was nun aber das andere Heilmittel betrifft, so besteht es aus der Dankbarkeit und der Zufriedenheit, in der sich der Gläubige mit Bitten und Beten auf das Erbarmen des allbarmherzigen Versorgers (Rezzak) stützt. Ist das nicht so? Es ist wirklich so! Denn wie kann in der Tat für einen Gast des freigebigen Gastgebers (Cevvad-y Kerim), der die ganze Erde wie einen Tisch bereitet, den Frühling wie einen Blumenstrauß erschaffen und Seine Blumen über diesen Tisch hin ausgestreut hat, seine Armseligkeit und Bedürftigkeit noch länger ein Schmerz und eine Last sein? Vielmehr nimmt seine Armseligkeit und Bedürftigkeit gleich dem Hunger die Gestalt eines Koches an. Ja, um dieses Hungers willen, bemüht er sich sogar noch darum, sich seine Armseligkeit noch klarer vor Augen zu stellen. Aus diesem Grunde sind vollkommene Menschen geradezu stolz auf ihre Armut.(Hüte dich, dies nicht falsch zu verstehen! Gegenüber Gott seine Armseligkeit zu empfinden, heißt, zu Ihm zu flehen. Es heißt nicht, seine Armut vor den Leuten zur Schau zu stellen und damit hausieren zu gehen.)

Wenn wir uns nun noch dem Reisevertrag mit seinen Gutscheinen zuwenden, so ist dies die Erfüllung der göttlichen Gebote, allen voran aber die Verrichtung des Gebetes und die Vermeidung der schweren Sünden. Ist das nicht so? Es ist wirklich so. In der Tat kann in Übereinstimmung aller Gelehrten und Gebildeten, der Theologen und Geistlichen und all derer, die einen Sinn für die Wahrheit haben, auf diesem langen und dunklen Weg in die Unendlichkeit der Ewigkeiten nur derjenige Wegzehrung und alles, für die Reise notwendige, ein Licht und ein Reittier (buraq) erhalten, der die Gebote des Quran hält und seine Verbote beachtet. Wenn aber nicht, so sind seine natur- oder sprachwissenschaftliche Schulbildung, alle Kunstfertigkeit und Gelehrsamkeit keine fünf Pfennige mehr wert. Denn der Lichtstrahl der Leuchte der Wissenschaft reicht nur bis an die Pforten des Grabes.

Wohlan denn, oh du meine faule Seele (nefs): Fünf mal am Tag das Gebet zu verrichten und sich der Sünden (kebair) zu enthalten, wie wenig und einfach und leicht ist doch das! Wie reichlich ist dagegen Gewinn, Frucht und Nutzen, wie groß und wertvoll. Das kannst du begreifen, wenn du Verstand hast, wenn du ihn noch nicht verloren hast. Sage also dem Teufel, zu diesem Mann, der dich zur Sünde verführen, zu seinen Ausschweifungen mitreißen will:

«Gibt es eine Möglichkeit, den Tod zu töten, so daß nun der Verfall der Welt entfällt, menschliche Schwäche und Armseligkeit aufgehoben und die Pforten des Grabes verschlossen werden, dann sage es mir; ich höre. Wenn nicht, dann schweig!... In der großen Moschee des Alls liest Quran (Hodscha) aus (dem Buch) des Alls. Lauschen wir ihm. Lassen wir uns von seinem Lichte erleuchten. Handeln wir nach seiner Rechtleitung (hidayet). Er sei unser immerwährendes Gebet. In der Tat ist er das Wort und als solches wird er bezeichnet. Die Wahrheit ist er. Aus der Wahrheit kommt er. Die Wahrheit spricht er. Die Tatsachen zeigt er auf und das Licht seiner Weisheit strahlt er aus...»

Achtes Wort

«Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Allah ist und auß er Ihm gibt es keinen Gott, Er, der Lebendige, der Beständige.» (2,255)

«Fürwahr, Glaube (din) ist bei Allah die Ergebung (Islam)» (3,19)

Möchtest du Wesen und Wert des Glaubens für den Menschen und des menschlichen Geistes für die Welt und die Welt selbst begreifen? Und weißt du, daß die Welt zu einem Gefängnis würde, gäbe es keinen wahren Glauben, und daß ein unreligiöser Mensch das unglückseligste unter allen Geschöpfen ist? Und weißt du, daß das tiefe Geheimnis (tylsym) dieser Welt durch den Ruf «Ya Allah!» (Oh Gott) und das Zeugnis «La ilahe illallah» (Es gibt keinen Gott außer Allah) erschlossen wird, wodurch auch des Menschen Seele (ruh) aus der Finsternis errettet wird, dann betrachte und höre das folgende Gleichnis:

In alter Zeit begaben sich einmal zwei Brüder gemeinsam auf eine lange Reise. Sie gingen und gingen immer weiter und kamen schließlich an eine Wegegabelung. Genau dort aber, wo der Weg sich teilte, erblickten sie einen Landeskundigen, der ihnen Vertrauen einflößte. Ihn befragten sie: «Welches ist der bessere Weg?» da entgegnete ihnen dieser: «Wählt ihr den rechten Weg, dann müßt ihr euch an Recht und Gesetz halten. Doch für diese Mühe werdet ihr in Sicherheit reisen und glücklich sein. Was aber den linken Weg betrifft, so bringt er

für euch Freiheit und Ungebundenheit. Doch bringt diese Freiheit Gefahren und diese Ungebundenheit Ruhelosigkeit mit sich. Nun aber entscheidet euch und trefft eure Wahl.»

Nachdem sie diese Worte vernommen hatten, sagte der eine von den beiden Brüdern, der gutwillig und wohlgesonnen war:

«Ich vertraue auf Gott,»

schlug den rechten Weg ein und machte sich auf die Reise. Und dabei unterwarf er sich den Anordnungen von Recht und Gesetz. Der andere Bruder aber, weil er bösgesinnt und verblendet war, zog es vor, den linken Weg zu wählen. Begleiten wir zuerst in Gedanken diesen Mann, der nun äußerlich eine leichte, doch innerlich eine schwere Bürde zu tragen hatte. Da wanderte nun dieser Mann die Berge und Täler hinauf und hinunter und ging und ging immer weiter, bis er sich am Ende in einer menschenleeren Wüste befand. Dort vernahm er plötzlich ein fürchterliches Gebrüll. Sich umschauend erblickte er einen schrecklichen Löwen, der hinter einem Gebüsch hervor zum Sprung ansetzte. Rasch floh der Mann vor dem Löwen davon, fand eine sechzig Ellen tiefe, ausgetrocknete Zisterne und stürzte sich in seiner Angst hinein. Als er schon halb hinuntergefallen war, fand er einen Baum, der seinen Sturz auffing. Dieser Baum klammerte sich mit zwei schon morsch gewordenen Wurzeln in der Wand der Zisterne fest. In diesen hatten sich zwei Mäuse verbissen, die eine weiß, die andere schwarz, und zernagten sie. Als der Mann seinen Blick nach oben wandte, sah er dort den Löwen einem Wächter gleich auf der Mauer sitzend warten. Nach unten blickend gewahrte er in der Tiefe einen abscheulichen Drachen. Er hatte das Haupt gegen ihn erhoben und reckte den Hals nach,seinen Füßen, die dreißig Ellen über dem Abgrund baumelten. Sein Rachen war ebenso groß wie der Schacht der Zisterne selbst. Und auch als er die Schachtwandt betrachtete, erblickte er rings umher allerlei Schmarotzer und eine Menge Ungeziefer. Nun wandte er seine Aufmerksamkeit der Krone des Baumes zu und sah, daß es ein Feigenbaum war. Doch - oh Wunder - der Baum trug sehr viele verschiedene Früchte. Nüsse und Granatäpfel hingen in seiner Krone.

Doch all das betrachtete dieser Mann in seinem Unverstand völlig falsch. Er erkannte nicht, daß es sich dabei um keine gewöhnlichen Dinge handeln konnte. Es konnte nicht Werk des Zufalls sein. In all diesen seltsamen Dingen verbargen sich ihre besonderen Geheimnisse. Doch er konnte ihnen nicht entnehmen, daß hinter allen der Allwirkende steht. So begann er denn von den Früchten dieses Baumes zu essen, ungerührt von dem verborgenen Aufschrei über seine leidvolle Lage und der Klage in seinem Sinn, Herz und Verstand, weil seine eigenwillige Seele (nefs-i emmare), so als sei dies alles nicht vorhanden, sich über dem Weinen seines Herzens und seiner Seele mit den Fingern die Ohren verstopfte, und indem sie sich selbst betrog, so tat, als befände sie sich inmitten eines Gartens. Doch einige dieser Früchte waren gar nicht gesund, ja sogar giftig. In einer Hadis-i Kudsi (= der Prophet verkündet das Wort Gottes mit seinen eigenen Worten - d.Ü.) hat uns Gott der Gerechte geoffenbart:

Das heißt: «Ich behandle meinen Diener so, wie ich von ihm erkannt bin.» So hielt denn dieser unglückselige Mensch, was er erblickte und in seinem Unverstand fälschlich beurteilte, für eine einfache und offensichtliche Tatsache. Und in dieser Weise erlebte er auch das Geschehnis, erlebt es noch und wird es auch weiter so erfahren... So konnte er weder sterben, so daß er von seinem Leiden befreit würde, noch vermag er zu leben. Solitt er unter seiner Qual. Wir aber wollen, während wir diesen Unglückseligen seiner Strafe überlassen, zurückkehren und wollen sehen, wie es dem anderen Bruder inzwischen ergangen ist.

Siehe, wie dieser Mann in seiner guten Gesinnung daher kommt! Im Gegensatz zu seinem Bruder gerät er nicht in Bedrängnis. Denn dank der guten Erziehung, die er genossen hat, beschäftigt er sich nur mit dem, was gut ist und träumt nur von den schönen Dingen. Er spricht sich selbst Mut zu. Er braucht auch nicht wie sein Bruder unter Mühsal und Anstrengungen zu leiden. Denn er kennt seine Anordnungen und unterwirft sich ihnen. Ihm öffnen sich alle Türen. Als ein freier Mann bewegt er sich in geordneten und gesicherten Verhältnissen. So gelangt er zu einem Garten. Darin gibt es aber nicht nur schöne Blumen und herrliche Früchte, sondern auch übelerregende Dinge. Denn niemand kümmert sich darum. Auch sein Bruder war schon in einen solchen Garten gekommen. Doch der hatte den Übelkeit erregenden Dingen seine Aufmerksamkeit geschenkt, ja, sich mit ihnen beschäftigt und es war ihm schlecht davon geworden. So verließ er den Garten wieder und ging weg, ohne daß er darin Erholung gefunden hätte. Sein Bruder hingegen hält sich an den Grundsatz: « Sieh in allem das Gute!» Er übersieht die schlimmen Dinge. Er macht von den guten Dingen einen guten Gebrauch. Aufs beste erholt verläßt er den Garten, und setzt seinen Weg fort.

Er geht nun immer weiter und weiter und gelangt wie zuvor sein Bruder zu einer gewaltigen Wüste. Plötzlich hört er das Gebrüll des Löwen, der sich auf ihn stürzen will. Er fürchtet sich. Doch seine Furcht ist nicht so stark wie die seines Bruders. Doch weil er stets nur denkt und annimmt, was gut und schön war, tröstet er sich mit dem Gedanken:«Diese Wüste hat ihren Herrn.Es wäre möglich, daß dieser Löwe ein Diener unter dem Befehl seines Herrn ist.» Dennoch flieht er und gelangt zu einer sechzig Ellen tiefen, ausgetrockneten Zisterne und springt hinein. Wie sein Bruder kann er sich in deren Mitte mit seinen Händen an einem Baum festhalten. An ihm festgekrallt bleibt er mitten in der Luft hängen. Er sieht die beiden Tiere, welche die beiden Wurzeln des Baumes benagen. Er blickt nach oben und sieht den Löwen. Er blickt nach unten und sieht einen Drachen. Gleich seinem Bruder erfährt er sich in einer seltsamen Lage. Auch ihn packt die Angst. Doch seine Angst ist tausendmal kleiner als die seines Bruders... Doch seine gute Erziehung gibt ihm auch hier wieder gute Gedanken ein. Und was diese guten Gedanken betrifft, so zeigen sie ihm alle Dinge im schönsten Licht. So denkt er denn aus diesem Grunde: «All diese seltsamen Ereignisse stehen miteinander in einem Zusammenhang. Es sieht so aus, als folgten sie alle einem höheren Befehl. Wenn das aber so ist, dann ist in allen Dingen ein tieferes Geheimnis (tylsym) verborgen. In der Tat geschieht alles auf Befehl eines verborgenen Herrschers. Wenn das aber so ist, dann bin ich nicht allein. Der verborgene Herrscher kümmert sich um mich. Er stellt mich auf die Probe. Er hat mich aus einem bestimmten Grunde hierher geführt und gerufen. « Aus einer solchen Furcht, der mit ihr verbundenen Vorahnung und allen guten Gedanken heraus, erwächst in ihm die erstaunte Frage: «Wer mag das wohl sein, der mich in dieser Weise prüft und sich mir darin zu erkennen geben will und mich auf diesem seltsamen Wege ans Ziel führt?»

Aus dieser Neugierde und das damit verbundene Bedürfnis, den Herrn dieses Geheimnisses (tylsym) kennenzulernen, erwächst nun die Liebe zu ihm. Aus dieser Liebe aber erwächst ihm der Wunsch,dieses Geheimnis zu entschleiern. Aus diesem Wunsch aber erwächst ihm der Wille (irade), sich nun auch so gut und schön und richtig zu verhalten, daß es dem Herrn (sahib) dieses Geheimnisses wohlgefällt und Er mit ihm zufrieden ist.

Nun blickt er zur Krone des Baumes hinauf und sieht: Es ist ein Feigenbaum. Doch in dieser Krone wachsen Früchte von tausenderlei Bäumen. In diesem Augenblick verschwand aus ihm jede Furcht. Denn nun begriff er mit Sicherheit: Dieser Feigenbaum ist wie eine Speisekarte, ein Inhaltsverzeichnis, eine Ausstellung!

Dieser verborgene Herrscher muß die Früchte in Seinen Weinbergen und Gärten in die Bäume gehängt haben, damit sie Muster, Geheimnis und Wunderzeichen sein sollen und Er muß diesen Baum mit ihnen geschmückt haben, damit sie für Seine Gäste ein Zeichen sein sollen für die Speisen, die Er ihnen vorbereitet hat. Könnte denn anders ein einzelner Baum die Früchte tausender Bäume hervorbringen!?

Nun begann er zu beten und zu flehen, daß ihm der Schlüssel dieses Geheimnisses (tylsym) zum Erlebnis würde, und er rief:

«Oh Du, der Du der Beherrscher dieser Stätten bist! Mein Schicksal ruht in Deiner Hand. Zu Dir nehme ich meine Zuflucht und stelle mich in Deinen Dienst. Ich strebe danach, Dein Wohlgefallen zu erlangen. Ich suche Dich. »

Über diesem flehentlichen Gebet öffnete sich plötzlich der Schacht der Zisterne, die Schachtwand spaltete sich und eine Pforte zu einem überaus schönen, sauberen und gepflegten Garten tat sich auf. Oder es war vielmehr das Maul des Drachens, das sich in ein solches Tor verwandelte. Löwe und Drache nahmen die Gestalt zweier Diener an. Sie baten ihn, einzutreten und Gast zu sein. Ja, nunmehr nahm der Löwe für ihn sogar die Gestalt eines lammfrommen Pferdes an.

Wohlan denn nun, du meine faule Seele (nefs)! Und du mein Freund, der du mir jetzt in meiner Vorstellung gegenüber sitzt!

Kommt (ihr beiden = die Seele und der Freund)! Wägen und vergleichen wir die Lage dieser beiden Brüder! Wollen wir nun schauen und begreifen, wie das Gute wieder Gutes und das Böse wieder Böses hervorbringt!

Seht: Jener Unglückselige, der zu seiner Reise den linken Weg eingeschlagen hat, muß sich ständig bewußt sein, in den Schlund eines Drachens hinabzustürzen und zittert davor. Was aberjenen Glücklichen betrifft, so ist er zu einem Garten eingeladen, der mit vielfältigen Früchten und jeder Art Annehmlichkeit gesegnet ist. Zudem wird das Herz dieses Unglückseligen von schmerzlicher Furcht und einer schrecklichen Angst zerrissen. Was aber jenen Glücklichen betrifft, so schaut und betrachtet er all jene seltsamen Dinge wie lehrreiche und anregende Beispiele, als ein schreckliches Abenteuer, dessen guter Ausgang von zukünftiger Heilsgewißheit gemildert wird oder als eine Erfahrung, welche ihn die Liebe lehrt. Und weiter noch wird dieser Unglückselige von Einsamkeit, Verzweiflung und Verlassenheit gequält. Der Glückliche hingegen genießt den vertrauten Umgang, er lebt in froher Hoffnung yind sehnsüchtigem Verlangen. Überdies betrachtet dieser Unglückselige sich selbst als einen Gefangenen, bedroht durch die Angriffe wütender Ungeheuer. Doch der Glückliche ist ein hochgeschätzter Gast, der mit den sonderbaren Dienern seines freigebigen Gastherrn, bei dem er zu Gast ist, vertrauten Umgang pflegt und durch die er Freude und Erholung findet. Und außerdem beschleunigt dieser Unglückselige noch seine Strafe durch den Genuß von Speisen, die zwar äußerlich wohlschmeckend erscheinen, in ihrer Wirkung aber innerlich giftig sind. Denn diese Früchte sind lediglich Muster. Man darf zwar von ihnen kosten, so daß man nach deren Originalen Sehnsucht bekommt und sie erwerbenmöchte, sie aber gleich einem Tier zu verschlingen, ist nicht erlaubt. Der Glückliche jedoch kostet sie, begreift, worum es sich handelt und verschiebt ihren Genuß auf später. Das Warten darauf wird ihm durch die Vorfreude versüßt. Dagegen ist dieser Unglückselige auch noch ungerecht zu sich selbst. Eine Wahrheit, schön wie der lichte Tag und seine eigene Lage, die wie ein strahlender Tag ist, überführt er in seiner Uneinsichtigkeit selbst in einen finsteren und grausamen Argwohn, der die Gestalt der Hölle annimmt. So widerfährt ihm nur Gerechtigkeit, wenn die Liebe Gottes (schefkat) ihn nicht anrührt und er hat auch kein Recht, irgendjemanden zu beschuldigen.

Dafür ein Beispiel: Wenn ein Mann zur Sommerszeit in einem schönen Garten inmitten seiner Freunde sich nicht damit begnügt, an einem geselligen Mahl teilzunehmen, es sich gemütlich zu machen und zu genießen, stattdessen seine Sinne mit unreinem Rauschtrank vernebelt und nun in der Vorstellung lebt, er befände sich mitten im Winter hungrig und nackt unter Wölfen und nun zu schreien und zu weinen beginnt, so versteht es sich von selbst, daß er kein Mitleid (schefkat) verdient. Er tut sich selber Unrecht. Er sieht Wölfe in seinen Freunden und beleidigt sie. So ist also die Lage dieses Unglückseligen genauso wie in obigem Beispiel. Was aber den Glücklichen betrifft, so sieht er die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist aber schön. Indem er die Wirklichkeit der Wahrheit gemäß als schön erkennt, gibt er jener Vollendung (kemal) die Ehre, welche dem Herrn (sahib) über alle Wahrheit zu eigen ist. So ist er auch würdig Seines Erbarmens. So offenbart sich hier der Sinn des Lehrsatzes aus dem Quran: «Wisse, daß das Böse aus dir selbst, das Gute aber von Allah kommt.» Ziehst du nun noch weitere, ähnliche Unterschiede zum Vergleich heran, so wirst du verstehen, daß die eigenwillige Seele (nefs-i emmare) des ersteren, ihm innerlich(manevi) Höllenqualen bereitet. Für den anderen aber manifestieren sich durch dessen gute Absicht (niyet), seine gute Vorstellungsweise, seine gute Charakterart und seine guten Gedanken (fikir) eine große Güte, eine Glückseligkeit, ein persönliches Charisma und Gottes reichster Segen (feyz).

Oh du meine Seele (nefs)! Und du oh Mensch, der du gemeinsam mit meiner Seele dieser Erzählung zuhörst!

Wenn du kein unglückseliger Bruder werden willst, vielmehr ein glücklicher Bruder werden möchtest, dann höre auf den Quran und folge seiner Weisung! Halte dich fest an ihm! Beachte seine Leitlinien und setze sie in die Praxis um!

Wenn du dir über die Wahrheit, die in diesen Gleichnissen enthalten ist, klar geworden bist, wirst du auch der Bedeutung der Religion, dem Sinn des Lebens, dem Wert des Menschen und der Bedeutung des Glaubens im Alltag zum Durchbruch verhelfen. Das Wichtigste darüber will ich dir hier sagen. Die Feinheiten magst du dir dann selber ausgestalten!

So siehe denn nun! Was die beiden Brüder betrifft, so wird durch den einen von ihnen die Seele (ruh) eines Gläubigen (mu'min) und das Herz eines rechtschaffenen Menschen (salih), durch den anderen die Seele eines Ungläubigen (kafir) und das Herz eines sündigen Menschen (fasyk) dargestellt. Von den beiden Wegen führt der rechte den Weg des Quran und des Glaubens, der linke aber den Weg der Auflehnung und des Unglaubens (kufr). Der Garten, durch den diese Wege führen, ist dieses vergängliche menschliche Gemeinschaftsleben innerhalb der menschlichen Gesellschaft, ihren sozialen Strukturen, ihrer Kultur und Zivilisation, in dem sich Schönes und Schlechtes, Gutes und Böses, Lauteres und Unsauberes beieinander finden. Der Verständige handelt nach dem Grundsatz:

«Nimm das, was dich freudig macht und laß das, was dir Sorge macht!»

und geht im Herzen wohlbehalten (selamet). Die Wüste ist die Erde und das irdische Leben. Der

Löwe bedeutet den Tod und seine Stunde. Die Zisterne bezeichnet den menschlichen Körper und seine Lebensspanne. Und ihre Tiefe von sechzig Ellen ist ein Hinweis auf die sechzig Jahre einer durchschnittlichen Lebensspanne und allgemeinen Lebenserwartung. Was aber den Baum darinnen betrifft, so verkörpert er das menschliche Leben nach seiner Länge und in seiner Substanz. Die beiden Tiere, ein weißes und ein schwarzes, sind der Tag und die Nacht. Der Schlund des Drachens bedeutet das Grab als das Tor zum Zwischenreich (berzah ) und den Weg ins Jenseits. Doch für den Gläubigen ist dies der Rachen, der die Pforten des Kerkers aufreißt und hinaus führt in die Gärten Edens. Das Ungeziefer stellt die alltäglichen Widerwärtigkeiten dar. Doch auf den Gläubigen wirken sie wie der wohlwollend gemeinte Hinweis Gottes und jene Zuwendung des Allbarmherzigen, die ihn davor bewahrt, in den Schlaf der Gottvergessenheit zu verfallen. Was nun die Früchte an dem Baum betrifft, so sind sie die irdischen Gnadengaben, die Gott in Seiner vollkommenen Freigebigkeit gleichsam als eine Speisekarte der jenseitigen Gnadengaben, als Erinnerungsstücke, als Musterbeispiele in der Form von Nachbildungen der Paradiesesfrüchte geschaffen hat, so, als wollte Er Seine «Kunden» damit zum Kauf anregen. Und obwohl es sich dabei nur um einen einzigen Baum handelt, trägt dieser doch die verschiedensten Früchte. Dies ist ein Hinweis auf Seine einzigartige Allmacht gleich Seinem Siegel, Seine göttliche Herrschaft (Rububiyet) gleich einem Stempel und das

Königreich Gottes, der Prägung einer Münze gleich: Denn: «Aus einem einzigen Ding alle Dinge hervorzubringen», d.h. aus der gleichen Erde alle Pflanzen und ihre Früchte sprießen zu lassen, aus dem gleichen Wasser alle Tiere zu erschaffen und zugleich «aus allen Dingen ein einziges Ding hervorzubringen». Das heißt, daß die so verschiedenen Arten von Nahrungsmitteln, welche die einzelnen Tiere in sich aufnehmen, in das jeweils spezifische Muskelgewebe dieser Tiere umgewandelt wird. Er strickt Seinen Tieren unabhängig von der Verschiedenheit ihrer Nahrung stets einheitlich die gleiche Haut. Diese und andere ähnliche Werke Seiner Kunst zeigen das private Siegel jener Einen und Einzigartigen (Ehad-y Samed) Persönlichkeit, welche König ist von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist der Ihm eigene Stempel. So trägt ein jedes Ding die unnachahmliche Prägung Seiner Münze. In der Tat ist diese Fähigkeit, aus einem Ding alle Dinge und aus allen Dingen ein einziges Ding hervorzubringen, das persönliche Kennzeichen des Schöpfers aller Dinge und Wunder (ayat) ausschließlich dessen, der der Allmächtige ist über alle Dinge. Was aber die Offenbarung des Schlüssels (tylsym) betrifft, so ist er das Geheimnis des Glaubens, der das Geheimnis hinter der Weisheit der Schöpfung erschließt. Dieser Schlüssel heißt:

«Oh Gott ! Es gibt keinen Gott auß er Allah. Allah ist und auß er Ihm gibt es keinen Gott, Er, der Lebendige, der Beständige.» (2,256)

Wenn sich nun aber der Schlund des Drachens in ein Tor zu einem Garten verwandelt, so bedeutet dies:

Während sich für die Leute des Irrweges und der Auflehnung das Tor zu einer Friedhofswelt öffnet, eng wie der Bauch eines Drachenungeheuers, und vergleichbar einem Kerker inmitten der Einöde einer vergessenen

Welt, öffnet sich für die Leute des Quran und des Glaubens das Tor aus dem Gefängnis dieser Welt hinaus zu den ewigen Gärten und heraus aus diesem Prüffeld zu den Gärten Edens, heraus aus der Mühsal des Lebens zum Erbarmen des Barmherzigen. Und wenn dieser wilde Löwe zu einem vertrauten Diener wird, bzw. sich in ein lammfrommes Pferd verwandelt, so bedeutet dies, daß das Tor für die Leute des Irrweges eine ewige, schmerzliche Trennung von all ihren Lieben (mahbub), noch dazu eine Vertreibung aus ihrem eigenen, imaginären irdischen Paradies, eine Einschließung in den Kerker, das Gefängnis des Grabes inmitten ihrer Einsamkeit und Verlassenheit ist, für die Leute der Rechtleitung und des Quran hingegen ein Fahrzeug, um ihren alten Freunden und all den Lieben, welche in die andere Welt hinübergegangen sind, wieder zu begegnen. Außerdem ist es das Mittel, um in die wahre Heimat und zum Sitz der ewigen Glückseligkeit zu gelangen. Und weiter ist es eine Einladung in die Gärten Edens, heraus aus dem Kerker dieser Welt. Darüber hinaus ist der Tod auch der Augenblick, wo wir von der Gnade des allbarmherzigen Erbarmers den Lohn für die Dienste, die wir Ihm geleistet haben, in Empfang nehmen. Und schließlich ist er die Befreiung von einer lebenslangen Verpflichtung, sich zu mühen und zu plagen. Und endlich bringt er den Feierabend, nachdem der Dienst abgeleistet, die Prüfungen bestanden, die Übungen beendet und alle Vorschriften erfüllt worden sind...

Zusammenfassung: Wer auch immer sein Hauptaugenmerk nur auf dieses vergängliche Leben gerichtet hält, der mag äußerlich betrachtet in einem Paradies leben, innerlich ist es die Hölle. Und wer auch immer sich ernsthaft um ein ewiges Leben bemüht, dessen Leben wird glücklich in beiden Welten, in dieser und in jener Welt. Wie schlimm auch immer seine Welt sein mag und wie sehr sie ihn auch bedrückt, so betrachtet er sie dennoch mit gutem Mut und frohem Sinn, weil er in ihr einen Wartesaal und einen Vorraum des Paradieses sieht, sie so erträgt und sich in Dankbarkeit geduldet.

Neuntes Wort

«Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Und lobpreiset Allah, wenn es Abendzeit ist und wenn es Morgenzeit ist. Und Ihm sei Gob und Dank in den Himmeln und auf Erden, wenn Tag und Nacht sich neigen am Abend und zur Mittagszeit!» (30,16-18)

Oh Bruder! Du fragst mich nach der Weisheit, die in der Aufteilung der Gebete auf fünf festgesetzte Zeiten liegt. Darin liegt sehr viel Weisheit. Doch wollen wir uns hier mit einem einzigen Hinweis begnügen.

Wie nun in der Tat jede Gebetszeit der Beginn einer bedeutenden Wende ist, ein Spiegel jener großartigen göttlichen Lenkung der Welt und all die göttlichen Gnadengaben (ihsanat) reflektiert, die in dieser Lenkung zum Ausdruck kommen, so wurde aus diesem Grunde dem Menschen befohlen, den Allmächtigen in Seiner Majestät noch intensiver zu loben, zu preisen, Ihn zu verehren und Ihn anzubeten, um Ihm für alle diese grenzenlosen Gnadengaben (nimet) zu danken, die wir zwischen zwei Gebetszeiten empfangen haben. Um das in seiner tieferen Bedeutung genauer erkennen und besser verstehen zu können, müssen wir gemeinsam mit meiner Seele die folgenden fünf Anmerkungen hören.

Erste Anmerkung: Die Bedeutung des Gebetes liegt im Lobpreis (tesbih), der Verehrung (tazim) und der Dankbarkeit (schükür) gegenüber Gott dem Gerechten. Das heißt, wir erklären vor der Majestät (celal) Seine Reinheit und Heiligkeit, indem wir uns im Gebet vor Ihm beugen und niederwerfen und damit zum Ausdruck bringen und sagen: «Subhanallah» (Gepriesen sei Allah!)... Wir erklären vor der Vollkommenheit (kemal) Seine Herrlichkeit und Ehre, indem wir mit unserem Gebet zum Ausdruck bringen und dabei sprechen: «Allahu ekber» (Allah ist groß!)... Wir erstatten vor der Schönheit (cemal) unsere Dankbarkeit, indem wir äußerlich (in der Sprache unseres Körpers) und innerlich (mit dem Munde unseres Herzens) zum Ausdruck bringen: «Elhamdulillah» (Dank sei Gott!). Das heißt also, daß Lobpreis, Verehrung und Dankbarkeit den Kern des Gebetes (namaz) darstellen. Das ist der Grund dafür, daß diese drei Dinge immer wieder in den Bewegungen und Anrufungen des Gebetes vorkommen. Und das ist auch der Grund dafür, daß wir diese gesegneten Worte nach dem Gebet noch dreiunddreißigmal wiederholen, um den Sinn des Gebetes noch besonders hervorzuheben und seinen Wert zu erhöhen. Der Sinn und Wert des Gebetes wird durch diese kurzen Kernsätze vertieft...

Zweite Anmerkung: Die Bedeutung des Dienstes und der Anbetung (ibadet) liegt darin, daß ein Diener in seiner Verehrung an der Schwelle (des Hauses) Gottes seine eigenen Fehler und Schwächen, und seine Armseligkeit erkennt und sich in Bewunderung vor der Vollkommenheit (göttlicher) Herrschaft und der Macht des Einzigartigen (Samed) und Seiner göttlichen Barmherzigkeit liebend vor Ihm niederwirft (secde). Das heißt, so wie die Autorität der Herrschaft Gottes Dienst und Gehorsam erfordert, so erfordert auch die Heiligkeit und Reinheit Seiner Herrschaft, daß ein Diener in seiner Verehrung seine Fehler erkennt und sie bereut, und bekennt, daß sein Herr (Rab) unbefleckt und rein vonjeglichem Makel ist und frei und hocherhaben über die Nichtigkeit aller Vorstellung der Leute des Irrweges und rein und heilig über aller Mangelhaftigkeit der Welt, indem er Ihn lobpreisend und verehrend (tesbih) «Subhanallah» (Gepriesen sei Gott) sagt.

Und weiter noch erfordert die Vollkommenheit (kemal) der Macht Seiner Herrschaft auch, daß ein Diener in seiner Verehrung seine eigene Schwäche und die Unzulänglichkeit alles Geschaffenen erkennt, und dabei vor der gewaltigen Größe der Werke und Taten, welche die Macht des Einzigartigen(Samed) vollbringt, in Begeisterung und Bewunderung «Allahu ekber» (Allah ist groß über alles) sagt, sich in Demut vor Ihm neigt und vertrauensvoll bei Ihm seine Zuflucht sucht.

Und überdies erfordert der unendliche Schatz der Erbarmungen Seiner Herrschaft, daß ein Diener in seiner Verehrung seine eigene Bedürftigkeit und die Armseligkeit und Bedürftigkeit alles Geschaffenen mit Ausdrükken der Bitte und des Gebetes (dua) darlegt und die Gnade (nimet) und Güte seines Herrn mit Lobpreis und Dank, indem er «Elhamdulillah» sagt, verkündet. Das heißt, daß die Worte und Bewegungen beim Gebet (namaz) die oben angeführten Bedeutungen in sich enthalten und aus diesen Gründen von Gott vorgeschrieben sind.

Dritte Anmerkung: So wie der Mensch von dieser Welt im Großen, ein Abbild im Kleinen ist und die ehrwürdige Suratu-l’Fatiha (= die Eröffnende, die erste Sure im Quran) der strahlende Abglanz und wie das leuchtende Lichtbündel aus dem glorreichen Quran, so ist auch das Gebet (namaz) ein glanzvoller Katalog, der alle Arten der Anbetung (ibadet ) in sich umfaßt, eine heilige Landkarte wie der Lichtkegel eines Leuchtturms, der auf alle Farben und Schattierungen der Anbetung in der gesamten belebten wie unbelebten Natur sein Zeichen wirft.

Vierte Anmerkung: So wie in einer Uhr mit Tagesanzeige der Sekundenzeiger, der Minutenzeiger, der Stundenzeiger und die Tagesanzeige miteinander verbunden und voneinander abhängig sind, wie das Aussehen des einen Zeigers an das Aussehen des anderen Zeigers erinnert, und die Funktionsweise des einen Zeigers beispielhaft für die Funktionsweise eines anderen Zeigers ist, so sind auf der großen Uhr Gottes des Gerechten, welche diese Welt ist, und wo der Wechsel von Tag und Nacht gleich den Sekunden, der Wechsel der Jahre gleich den Minuten, der Wechsel der Generationen gleich den Stunden und die Epochen der Menschheitsgeschichte gleich den Tagen (unserer Armbanduhr) sind, die einzelnen Zeiger miteinander verbunden und voneinander abhängig, gemahnen in ihrer Erscheinungsform einer an den anderen, sind in ihrer Funktionsweise einer das Beispiel des anderen und rufen einander in Erinnerung. Zum Beispiel:

Die Zeit der Morgendämmerung (fecr): Sie geht bis Sonnenaufgang und gleicht der Frühlingszeit, die erinnert auch an die Zeit, da der Mensch noch im Mutterleib ruhte, und sie ruft auch die Zeit des ersten der sechs Schöpfungstage, da Himmel und Erde gemacht wurden, wieder in Erinnerung, und gemahnt so an das Wirken Gottes zu allen diesen Zeiten.

Die Mittagszeit (zuhr): Sie gleicht der Zeit der Sommersonnenwende, der Zeit der reifen Jahre und auch dem Abschnitt der Schöpfung, da der Mensch erschaffen wurde, weist darauf hin, gemahnt an die Manifestation des Erbarmens Gottes, Seinen Segen und die Gnaden, die Er zu all diesen Zeiten erwiesen hat.

Die Nachmittagszeit (asr): Sie gleicht dem Spätsommer, der Zeit der späten Jahre und auch der «Glücklichen Zeit» (asr-y saadet) des Propheten (ASM) der letzten Epoche und erinnert an das Wirken Gottes und die Gnadenerweise des Erbarmers zu allen diesen Zeiten.

Die Abendzeit (maghrib): Sie gleicht der Zeit des Spätherbstes, erinnert daran, daß so viele Geschöpfe nun Abschied nehmen müssen (z.B. Störche, Igel, Mükken usw. - d. Ü.) und auch an den Tod des Menschen und den Untergang der Welt und läßt so das Aufstrahlen der Majestät Gottes verstehen und erweckt so den Menschen aus dem Schlaf der Gottvergessenheit (ghaflet)... warnt ihn...

Die Nachtzeit (i'scha) : Es ist eine dunkle Welt, die alle Spuren der Welt des Tages mit einem schwarzen Leichentuch überdeckt. So deckt auch des Winters weißes Leichentuch das Antlitz der erstorbenen Erde zu. So folgen auch nach dem Tode des Menschen ihm seine letzten Spuren in den Tod nach und verschwinden unter der Decke des Vergessens. So wird auch diese Welt, die ein Ort der Prüfung ist, ganz und gar abgeschlossen werden. An all dies erinnert die Nachtzeit und verkündet so die Majestät Gottes und die Allgewalt Seiner Herrschaft in all Ihrer Majestät und Ihrem ganzen göttlichen Zorn.

Die Mitternacht (gece): Sie erweckt das Verstehen für den Winter, das Grab und die Zwischenwelt, und erinnert den Menschen daran, wie sehr des Menschen Seele (ruh) der Barmherzigkeit des Allerbarmers bedarf.

Das in dieser Zeit verrichtete Gebet (teheccüd) vermittelt einen Begriff davon, ein wie eminent wichtiges Licht es in der Nacht des Grabes und in der Dunkelheit des Zwischenreiches ist und lenkt die Aufmerksamkeit darauf. Es ruft die unzähligen Gnadengaben Gottes des wahren Gebers aller guten Gaben, wie sie in allen diesen Umwandlungen genannt sind, (gemeint sind all die oben angeführten Zeiten - d. Ü.) in Erinnerung und verkündet so, in welchem Grade Er allen Lobpreises und Dankes würdig ist.

Was nun aber den Morgen des nächsten Tages betrifft, so erinnert er an die Wiederauferstehung. Denn so logisch, notwendig und absolut sicher, wie dieser Nacht ihr Morgen und diesem Winter sein Frühling folgt, so folgt auch mit der gleichen Sicherheit der Morgen der Wiederversammlung und die lichte Welt des Frühlings auf das dunkle Reich der Schatten.

Das heißt, daß jede dieser fünf (Gebets)zeiten wie sie am Anbeginn einer bedeutsamen Wende steht und an den großen Wendepunkt erinnert, auch Zeichen der täglichen gewaltigen Lenkung und Leitung durch die Macht des Einzigartigen (Samed) ist und an die Wunder der Macht über dem Wechsel der Jahre, der Generationen der Menschheit und der Epochen der Geschichte und die Gnadengaben des Allbarmherzigen erinnert.

Das heißt, daß das Pflichtgebet als die eigentliche und naturgemäße Aufgabe des Menschen, der ihm wesensgemäße Gottesdienst und seine unabdingbare Schuld ist, welche zu diesen Zeiten abzutragen recht und billig und dem Menschen angemessen ist.

Fünfte Anmerkung: Der Mensch ist von Natur aus äußerst schwach. Darum stört ihn jedes Ding, beeindruckt ihn, schmerzt ihn. Dazu ist er auch noch äußerst unbeholfen. So sind seine Plagen und seine Feinde äußerst zahlreich. Und weiter ist er auch noch ein ganz armseliger Mensch. Dagegen sind seine Bedürfnisse mehr als genug. Und überdies ist er auch noch faul und völlig unbegabt. Doch die Verantwortlichkeiten des Lebens lasten schwer auf ihm. Dazu ist er auch noch durch sein Menschsein mit aller Welt verbunden. Doch alles, was ihm lieb und vertraut geworden ist, wird ihm durch Tod und Trennung ständig wieder entzogen, was ihn zutiefst kränkt. Und weiter noch zeigt ihm sein Verstand hohe Ziele und bleibenden Gewinn. Doch sein Arm ist kurz, sein Vermögen ist wenig, seine Geduld ist gering.

So wird es denn nun klar verständlich, wie notwendig es für eine Seele (ruh) in einer solchen Lage ist, sich zur Zeit des Morgengebetes an der Schwelle des Allmächtigen in Seiner Majestät, des Erbarmers in Seiner Vollkommenheit (cemal) in flehentlichem Gebet einzustellen, Ihm ihre Wünsche offenzulegen, von Ihm Hilfe und Erfolg zu erbitten und wie dringend sie eines solchen Rückhaltes im Gebet, bedarf, um für den folgenden Tag ihre Aufgaben in dieser Welt wieder auf sich zu nehmen, die auf sie zukommen werden, und die Last des Tages wieder auf ihre Schultern zu laden.

Die Zeit des Mittagsgebets ist der Höhepunkt des Tages, die Zeit, da der Tag sich wieder dem Untergang neigt. Die Arbeit des Tages geht ihrer Vollendung entgegen. Es ist die Zeit einer kurzen Erholung von der Mühe der Arbeit, eine Zeit, da die Seele (ruh), von schwerer Arbeit und ihren vergänglichen Werken in einer flüchtigen Welt betäubt und in Gottvergessenheit versunken, einer Atempause bedarf, und sich die göttlichen Gnadengaben zeigen. Des Menschen Geist (ruh) befreit sich vom Druck, entwindet sich seiner Gottvergessenheit, läßt die sinnlosen, vergänglichen Dinge hinter sich, um mit (zum Gebet) verschränkten Armen an der Schwelle des wahren Gebers aller guten Gaben Ihm, dem Unwandelbar-Beständigen (Kayyum-u Baki), Lobpreis und Dank zu sagen für alle Seine Gnadengaben, Ihn um Hilfe zu bitten, sich im Bewußtsein seiner Schwäche vor der allgewaltigen Größe Seiner Majestät zu verneigen, sich vor dieser im Zenit stehenden Vollkommenheit und Ihrer unvergleichlichen Schönheit niederzuwerfen und so seine Bewunderung, seine Liebe und Verehrung und zugleich auch die eigene Nichtigkeit zum Ausdruck zu bringen. Dies alles beinhaltet die Verrichtung des Mittagsgebetes. Wer nicht versteht, wie schön und willkommen, wie notwendig, recht und angemessen das ist, wie könnte der noch ein Mensch genannt werden!

Die Zeit des Nachmittagsgebets ist eine Zeit, welche die Melancholie des Herbstes ahnen läßt, die Trübsal des Alters, die schmerzliche Epoche der Endzeit, und welche an sie erinnert. Nun zeitigt die Arbeit des Tages ihre Ergebnisse. Zudem ist es die Zeit, da die Gnadengaben Gottes, die an diesem Tage sichtbar geworden sind, wie Gesundheit, Sicherheit und gute Arbeit sich zu einer gewaltigen Summe angehäuft haben. Und schließlich ist es die Zeit, da diese große und gewaltige Sonne (sie ist das mächtigste Gestirn an unserem Himmel-d.Ü.) sich dem Untergang neigt und damit das Zeichen setzt und verkündet, daß der Mensch als Beamter Gottes Gast ist und alle Dinge unbeständig und vergänglich sind. Nun steht der Mensch, der sich in seinem Geist (ruh) nach der Ewigkeit sehnt und für die Ewigkeit geschaffen wurde, der Gottum Seiner Güte willen seine Verehrung erweist und unter der Trennung von Ihm leidet, auf, nimmt Abdest (d.h. er vollzieht die heiligen Waschungen), um in dieser Nachmittagszeit das Gebet (= asr, ikindi) zu verrichten und bringt an der Schwelle des Einzigartigen (Samed), dessen, der ohne Anfang (Kadim) und ohne Ende (Baki), Unwandelbar (Kayyum) und Unsterblich (Sermedi ) ist, sein Gebet dar, und nimmt seine Zuflucht zur Güte und Barmherzigkeit Gottes, die unendlich und unvergänglich ist, lobt und preist Gott und dankt Ihm für Seine Gnadengaben, die er stets ohne Anrechnung erhält, verneigt sich demütig vor Gottes Ehrerbietung erheischenden Herrschaft (Rububiyet), wirft sich im Bewußtsein seiner Nichtigkeit vor der Unsterblichkeit Seiner Gottheit (Uluhiyet) nieder. So findet er eine wahrhaftige Tröstung und Ruhe für seine Seele.Wer so mit verschränkten Armen in Dienst und Anbetung vor der Größe Seiner Gegenwart das Gebet verrichtet, der versteht, welch hohe Aufgabe das ist, ein wie angemessener Dienst, welch eine Erstattung naturgemäßer Schuld am rechten Platz, ja sogar die Erlangung einer Seligkeit, die ihm höchstes Glück seines Menschseins bedeutet.

Die Zeit des Abendsgebets ist die Zeit, die zu Beginn des Winters in der Melancholie des Abschieds an die Zeit gemahnt, da nun all die schönen, sommerlichen Geschöpfe aus der Welt einer vergangenen Jahreszeit scheiden müssen. Zudem ist es die Zeit, die daran erinnert, daß der Mensch mit seinem Tod sich von all seinen Lieben in einem leidvollen Abschied trennen und in das Grab hinabsteigen muß. Und weiter ist es die Zeit, die daran gemahnt, daß alle Bewohner dieser Erde, wenn die Welt im Tode erbebend in ihren letzten Zügen liegt, in andere Welten umziehen werden, und erinnert daran, daß dereinst auch über diesem Haus der Prüfungen die Lichter erlöschen werden. Es ist eine Zeit zur nachdrücklichen Warnung all derer, welche all diejenigen als ihre Geliebten verehren, die alle absteigen und untergehen müssen. So wendet denn der Mensch, dessen Seele von Natur aus ein Spiegel ist, der sich nach Gottes immerwährender Schönheit sehnt, sein Antlitz zu dem gewaltigen Thron dessen, der nicht Anfang noch Untergang kennt, der all diese gewaltigen Taten vollbracht hat und diese ganze, große Welt lenkt und leitet, spricht über dieser vergänglichen Welt: «Allahu ekber» (Gott ist am größten), zieht seine Hände von ihr zurück, verschränkt sie in seinen Armen zum Gottesdienst vor seinem Herrn (Mevla), stellt sich in die Gegenwart des Immerwährenden (Baki), spricht: «Elhamdulillah» (Lobpreis und Dank sei Gott), preist Seine makellose Vollkommenheit, verehrt Seine beispiellose Schönheit, verherrlicht Seine unendliche Barmherzigkeit, und sagt:

«Dich allein beten wir an und von Dir allein erwarten wir Hilfe!»

trägt Ihm um Seiner Regierung (Rububiyet) ohne Beamte, Seiner Gottheit (Uluhiyet) ohne Teilhaber, Seiner Königsherrschaft ohne Minister willen seine Dienste an und bittet Ihn um Seine Hilfe, verneigt sich vor Seiner unendlichen Größe und grenzenlosen Macht und Seiner Würde, die keine Schwäche kennt, bekennt in Vereinigung mit dem gesamten All seine Schwäche und Hilflosigkeit, seine Armseligkeit und Verwirrung, und sagt:

«Gepriesen seist Du, allgewaltiger Herr!»,

lobt die Allgewalt seines Herrn, wirft sich sodann nieder vor dem, dessen Wesen höchste Schönheit ist, die sich niemals neigt, dessen heilige Attribute unvergänglich sind, dessen unsterbliche Vollkommenheit (kemal) keine Veränderung kennt, bringt in Bewunderung seine Liebe (muhabbet) zum Ausdruck, verläßt alles Ungöttliche im Bewußtsein eigener Nichtigkeit und tut seine Bereitschat zu Dienst und Anbetung (ubudiyet) kund. Zudem findet er im Austausch gegen alles Vergängliche (fani) bleibende Schönheit (Cemil-i Baki) und unsterbliches Erbarmen (Rahim-i Sermedi). Während er sodann:

«Gepriesen seist Du, erhabener Herr!»

sagt, heiligt er seinen erhabenen Herrn, der ohne Makel ist, nicht Schwinden noch Schwanken kennt... Während er sich nun zur Schehada niedergesetzt hat, bietet er alle Segnungen und Gebete und guten Gaben des ganzen Lebens aller Schöpfung Gott in der Unvergänglichkeit Seiner Schönheit und Majestät, deren Thron niemals untergeht, zum Geschenk an, und, - indem er Seinen ehrenwerten Botschafter (gemeint ist Muhammed ASM d.Ü.) grüßt, seinen Bund mit Ihm erneuert und Seinen Befehlen gegenüber Gehorsam bezeigt, seinen Glauben erneuert und bestärkt und die Ordnung und Weisheitjenes kosmischen Schlosses betrachtet - bezeugt er die Einheit (vahdaniyet) seines majestätischen Baumeisters, bezeugt auch die Sendung Muhammeds aus Arabien (ASM = Friede und Segen sei mit ihm), der die Königsherrschaft (Rububiyet) Gottes ausgerufen, den Weg zur Erlangung Seines Wohlgefallens verkündet und die Zeichen aus dem Buche des Alls erklärt hat. Dies alles beinhaltet die Verrichtung des Abendgebetes. Wer nicht versteht, was für eine feinsinnige und lautere Aufgabe, was für ein ehrenvoller und angenehmer Dienst, wie schön und willkommen eine solche Anbetung, welch gewichtige Wahrheit in ihr enthalten, welch ewiges Gastmahl in dieser vergänglichen Herberge es ist, und welch immerwährende Glückseligkeit, wie könnte der noch ein Mensch genannt werden!..

Die Zeit des Nachtgebets ist die Zeit, da auch die letzten noch verbliebenen Spuren des Tages am Horizont verschwinden und sich die Welt der Nacht an seiner Stelle ausbreitet. Sie erinnert an die Lenkung und Leitung des Herrn, wenn Er in Seiner Majestät Tag und Nacht aufeinander folgen läßt. Wenn Er ein weißes Blatt in ein schwarzes verwandelt und Sein vollkommenes Walten über Sonne und Mond verfügt, der die grünen Seiten mit den herrlichen bunten Blumen des Sommers in die weißen Seiten mit den kalten Eisblumen des Winters verwandelt.

Überdies läßt sie, indem sie im Laufe der Zeit auch noch die letzten Spuren der Bewohner des Grabes, die ganz und für immer in eine andere Welt hinübergegangen sind, aus dem Lande der Lebenden tilgt, darin das göttliche Wirken des Schöpfers ahnen, der ins Land der Lebendigen beruft und in das Land der Toten abberuft. Sie ist zudem die Zeit, die an das Walten der Majestät Gottes (celal), Schöpfers der Himmel und der Erden und die Manifestation Seiner Schönheit (cemal) gemahnt, wenn nach dem vollkommenen Zerfall dieser engen, vergänglichen, winzigen Welt, die in einem gewaltigen Todeskampf liegt, sich eine weite, bleibende, gewaltige jenseitige Welt entfaltet und die an dieses Wirken Gottes erinnert.

Und weiter noch ist sie jene Spanne, da bewiesen wird, daß nur derjenige der wahre König und Lenker der Welt, der wahre Angebetete (Ma'bud) und Geliebte (Mahbub) sein kann, welcher als der Vollkommen-Allmächtige (Kadir-i Mutlak) die Blätter, welche Tag und Nacht, Sommer und Winter, Diesseits und Jenseits bedeuten, so leicht wie die Blätter eines Buches umwendet, auf ihnen schreibt und darin wieder streicht und ändert und über all dies urteilt und herrscht.

So ist denn der Mensch in seiner Seele so unendlich hilflos und schwach, so unendlich armselig und hilfsbedürftig und darüber hinaus auch noch so unendlich tief in das Dunkel der Zukunft eingetaucht, von den Ereignissen so ohne ein Ende hin und her geworfen, daß er in diesem Sinne zur Nachtzeit das Gebet verrichtet, wie Abraham, mit dem der Friede sei, spricht:

«Ich liebe nicht, die, welche untergehen!&127;&127; (6, 76)

und an der Schwelle des Angebeteten ohne Anfang (Mabud-u Lemyezel) und des Geliebten ohne Ende (Mahbub-u Layezal) Zuflucht nimmt und in dieser vergänglichen Welt, in diesem vergänglichen Leben und in dem Dunkel dieser Welt und in dem Dunkel einer solchen Zukunft den Ewig-Bleibenden (Baki-i Sermedi) flehentlich anruft und die barmherzige Zuneigung des Erbarmers, des Barmherzigen und das Licht Seiner Führung erahnt und ersehnt, welche ihm zu einem Stückchen eines ewigen Gastmahls (sohbet-i bakiye ) wird, einen Lichtschimmer über seine Welt ausbreitet, ihm darin für einige Minuten ewiges Leben aufleuchten läßt, ihm seine Zukunft erhellt, ihm die Wunden, welche ihm der Tod seiner Freunde und alles Lebendigen und die Trennung von allem, was da ist, geschlagen haben, mit Balsam bestreicht. So vergißt denn auch er diese Welt, die ihn vorübergehend vergessen hat und sich vor ihm verbirgt, gießt im Weinen seines Herzens seinen Kummer an der Schwelle des Allbarmherzigen aus. So tritt er denn, was immer auch kommen mag, zu einem letzten Dienst und Pflichterfüllung, bevor er sich zum Schlafe niederlegt, welcher der Bruder des Todes ist, zum Gebet (vor seinen Herrn und Gott) hin, um das Tagebuch seiner Werke mit einer guten Eintragung abzuschließen. Das heißt also, daß er, im Austausch für alle die vergänglichen Dinge und Wesen, die ihm lieb und teuer sind, in die Gegenwart (huzur) des Ewig-Angebeteten und Geliebten (Ma'bud ve Mahbub-u Baki), an Stelle all der Hilflosen, bei denen er betteln gegangen ist, in die Gegenwart des freigebigen Allmächtigen (Kadir-i Kerim), und um sich vor all den Übeln zu retten, die ihm Schaden bringen und vor denen er zittert, in die Gegenwart des barmherzigen Behüters (Hafiz-i Rahim) eintritt... Dies ist es, weshalb er mit der «Fatiha» beginnt. Das heißt, anstatt den Dingen, welche ihm nicht helfen können, die nicht mehr an ihrem Platz sind (wie ein untergegangener Stern - d.Ü.), armseligen Dingen und Geschöpfen Lob und Dank darzubringen, lobt und preist er den Herrn der Welten, welcher in jeder Hinsicht absolut vollkommen ist, dessen Reichtum alles umfaßt, den Allbarmherzigen, Freigebigen. Sein Gebet wechselt mit der Anrede:

«Zu Dir allein beten wir. Dir allein dienen wir» (1,5)

von der dritten zur zweiten Person über. Das heißt, er, der niemanden hat, wendet sich in all seiner Kleinheit und Nichtigkeit dem König von Ewigkeit zu Ewigkeit zu, welcher der Herr über die Tage unserer Verantwortung (Malik-i Yewmiddin) ist, und erlangt die Stufe eines bevorzugten Gastes und hohen Beauftragten in dieser Welt. Mit den Worten:

«Dich allein beten wir an und zu Dir allein flehen wir um Hilfe!» (1,5)

bringt er im Namen der ganzen Schöpfung seine Anbetungen für die große Gemeinde der Schöpfung, für diese ganze gewaltige Versammlung dar und schickt seine Hilferufe (zu Allah). Sodann spricht er:

«Führe uns den rechten Weg!» (1,6)

und erbittet Rechtleitung(hidayet) auf dem geraden Weg (syrat-y mustaqym), welcher der lichtvolle Pfad ist, der im Dunkel der Zukunft zur ewigen Glückseligkeit führt... Während nun alle Pflanzen und alle Tiere schlafen gehen, und auch die Sonne sich versteckt, die Sterne erwachen Soldaten gleich, die einem Befehl gehorchen, in dem Gasthaus dieser Welt ihre Lampen entzünden und ihren Dienst antreten, gedenkt er der Größe des Herrn und Seiner Majestät, verneigt sich und spricht: «Allahu ekber» (Gott ist groß)... Schließlich denkt er an die große Niederwerfung (secde) der gesamten Schöpfung, nämlich daran, wie sie gleich den Geschöpfen, welche sich in dieser Nacht niederlegen, ebenso wie alle Arten der Schöpfung, die sich Generation für Generation, ja selbst unsere Erde, ja sogar der gesamte Kosmos gleich einem gehorsamen Heer, ja sogar einem einzelnen gehorsamen Soldaten gleich, zu der Zeit, da er von seiner gottesdienstlichen Aufgabe, die er unter dem Befehl:

«Sei! und es ist.» (36,82)

im Diesseits angetreten hatte, wieder entlassen worden ist, als er nämlich in die unsichtbare Welt (alem-i ghayb) hinübergesandt wurde, sich in größter Ordnung am Horizont auf dem Gebetsteppich (seccade) des Untergangs mit dem Ruf: «Allahu ekber» (Gott ist am größten) (anbetend) niederwirft... Dann im Frühling, wenn wieder dem belebenden Posaunenstoß gleich mit dem Befehl:

« Sei! und es ist. » (36, 82)

sich die Welt neu belebt, die einen in der gleichen, die anderen in einer ähnlichen Gestalt versammelt werden und wie mit zum Gebet verschränkten Armen zum Dienst an ihrem Herrn (Mevla) auferstehen, spricht auch dieses kleine Menschenkind, sie nachahmend, in der Gegenwart (huzur) des königlichen Hofes, der Vollkommenheit Seines Erbarmens (Rahman-y Zülkemal), des Barmherzigen in Seiner Schönheit (Rahim-i Zülcemal): «Allahu ekber» (Gott ist am größten) und wirft sich in einer Liebe, die Begeisterung in ihm erweckt, im Bewußtsein der eigenen Nichtigkeit, welche Beständigkeit (beka) in ihm erweckt, in einer Selbsterniedrigung, die ihm zur Ehre gereicht, (vor Allah) nieder; das heißt, das Nachtgebet zu verrichten ist der Himmelfahrt (des Propheten Md.) vergleichbar. Du hast nun sicherlich verstanden, was für eine willkommene, was für eine gute, was für eine schöne, was für eine erhabene, was für eine edle und zugleich köstliche, was für eine angemessene und zugleich verstandesgemäße Aufgabe und welch ein Dienst dies ist, welch eine Anbetung sich in ihm vollzieht und was für eine ernste und schwerwiegende Wahrheit darin ihren Ausdruck findet.

Damit ist nun gesagt, daß diese fünf Zeiten (des Tages und des Gebetes) jede einzelne für sich Zeichen einer gewaltigen Umgestaltung, Ausdruck der Großtaten des Herrn, Male all der Gnadengaben Gottes sind. Es ist unsere Schuld und Verpflichtung, diese gebotenen Gebetezu den vorgeschriebenen Zeiten zu verrichten. So liegt in dieser Anordnung dieser Gebete zu diesen Zeiten eine unendliche Weisheit...

«Preys sei Dir! Wir haben kein Wissen, auß er dem, was Du uns gelehrt hast. Furwahr bist Du der Allwissende und der Allweise!» (2,232) «Oh Gott gewähre Frieden und Segen, dem, den Du als Lehrer für Deine Diener gesandt hast, damit er sie Deine Erkenntnis lehre, den Dienst vor Dir und die Anbetung, ihnen die Schätze :Deiner Namen aufzeige. Er ist der Übersetzer Deiner Wunderzeichen (ayat) im Buche der Schöpfung, er ist in seiner Anbetung ein Spiegel, der die Schönheit (cemal) Deiner Herrschaft (Rububiyet) widerspiegelt. Gewähre Segen und Frieden auch seiner ganzen Familie und al1 seinen Gefährten! Erbarme Dich unser! Erbarme Dich aller gläubigen Männer und Frauen, amen, in Deiner Barmherzigkeit, oh Barmherzigster der Barmherzigen. »

Einundzwanzigstes Wort

Das erste von zwei Kapitel

«Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Es ist den Gläubigen vorgeschrieben, das Gebet zur bestimmten Zeit zu verrichten.» (4,103)

Eines Tages kam ein älterer Herr zu mir. Er war groß von Gestalt, bekleidete einen höheren Rang und sagte zu mir: « Das Gebet ist gut. Es aber Tag für Tag fünf Mal zu verrichten, ist zu viel. Man kommt zu keinern Ende. Macht das nicht überdrüssig?»

Über diesem Wort war bereits geraume Zeit vergangen, da vernahm ich die Stimme meiner Seele (nefs). Ich vernahm, daß sie die gleichen Worte wiederholte. Bei näherer Betrachtung erkannte ich, daß es der Teufel war, der ihr die gleiche Lektion ins Ohr ihrer Faulheit flüsterte. Damals verstand ich, daß der Herr damals dieses Wort gleichsam im Namen aller eigenwilligen Seelen (nufus-u emmare) ausgesprochen hatte. Es war ihm gleichsam in den Mund gelegt worden. Damals hatte ich zu mir selbst gesagt: «Auch ich habe solch eine eigenwillige Seele. Wer sich aber in seiner eigenen Gesinnung (nefs) nicht zu bessern vermag, vermag auch andere nicht in ihrer Gesinnung zu wandeln. Wenn dies aber nun so ist, so will ich bei meiner eigenen Seele anfangen. »

Ich sagte zu mir: «Oh meine Seele!... Da sitzt du nun in der Tinte, als habest du die Weisheit getrunken, liegst auf dem Bett deiner Faulheit und schläfst den Schlaf deiner Gottvergessenheit. So laß dir denn durch mich die folgenden fünf Ermahnungen entgegenhalten...

Erste Ermahnung: Oh meine arme Seele! Ist dein Leben etwa ewig? Hast du etwa einen festen Vertrag dafür, daß du noch bis nächstes Jahr, ja auch nur bis morgen am Leben bleiben wirst? Was deinen Überdruß bewirkt, ist dein Traum von einem ewigen Leben. In deinem Übermut verbummelst du dein Leben, als könntest du ewig in dieser Welt bleiben. Könntest du verstehen, wie kurz dein Leben ist, ja in Unfruchtbarkeit dahingeht, sicherlich brächte dich das dazu, von vierundzwanzig Stunden eine für das wahre Leben und die ewige Glückseligkeit zu opfern, um einen schönen, angenehmen und leichten Dienst zu verrichten, der dir Barmherzigkeit (rahmet) bringt. Du würdest deine Langeweile überwinden. Es könnte dich dazu veranlassen, dich allen Ernstes nach einem solchen Dienst zu sehnen, ihn als willkommen anzusehen und Geschmack an ihm zu finden.

Zweite Ermahnung: Oh meine Seele, die du dem Bauch dienst! Du ißt Tag für Tag Brot, trinkst Wasser, atmest Luft ein. Macht das nicht überdrüssig? Sicherlich nicht; denn in dem ständig wiederkehrenden Bedürfnis danach bekommst du nicht Überdruß, sondern Appetit.

Wenn das aber so ist, dann kann auch das Gebet, das für die Freunde in deinem Hause, welche mein Körper ist, nämlich für mein Herz eine Labsal, für meinen Geist das Wasser des Lebens und für die Blumen des Herrn (= die feineren Sinnesorgane der Seele) gleich einer Liebkosung des Windes ist, der durch das Gebet angezogen, herbeigelockt wird, niemals zur Langeweile führen. In der Tat kann ein Herz, das von grenzenlosem Kummer und Schmerz heimgesucht und geplagt, zahllosen Genüssen verfallen und von unendlichen Hoffnungen umschmeichelt ist, nur dann mit der notwendigen Kraft und Ausdauer versorgt werden, wenn es in flehentlichem Gebet an die Pforte des Freigebigen und Allbarmherzigen pocht, der da aller Dinge mächtig ist. Ja, in dieser vergänglichen Welt, durch die die Seele (ruh) so schnell hindurcheilt, Weh!-schreiend ob der Trennung von all den Dingen und Geschöpfen, mit denen sie doch in Beziehung steht, kann der Durst nur mit dem Wasser des Lebens aus dem Brunnen der Barmherzigkeit gestillt werden, wenn sich die Seele im Gebet dem Ewig-Angebeteten (Ma'bud-u Baki) und Immerdar-Geliebten (Mahbub-u Sermedi) zuwendet, der alle Dinge übertrifft. Ja, die bewußte meditative Wahrnehmung des Menschen (syrr-y insani) und die lichterfüllten Blumen des Herrn (latife-i Rabbaniye), die sich von Natur aus nach Ewigkeit sehnen und für die Ewigkeit erschaffen wurden, die ein Spiegel des Herrn (Zat) von Ewigkeit zu Ewigkeit und so äußerst fein und empfindsam sind, bedürfen unter den kummervollen, zermürbenden, beklemmenden, vergänglichen, finsteren und bedrückenden Ereignissen dieses Lebens ganz besonders eines beständigen Atemholens und nur durch das Fenster des Gebetes vermögen sie eine solche Liebkosung zu empfangen.

Dritte Ermahnung: Oh meine ungeduldige Seele! Du denkst noch heute darüber nach, wie du dich in vergangenen Tagen darum bemüht hast, Gott zu dienen (ibadet), wie du dich angestrengt hast, dein Gebet zu verrichten, wie du dich wegen deines Unglücks geplagt hast und du machst dir darüber Sorgen. Desgleichen stellst du dir die Aufgabe künftigen Gottesdienstes (ibadet), die Verpflichtung zum Gebet und das Leiden an einem kommenden Unglück schon heute vor und zeigst dich ungeduldig. Aber ist das denn überhaupt sinnvoll? In deiner Ungeduld gleichst du einem Kommandanten, der sich in seiner Verwirrung so verhält, daß er seine eigene Kampfkraft in der Mitte schwächt, indem er eine starke Streitmacht zum rechten Flügel befiehlt, obwohl der rechte Flügel der feindlichen Streitmacht bereits zum rechten Flügel der eigenen Streitmacht übergelaufen ist. Obwohl also nun der linke Flügel des Feindes von Soldaten entblößt ist, schickt er eine starke Streitmacht dorthin,wo doch gar niemand angelangt ist und befiehlt:« Feuer!» So sind seine eigenen Streitkräfte aus der Mitte ganz und gar abgezogen. Der Feind erfaßt die Lage, greift in der Mitte an und stiftet dort heillose Verwirrung. Du gleichst ihm in der Tat. Denn die Anstrengungen der vergangenen Tage sind heute in Barmherzigkeit verwandelt worden. Schmerz ist vergangen; Freude ist geblieben. Plage hat mit (Gottes) Gnadengabe einen Bund geschlossen; Anstrengung verwandelte sich in Belohnung. Wenn das aber so ist, dann darfst du über all dem nicht Überdruß und Langeweile empfinden, vielmehr eine neue Begeisterung, eine wiedererwachte Freude in dir verspüren, die dich kräftig dazu anspornt, weiterzumachen. Was aber die künftigen Tage betrifft, so ruhen sie noch in der Zukunft Schoß. Schon heute darüber nachzudenken und dabei Langeweile und Überdruß zu empfinden ist die gleiche Torheit, wie schon heute über dem Gedanken an Hunger und Durst in Wehgeschrei und Tränen auszubrechen. In Anbetracht dieser Tatsache solltest du in dem Gedanken an Dienst und Anbetung nur beim Heute verweilen, wenn du verständig bist. Und sprich: «Ich opfere eine Stunde (des heutigen Tages) für einen willkommenen, schönen und erhabenen Dienst, der nur wenig Mühe kostet, aber reichen Lohn bringt.» Dann wird sich dir die Bitternis jeglichen Überdrusses in die Süßigkeit jeglicher Begeisterung verwandeln.

So sind denn dir, meine ungeduldige Seele, drei Arten von Geduld auferlegt.

Eine ist die Geduld gegenüber Gott (in Dienst und Anbetung).

Eine andere ist die Geduld im Aufruhr (der eigenen Natur gegenüber Gott).

Eine weitere schließlich ist die Geduld im Unglück. Wenn du verständig bist, dann nimm dir die Wahrheit, die in dem Beispiel zu dieser dritten Ermahnung sichtbar wird, als Richtschur. Ermanne dich und rufe: « Ya Sabur!» (= Geduld, als einer der wundervollen Namen Allahs). Schultere diese drei Arten der Geduld. Die Kraft dieser Geduld, die Gott der Gerechte dir verliehen hat, wird dir, so du sie nicht auf einem falschen Weg verstreust, in jeglicher Mühsal und Plage hinreichend sein... und auf diese Kraft stütze dich...

Vierte Ermahnung: Oh meine verwirrte Seele! Ist denn Dienst und Anbetung eine Aufgabe, die zu keinem Ergebnis führt? Ist,dir der Lohn dafür zu gering, so daß es dir nun leid wird? Denn wenn dir jemand etwas Geld gibt, oder du einfach dazu gezwungen bist, so arbeitest du für ihn bis zum Abend. Und du arbeitest, ohne daß es dir leid wird. Ja ist denn ein Gebet, das in dem Gasthaus dieser Welt Nahrung und Reichtum in der Not deines armen Herzens, Nahrung und Licht in dem Grab, das mit Sicherheit einmal deine Wohnstatt sein wird, Zeugnis und Freispruch auf dem Wiederversammlungsfeld, das in jedem Fall einmal dein Richtplatz sein wird, Licht und Reittier (buraq) auf der «Syrat»-Brücke, über die du einst gehen mußt, ob du willst oder nicht, etwa wirkungslos und ohne Ergebnis? Oder ist sein Lohn etwa zu wenig?

Gäbe dir jemand das Versprechen, dir ein großes Geldgeschenk zu machen, du würdest hundert Tage für ihn arbeiten. Es könnte sein, daß er sein Versprechen nicht einhält, du aber vertraust auf ihn und arbeitest für ihn, ohne zu murren. Wenn aber nun eine Persönlichkeit, für die es unmöglich ist, daß Sie Ihr Versprechen bräche, dir das Paradies zum Lohn und die ewige Glückseligkeit zum Geschenk versprechen wollte und dich dann für eine ganz kurze Zeit und für eine sehr schöne Aufgabe einstellte, und wenn du dann Ihr nicht dienen wolltest oder deinen Dienst nur widerwillig oder halbherzig verrichtetest oder nur deinem Herrn zu Spott oder Ärger, so daß du Ihn beleidigst oder Sein Geschenk gering achtest, ja denkst du denn nicht, daß du eine schwere Strafe empfangen und furchtbare Qualen erleiden würdest? Wenn du in dieser Welt aus Angst vor dem Gefängnis ohne zu murren den schwersten Dienst verrichtest, spornt es dich denn dann nicht dazu an, aus Furcht vor der ewigen Gefängnisstrafe der Hölle einen leichten und angenehmen Dienst zu verrichten?

Fünfte Ermahnung: Oh du meine Seele, die du die Welt anbetest! Rührt deine Abneigung gegen den Gottesdienst (ibadet) und deine Nachlässigkeit im Gebet etwa von einem Übermaß an weltlichen Beschäftigungen? Oder ist es deshalb, weil du in deiner Sorge um das tägliche Brot so beschäftigt bist, daß du darüber hinaus keine Zeit mehr findest? Oder bist du etwa nur für das Diesseits erschaffen worden, so daß du all deine Zeit dafür aufwendest? Du weißt, daß du hinsichtlich deiner Fähigkeiten über allen Tieren stehst, doch in der Beschaffung aller lebensnotwendigen Dinge für dieses irdische Leben vermagst du weniger als ein Sperling. Warum aber ziehst du dann daraus nicht die Schlußfolgerung, daß es nicht deine ureigentliche Aufgabe ist, dich abzuplagen wie ein Tier, vielmehr dich wie ein wahrer Mensch um das wahre und ewige Leben zu bemühen. Außerdem ist das, was du eine weltliche Tätigkeit nennst, zumeist etwas, das dich nichts angeht. Es sind leerlaufende Beschäftigungen, mit denen du dich überflüssiger Weise einmischst und nur alles durcheinander bringst. Du unterläßt das Notwendigste und vertreibst dir die Zeit mit nutzlosen Informationen, als hättest du ein Leben von Jahrtausenden vor dir. Du fragst zum Beispiel: «Woraus bestehen die Ringe des Saturn?» oder: «Wie viele Rassen von Hühnern gibt es in Amerika?» und vertreibst dir mit dergleichen wertlosen Dingen deine wertvolle Zeit. Als ob du durch Astronomie und Geographie, durch die Wissenschaft und Statistik zur Vollkommenheit (kemal gelangen könntest!...

Sagtest du: «Was mich von Gebet und Gottesdienst (namaz ve ibadet) abhält und eine Art von Lustlosigkeit und Verdrossenheit in mir aufkommen läßt, sind nicht dergleichen überflüssigen Dinge, es sind vielmehr alle jene unabdingbaren Verrichtungen, die mit der Sorge um das tägliche Brot verbunden sind.» Wäre dies so, dann würde ich dir sagen: «Angenommen, du müßtest für hundert Kurusch am Tag arbeiten. Dann käme jemand zu dir und sagte: Komm und schürfe hier für zehn Minuten, dann wirst du Smaragde und Diamanten im Werte von hundert Lira finden! würdest du ihm dann entgegnen: Nein, ich komme nicht. Es würde meinen Tagelohn von hundert Kurusch schmälern, würde mir am Lebensunterhalt fehlen... dann weißt du, was für eine törichte Ausrede das wäre.» Denn genau so arbeitest auch du in diesem Weinberg für deinen Lebensunterhalt. Wenn du nämlich die vorgeschriebenen Gebete vernachlässigst, wird die ganze Frucht deiner Arbeit sich lediglich auf weltlichen, bedeutungslosen Lebensunterhalt beschränken und ohne Segen sein. Wenn du die Zeit für Ruhe und Erholung aber dazu verwendest, dem Atemholen deiner Seele (ruh) und der Ruhe deines Herzens zu dienen, wirst du dir zusätzlich zu einem segensreichen irdischen Lebensunterhalt auch noch einen himmlischen Lebensunterhalt verdienen, einen Vorrat für das jenseitige Leben ansammeln und einen wichtigen Brunnen entdecken, der aus zwei geistigen Quellen gespeist wird:

Erste Quelle: Von allem, was du in deinem Garten*

* Anmerkung: Wenn an dieser Stelle ein Garten als Beispiel gewählt wurde, so geschah dies, um auf diese Weise eine ganz bestimmte Person anzusprechen.

pflanzt, seien es nun Obstbäume oder Blumen, von jeder Blume und von jedem Baum, der unablässig Gottes Lobpreis verkündet (tesbihat), wirst du in deiner guten Absicht (niyet) einen Anteil bekommen.

Zweite Quelle: Darüber hinaus gilt noch: Wer auch immer von dem Ertrag dieses Gartens ißt, sei es ein Tier oder ein Mensch, eine Ziege oder eine Fliege, ein Käufer oder Dieb, es wird dir als Sadaka (Spende) angerechnet werden, allerdings unter der Bedingung, daß du darüber im Namen des wahren Versorgers (Rezzak-y Hakiki) und innerhalb der erlaubten Grenzen verfügst und dich selbst dabei wie einen Verwalter betrachtest, der von den Gütern seines Herrn und Gottes Wohltaten an Seine Geschöpfe austeilt.

Schau also, welch großen Verlust der erleidet, der das Gebet vernachlässigt und welch bedeutenden Reichtum er dadurch verliert. Von diesen beiden Ergebnissen, aus denen ihm Freude erwächst und von den beiden Quellen, aus denen er eine große geistige Kraft für seine Arbeit erhält, bleibt er ausgeschlossen und geht zugrunde. Ja im Alter verliert er sogar die Freude an seiner Arbeit im Garten, wird ihrer überdrüssig.«Was geht es mich an,» sagt er... « Ich gehe ohnehin aus dieser Welt. Warum soll ich dann so viele Mühe darauf verwenden?» So verfällt er der Faulheit. Doch der erste Mann sagt: «Ich werde mich in meinem Dienst für Gott noch mehr einsetzen und mich um die erlaubten Früchte der Arbeit bemühen, so daß ich noch mehr Licht in mein Grab senden werde. Ich werde für mein Leben im Jenseits einen noch größeren Vorrat anlegen.»

Zusammenfassung: Oh meine Seele! Wisse, daß der gestrige Tag deinen Händen entglitten ist. Was aber den morgigen betrifft, so hast du in deiner Hand keine Garantie dafür, daß er dir gehören wird. Wenn dies aber so ist, so wisse, daß dein wahres Leben in dem Tag zu finden ist, in dem du lebst. Darum verbringe auf jeden Fall wenigstens eine Stunde täglich in der Mosche oder auf deinem Gebetsteppich. Das wird für dich so sein, als habest du sie in eine Sparbüchse des Jenseits für deine wahre Zukunft gelegt. Und überdies wisse, daß jeder neue Tag ein Tor zu einer neuen Welt ist für dich und für jedermann. Wenn du das Gebet nicht verrichtest, wird deine Welt an jenem Tage in Finsternis und Verwirrung an dir vorbeigleiten. Dieser Tag wird in der Welt der Beispiele (alem-i misal) als ein Zeuge gegen dich auftreten. Denn ein jeder lebt täglich in einer eigenen Welt innerhalb dieser unserer Welt. Diese Welt gestaltet sich entsprechend dem Herzen und den Handlungen des Menschen. Denn ein königliches Schloß, das man in einem Spiegel betrachtet, nimmt die Farbe dieses Spiegels an. Ist dieser schwarz, sieht es auch schwarz aus. Ist er rot, sieht es auch rot aus. Außerdem ist das Aussehen des Schlosses auch noch von der Form des Spiegels abhängig. Ist das Spiegelglas eben, wird es das Schloß gut abbilden. Ist es uneben, wird das Spiegelbild verzerrt sein. So wie sich dir die feinsten Dinge vergröbert zeigen, so kannst du deine eigene kleine Welt mit dem Herzen, mit dem Verstand, mit deiner Seele, durch deine Handlungen verändern und gestalten. Sie wird dann für dich oder gegen dich Zeugnis ablegen. Wenn du betest und dein Antlitz im Gebet dem Baumeister dieser Welt in Seiner Majestät (Sani-i Zülcelal) zuwendest, wirst du diese deine kleine Welt plötzlich erleuchtet finden. Es ist, als sei das Gebet eine elektrische Lampe und deine Absicht (niyet) zu beten wie die Bedienung ihres Schalters, so daß die Dunkelheit dieser Welt weichen muß. So zeigt es sich, daß die so chaotischen und so verwirrenden Zustände in dieser Welt, all die Bewegungen und Veränderungen in diesem Tohuwabohu in Wirklichkeit Ausdruck weisheitsvoller Ordnung sind, ein Schriftzug der Macht voll tiefer Bedeutung. So fällt aus dem Licht

«Allah ist das Licht der Himmel und der Erden.» (24,35)

ein Strahl in dein Herz. An jenem Tage wird deine kleine Welt von dem Reflex dieses Lichtes erhellt sein. In diesem Licht wird sie für dich Zeugnis ablegen.

Hüte dich also davor, jemals zu sagen: «Mein Gebet, was ist das schon?... und was ist dagegen ein wahrhaftiges Gebet?» Denn ein Dattelkern enthält wie ein Dattelbaum in sich selbst die Eigenschaften dieses Dattelbaumes. Der Unterschied besteht wie zwischen einer Kurzfassung und einer ausführlichen Darstellung lediglich darin, daß das Gebet gewöhnlicher Leute wie du und ich - auch wenn wir es nicht spüren - seinen Anteil am Licht eines großen Heiligen (veli) erhält, das Geheimnis seiner Wahrhaftigkeit empfängt - auch wenn du dir dessen nicht bewußt bist. Doch je nach der Entwicklungsstufe des Menschen entfaltet sich auch sein Gebet, unterscheiden sich die verschiedenen Gebete nach ihrer (Licht)ausstrahlung. So wie es vom Dattelkern bis zur ausgewachsenen Palme viele verschiedene Stufen gibt, so finden sich auch zwischen den unterschiedlichen Graden des Gebetes noch mehr verschiedene Stufen. Doch auf all diesen Stufen treffen wir die Wesensmerkmale dieser wahrhaftigen lichten Ausstrahlung...

Oh Allah! Sende herab Deinen Frieden und gieß e,aus Deinen Segen auf den, der gesagt hat: «Das Gebet ist die Säule des Glaubens», und ügber.seine Familie und alle seine Gefährten.

Schlußwort

«Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Denn dieses irdisce Leben ist nichts als ein trügerischer Genuß(3,185)

Ein Schlag ins Gesicht für die Gottvergessenen und eine Lektion zur Ermahnung Oh du meine unglückselige Seele, die du in der Gottvergessenheit (ghafla) versunken bist und dir dieses Leben süß erscheint, die du das Jenseits vergessen hast und dich nach dem Weltleben sehnst! Weißt du, wem du gleichst? Dem Vogel Strauß! Er sieht den Jäger und kann nicht fortfliegen. Er steckt den Kopf in den Sand, damit der Jäger ihn nicht sehen soll. Der ganze Körper aber bleibt draußen. Der Jäger sieht ihn. Er aber hat seine Augen im Sand vergraben und sieht nichts. Oh Seele, betrachte und sichte das folgende Gleichnis:

Wessen Blickwinkel sich auf diese Welt beschränkt, dessen hochgeschätzte Genüsse verwandeln sich in Kummer und Gram. So finden sich z.B. hier in diesem Dorf (d.h. in Barla) zwei Männer. Neunundneunzig von hundert Freunden des einen sind nach Istanbul gegangen und fühlen sich dort wohl. Nur ein einziger von ihnen ist hier geblieben. Auch er wird dorthin gehen. Darum sehnt sich dieser Mann nach Istanbul, denkt daran, möchte zu seinen Freunden gelangen. Wann immer man zu ihm sagen wird: «Gehe dorthin!» wird er mit einem frohen Lächeln hinübergehen. Was aber den anderen Mann betrifft, so sind von hundert seiner Freunde neunundneunzig weggegangen. Ein Teil von ihnen ist zugrunde gegangen. Ein anderer Teil von ihnen ist in unbekannten Gegenden untergetaucht und die Verbindung zu ihnen ist abgebrochen. Er hält sie alle für verschollen und denkt, daß sie ihr Ende gefunden haben. Dieser bedauernswerte Mann hält an Stelle all dieser die Freundschaft nur noch mit einem einzigen Gast aufrecht und versucht sich mit ihm zu trösten. Mit ihm versucht er den Kummer und Gram über die Trennung zu überdecken.

Oh Seele! Alle deine Freunde, ihnen allen voran der Geliebte Gottes, befinden sich auf der anderen Seite des Grabes. Die ein, zwei restlichen, die noch übrig geblieben sind, werden auch noch dahin gehen. Schrecke vor dem Tode nicht zurück, fürchte dich nicht vor dem Grab und wende dich nicht ab! Ermanne dich, sieh und höre, was das Grab von dir fordert! Lache dem Tod mannhaft ins Gesicht und siehe, was er wünscht! Hüte dich davor, dem zweiten Mann in seiner Gottvergessenheit zu gleichen!

Oh Seele! Sage nicht: «Die Zeit hat sich geändert, die heutigen Anschauungen sind ganz anders geworden. Jedermann ist den irdischen Dingen verhaftet. Ein jeder betet das Leben an, hat den Kopf voll von Sorgen um das tägliche Brot.» Denn der Tod ändert sich nicht. Trennung verwandelt sich nicht in Beständigkeit und wird nicht ausgetauscht. Die Schwächen der Menschheit und die Armseligkeit der Erdenbürger wird nicht aufgehoben, vermehrt sich vielmehr noch. Die Reise des Menschen wird nicht abgebrochen, sondern beschleunigt.

Und sage nicht: «Auch bin ich wie jeder andere.» Denn jeder verleiht dir seine Kameradschaft nur bis ans Tor des Grabes. Der Trost, mit jedem im Unglück zusammen zu sein, hat jenseits des Grabes keinen Wert.

Glaube aber auch nicht, du wärest dir selber überlassen! Denn wenn du das Gasthaus dieser Welt mit den Augen der Weisheit betrachtest, so wirst du sehen, daß nichts darin ohne einen Sinn und Zweck ist. Wie aber könnte dann dein Leben ohne Sinn und Zweck sein? Auch Ereignisse wie ein Erdbeben oder andere Naturkatastrophen sind nicht Spielzeug des Zufalls.

Zum Beispiel: Die Erde ist mit den verschiedensten Arten von Pflanzen und Tieren wie mit wundersam geordneten und aufs schönste geschmückten, teils übereinander liegenden, teils ineinander verschlungenen Gewändern von Kopf bis Fuß bekleidet, die, wie man sieht, äußerst sinnvoll und besonders zweckmäßig angepaßt und ausgestattet sind und sie dreht sich wie ein Mevlevi-Dervish, der ob der überaus hohen Ziele und der vollkommenen Ordnung in Ekstase geraten ist, wie man weiß, um sich selbst und im Kreise. Betrachtet man ein so todbringendes Ereignis, welches zugleich ein Zeichen des Lebens der Erde ist, wie ein Beben*, das einem Achselzucken der Erde gleicht, welche die unsichtbare Last der gottvergessenen Handlungen ihrer Adamssöhne und besonders der gläubigen unter ihnen bedrückt, als völlig sinnlos und rein zufällig, wie ein Ungläubiger das behauptet hat, dann werden dadurch.alle die vom Unglück betroffenen in ihrem leidvollen Verlust, den man ihnen als ein nutz- und sinnloses Opfer ohne jeden Gewinn dargestellt hat, in fürchterliche Verzweiflung gestürzt. Eine solche Behauptung ist nicht nur ein großer Fehler, sondern zugleich auch ein großes Unrecht. Sicherlich geschehen solche Ereignisse auf Befehl eines Allweisen und Allbarmherzigen, so daß die Gläubigen ihr vergängliches Gut in Almosen (sadaka) verwandeln und ihm so Ewigkeitswert verleihen können. (Allah quittiert gleichsam das bei einem Erdbeben verlorengegangene Hab und Gut so, als hätten es die Gläubigen als Spende gegeben. - d. Ü.) Es gilt zugleich als ein Sühneopfer für die Sünden, die aus der Undankbarkeit gegenüber den göttlichen Gnadengaben (nimet) erwachsen sind. So wird auch einmal der Tag kommen, da unsere gute, brave Erde sieht, daß die Werke der Menschen, die der Schmuck ihres Antlitzes sind, durch Undankbarkeit und Abgötterei häßlich geworden sind. Dann wird sie auf Befehl ihres Schöpfers in einem einzigen großen Beben ihr Antlitz ganz und gar reinigen und abwischen. Auf Allahs Befehl kippt sie alle Leute der Abgötterei (schirk) in die Hölle. Den Leuten der Dankbarkeit aber wird gesagt: «Auf! Treten ein in das Paradies.»

* Anmerkung: Dies wurde hinsichtlich des Erdbebens in Izmir geschrieben.

« Oh ihr Menschen! Betet euren Herrn an, der euch erschaffen hat und auch die, welche vor euch da waren, damit ihr Gottesfürchtige werdet, und der für euch die Erde wie einen Teppich ausgebreitet und den Himmel über euch erbaut hat, der euch das Wasser herabsendet. und euch so die Früchte zu eurer Versorgung hervorbringt. Stellt Allah keinen Nebenbuhler an die Seite, wo ihr es doch wiß t!» (2,21-22)

Das heißt: «Oh Menschen! Dienet eurem Herrn, der euch und die, welche vor euch waren, erschaffen hat und betet ihn an, damit ihr die Stufe der Gottesfurcht (takva = Rechtschaffenheit, Wachsamkeit gegenüber den Sünden) erlangen könnt. Und noch einmal (sage ich euch) : Dient eurem Herrn, der euch die Erde zu einer Lagerstatt gestaltet und den Himmel wie ein Dach über euch erbaut hat, der euch Wasser vom Himmel herabsendet, dadurch Obst und Gemüse und andere Früchte der Erde zu eurer Versorgung hervorbringt. Weil dies aber so ist, sollt ihr euch von Allah kein Gleichnis machen und Ihm keinen Partner (scherik) an die Seite stellen. Wisset, daß es außer Allah keinen Angebeteten (Ma'bud) und keinen Schöpfer (Halyk) gibt.»

Was den Glauben (iman) in Theorie und Praxis fest und stark werden läßt, so daß er zu einer inneren Haltung wird, das ist einzig der Gottesdienst (ibadet). Die Taten und Werke, die sich als Folge aus einem Glauben ergeben, der mit dem Herzen und dem Verstand übereinstimmt, bleiben wirklich schwach, wenn das Urteilsvermögen nicht geschult und die Bereitschaft zur Entscheidung nicht durch einen Gottesdienst unterstützt wird, der darin besteht, die Weisungen Allahs auszuführen und sich vor der Übertretung Seiner Verbote zu hüten. Für diese Tatsache ist die derzeitige Lage in der Welt des Islam und die Haltung der Muslime heute ein Zeugnis. Der Gottesdienst führt zu einem glücklichen Leben in dieser und in jener Welt. Er ist ebenso Ursache einer Wiederherstellung der Harmonie in unseren Werken für das Leben in dieser und in jener Welt. Er ist weiter ein Fahrzeug zur Erlangung der Vollkommenheit für den einzelnen Menschen wie für die Menschheit als Ganzes. Und er ist schließlich Ausdruck einer hohen und erhabenen Beziehung zwischen dem Schöpfer (Halyk) und Seinem Diener und Verehrer (abd) und eine ehrenvolle Verbindung zwischen beiden.

Die nachfolgenden Aspekte sollen näher erläutern, daß Gottesdienst dem Glück in dieser wie in jener Welt dient.

Erstens: Der Mensch wurde mit seiner Natur in einer so wunderbaren und dermaßen delikaten Art erschaffen, daß er unter allen Tieren eine Ausnahme bildet und sie alle überragt. Diese Art der Beschaffenheit ließ im Menschen die allerverschiedensten Wünsche und Sehnsüchte erwachsen. So verlangt z. B. der Mensch nach den ausgewähltesten Dingen, sehnt sich nach den schönsten Dingen, strebt nach den kunstvollsten Dingen, möchte seinen Lebensunterhalt in Ehren erwerben und ein Leben führen, wie es der Würde des Menschen entspricht.

Infolge dieser Wünsche und Sehnsüchte bedarf er vieler künstlerischer und handwerklicher Fähigkeiten und Fertigkeiten, um seine Bedürfnisse nach, Nahrung, Kleidung usw. auf eine Art zu befriedigen, die ihm gefällt.

Weil er aber nicht alle Techniken beherrschen kann, ist es notwendig, daß er mit den übrigen Geschwistern der Menschheit zusammenarbeitet, damit jeder von ihnen an den Früchten seiner Arbeit teilnehmen und dem anderen durch diesen Austausch hilfreich sein möge, damit auf diese Weise die Bedürfnisse aller befriedigt werden können.

Nun sind aber den Antriebskräften des Menschen in rationaler, emotionaler und voluntaristischer Hinsicht von Seiten seines Schöpfers (Sani) keine Grenzen gesetzt. Alle diese Kräfte wurden dem Menschen gegeben, damit er sich entscheiden solle und um so seine Entwicklung zu ermöglichen. In der Praxis führt dies jedoch zu Ungerechtigkeit und Maßlosigkeit. Um derartige Übergriffe in der Verteilung der Früchte der Arbeit einzudämmen, bedarf es in der menschlichen Gemeinschaft eines Rechtssystems (adalet). Weil aber der Verstand des Einzelnen zu schwach ist, um ein solches Rechtssystem zu durchschauen, bedarf es eines allgemeinen, übergeordneten Verstandes, dessen sich dann die einzelnen Menschen bedienen können. Ein solcher allgemeiner, übergeordneter Verstand kann sich nur in Form eines Gesetzes äußern. Dieses Gesetz aber ist einzig allein die Scheria (= das isl. Rechtssystem).

Jetzt aber bedarf es einer Autorität, einer Persönlichkeit, welche sicherstellt, daß diese Gesetze (Scheria) auch wirksam werden, durchgeführt und in die Praxis umgesetzt werden. Diese Autorität, diese Persönlichkeit ist einzig allein der Prophet. Eine solche Persönlichkeit, wie sie der Prophet ist, benötigt aber nicht nur geistliche und weltliche Hoheitsrechte und Privilegien,um die Herrschaft über die Menschen nach innen und außen aufrecht erhalten zu können, er muß auch den Beweis dafür erbringen, in welchem Grade er mit seinem Schöpfer verbunden ist, und seine Beziehung zu Ihm aufzeigen können. Solch ein Beweis sind einzig allein die Wunder (mucize).

Und weiter ist es nötig, die gewaltige Größe des Meisters in der geistigen Haltung zu verankern, um den Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes des Gerechten und die Unterwerfung unter seine Verbote aufzurichten und sicherzustellen. Diese Verankerung kann aber nur in der Glaubenslehre erfolgen, d.h. in der Manifestation des Glaubens durch dessen Konsequenzen. Diese Konsequenzen, die sich aus dem Glauben ergeben, können aber nur in der ständigen Wiederholung des Gottesdienstes und seiner Erneuerung verstärkt und entfaltet werden.

Zweitens: Gottesdienst (ibadet) besteht darin, sich in seinen Gedanken (fikir) dem allweisen Meister zuzuwenden. Wendet der Diener und Verehrer (abd ) dem allweisen Meister sein Antlitz zu, so erwächst daraus der Gehorsam und die Unterwerfung. Durch Unterwerfung und Gehorsam aber gelangt der Diener Gottes zu einer vollkommenen Harmonie mit der göttlichen Ordnung. Hat aber der Diener Gottes vollkommene Harmonie mit der göttlichen Ordnung erlangt, so realisiert er auch das Geheimnis der Weisheit in der Befolgung Seiner Anordnungen. Diese Weisheit aber offenbart sich in den kunstvollen Ornamenten, wie sie auf den Seiten im Buche der Schöpfung erstrahlen.

Drittens: Der Mensch ist gleichsam die Zentrale unter den Anordnungen der gesamten Schöpfung, den Gesetzen des Kosmos und der Mittelpunkt unter den göttlichen Strahlen Seiner Gebote im All. Deshalb muß der Mensch mit diesen Gesetzen zusammenwirken, sich mit ihren Auswirkungen verbunden wissen, sich an die Rockschöße der göttlichen Gebote heften, sich an ihnen festhalten, um so den allgemeinen Ablauf der Dinge sicherzustellen. Stellt er sich jedoch dem Lauf der Mühlräder in den verschiedenen Schichten der Welt entgegen, so gerät er in den Mahlgang und wird zwischen den Mühlsteinen zerrieben. Daß dies nicht geschieht, dankt er einzig dem Gottesdienst, der darin besteht, die Weisungen Gottes und Seine Verbote zu achten.

Viertens: Ein Mensch, der den Weisungen Gottes folgt und Seine Verbote achtet, tritt mit vielen verschiedenen Stufen des gesellschaftlichen Lebens in Verbindung und baut seine Beziehungen zu ihnen auf. Besonders aber in Angelegenheiten des Glaubens und des allgemeinen Wohls wird der einzelne zum Vertreter eines ganzen Volkes. Das heißt, daß sehr viele Aufgaben wie Rechte, Würden, Anleitungen zum rechten Leben (irschad), Unterweisungen und Reformen einer einzigen Persönlichkeit zugeschrieben werden. Gäbe es nicht eine solche Persönlichkeit, welche sich an die Weisungen hält und die Verbote achtet, so würden alle diese Aufgaben (vazife) mit Füßen getreten werden.

Fünftens: Der Mensch tritt, äußerlich gebunden durch die Religion des Islam und innerlich verbunden im Gottesdienst (ibadet) in eine feste Verbindung mit allen Muslimen und erhält in ihnen ein starkes Bündnis und eine festen Bund. Aus ihnen erwächst eine Bruderschaft, die nicht zu erschüttern ist und in ihnen liegt die Ursache zu einer wahren Freundschaft (muhabbet). Und gerade für den Fortschritt und die Vollendung einer menschlichen Gemeinschaft heißen die allerersten und grundlegenden Stufen Bruderschaft und Freundschaft.

Erklärung dafür, daß Gottesdienst (ibadet) Ursache persönlicher Vollendung ist: Der Mensch, der doch körperlich so klein, schwach und armselig ist und physisch noch zu den Tieren hinzugerechnet wird, ist dennoch Träger eines großen Geistes (ruh), besitzt überragende Fähigkeiten, wird vom Drängen seiner Sehnsüchte rastlos vorwärts getrieben und nährt in sich Hoffnungen ohne Zahl und Grenzen, seine Ideen sind unzählig, seinen Antriebskräften wie Wollen und Sehen kann kein Einhalt geboten werden, seine Beschaffenheit ist so erstaunlich, als sei er gleich einem Inhaltsverzeichnis aller Gattungen und Welten erschaffen worden.

Was nun diesen hohen Geist (ruh) des Menschen über sich hinaus zu wachsen anregt, ist der Gottesdienst (ibadet). Was all seine Fähigkeiten sich entwickeln läßt, ist Ibadet. Was seine Sehnsüchte sichten und reinigen hilft, ist Ibadet. Was ihm die Erfüllung seiner Hoffnungen verleiht, ist Ibadet. Was seiner Ideenwelt neue Horizonte erschließt und sie doch einer festen Ordnung unterstellt, ist Ibadet. Was seinen Antriebskräften, all seinem Sehnen und Wollen Einhalt zu gebieten vermag, ist Ibadet. Was die Sinnes- und Wahrnehmungsorgane Leibes und der Seele von den Rostflecken einer «aufgeklärten» Naturwissenschaft befreit, ist Ibadet. Was den Menschen zu der ihm zugedachten Vollkommenheit heranreifen läßt, ist Ibadet. Die höchste und die tiefste Verbindung zwischen dem Einzig-Angebeteten (Ma'bud) und Seinem Anbeter (abd) ist einzig allein Ibadet.

In der Tat ist die höchste Stufe der menschlichen Vollkommenheit dieses Verhältnis und diese Verbundenheit.

Anmerkung: Der Geist (ruh) des Gottesdienstes (ibadet) ist die Aufrichtigkeit (ihlas). Aufrichtigkeit aber bedeutet, daß das Gebet (ibadet) einzig verrichtet wird, weil befohlen wurde, es zu verrichten. Stellt es sich heraus, daß ein anderer Sinn oder Zweck dem Gottesdienst als Ursache zugrunde liegt, so ist dieser Gottesdienst hinfällig. Gott zu dienen ist zwar nutzbringend und sinnvoll, doch ist der Nutzen, der aus dem Gebet erwächst, nicht der Grund seiner Verrichtung. (aus dem Band «Ischaratu-1-i'caz»